Rom. Am Donnerstag war in Turin ein 61-jähriger Vater verhaftet worden, dem vorgeworfen wird, seine heute 34-jährige Tochter seit ihrem neunten Lebensjahr in der Wohnung gefangen gehalten und als eine Art Sexsklavin missbraucht zu haben. Ebenfalls in Untersuchungshaft befindet sich ihr älterer Bruder. Er soll sich nicht nur an seiner Schwester vergangen haben, sondern auch an seinen eigenen Töchtern, die heute sechs, acht, zwölf und zwanzig Jahre alt sind.
Obwohl der Fall in Turin - falls die Vorwürfe des Staatsanwalts zutreffen - beklemmende Parallelen zum "Fall Fritzl" im österreichischen Amstetten aufweist, hat das Verbrechen in Italien weder in den Medien noch in der Öffentlichkeit große Resonanz gefunden. Die meisten Zeitungen berichteten, wenn überhaupt, weit hinten über den "Turiner Fritzl". Die Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera und die Turiner Stampa sind die einzigen, die am Wochenende noch zwei etwas ausführlichere Berichte folgen ließen. Aus Radio und Fernsehen ist der Fall nach der ersten Meldung vollständig verschwunden.
Der Mantel des Schweigens, in den der Fall seit Beginn gehüllt ist, hat wohl mit dem sozialen Umfeld und der geografischen Herkunft der Familie zu tun. Das mutmaßliche Verbrechen spielte sich in der trostlosen Turiner Peripherie ab, der Haupttäter ist ein aus dem tiefen Süden Italiens stammender "Padre Padrone", ein Familientyrann, der seine acht Söhne und zwei Töchter offenbar völlig beherrscht hat. "Es geht um psychische Unterwerfung, hervorgerufen durch einen falsch verstandenen Familiensinn", erklärt Polizeichefin Iolanda Seri, die in dem Fall die Ermittlungen geleitet hat.
Die Unterwerfung und gleichzeitige Verehrung gingen sogar soweit, dass sich einer der Söhne ein großes, an ein Heiligenbild erinnerndes Porträt seines Vaters auf den Oberarm hat tätowieren. Die jüngere Tochter, die offenbar keine sexuellen Übergriffe erdulden musste, erklärte öffentlich, dass sie "den Boden küsst, über den mein Vater geht".
Familie als geschlossene Gruppe
Die von den Ermittlern abgehörten Gespräche unter den Familienmitgliedern ergaben "das Bild einer in sich geschlossenen Gruppe, welche unbewusst in einer Hölle lebt, in der Inzest nicht als Anomalie angesehen wurde und in welcher der Vater die erstgeborene Tochter neben dem Ehebett auf einer Pritsche schlafen lässt, um sie immer zu seiner Verfügung zu haben", war im Corriere della Sera zu lesen.
Kritik an der streng patriarchalisch strukturierten Großfamilie aus dem Süden, in welcher "Frauen als Geschöpfe ohne eigenes Leben betrachtet und misshandelt, erniedrigt und vergewaltigt werden", wie der Corriere della Sera schreibt, ist immer noch ein großes Tabu in Italien. Obwohl die patriarchalische Großfamilie auch im Süden immer mehr verschwindet. Außerdem muss betont werden, dass auch in süditalienischen Großfamilien Gewalt und Inzest die Ausnahme und nicht die Regel darstellen.
Unterdessen beteuern nicht nur der "Padre Padrone", sondern auch seine Kinder, dass es niemals zu sexuellen Übergriffen durch den Vater gekommen sei. Die ganze Schuld wird nun auf den ältesten Sohn geschoben. Doch die Abhörprotokolle, bei deren Lektüre sich einem "der Magen umdreht und die nicht zitierbar sind", wie der Corriere della Sera schreibt, lassen wenig Zweifel an der Schuld sowohl des Vaters als auch des ältesten Sohnes.
Außerdem bleiben die älteste Tochter und auch eine Tochter ihres Bruders - bezeichnenderweise die einzige, die sich aus der Großfamilie lösen konnte und weggezogen ist - bei ihren Anschuldigungen.
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