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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

30. November 2012

Islamfeindliche Einstellungen: Die Angst vor der Islamisierung Deutschlands

 Von Naika Foroutan
Schwarz-Rot-Gold ist noch lange nicht alles: BRD heißt Bunte Republik Deutschland.  Foto: Imago/Eyevisto

Ein Blick in die Statistik macht klar, wie unbegründet sie ist: Diese Angst hat wenig mit „den“ Muslimen zu tun. Sie zeigt viel mehr die Unsicherheit mit der eigenen nationalen Identität

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Von den Zuwanderern kommen 69,3 Prozent aus Europa, circa 32,5 Prozent aus einem der 27 EU-Staaten, 17,8 Prozent kamen ursprünglich aus Asien/Australien/Ozeanien. Selbst wenn wir aus diesen Daten die Zuwanderer aus den zentralen muslimisch geprägten Herkunftsländern Türkei und Bosnien herausrechnen, kommen wir auf 53,9 Prozent. Dennoch gibt es die gefühlte Wahrnehmung, Deutschland werde vorrangig von muslimischen Einwanderern überrollt.

Wenn man die demografischen Daten der Zuwanderung nach Herkunftsländern zugrunde legt, stellt sich die Frage, woher die steigende Angst vor einer Überfremdung, mehr noch einer suggerierten Islamisierung herrühren kann? Auch wenn Muslime nur fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen, so ergab doch eine Umfrage im Oktober 2010, dass sich 82 Prozent der Deutschen Sorgen machen, „dass sich der Islam in unserer Gesellschaft zu stark ausbreitet“. Was die Zahl der Muslime angeht, so rangiert Deutschland mit ca. 4 Millionen in absoluten Zahlen in der Europäischen Union an zweiter Stelle hinter Frankreich mit ca. 4,7 Millionen und vor Großbritannien mit circa 2,9 Millionen muslimischen Bürgern.

Interessant sind hier vor allem die Hochrechnungen, die selbst für die kommenden 20 Jahre nicht auf eine signifikante Steigerung und somit nicht auf eine Islamisierung Deutschlands oder Europas schließen lassen. Es wird zwar mit einem Anstieg von fünf auf sieben Prozent gerechnet, dies kann jedoch nicht Grundlage für die weit über „islamkritische“ Blogs hinausgehende Sorge vor einem zu großen Einfluss des Islams in Deutschland sein, die, wie bereits erwähnt, 82 Prozent der Bevölkerung äußern.

Wenn aber die statistischen Hochrechnungen nicht von einem signifikanten Wachstum der muslimischen Bevölkerung in Deutschland ausgehen, dann könnte man die Islamisierungsangst vielleicht konkret mit einer Angst vor radikalen Islamisten und erhöhten Anschlagsgefahren deuten? Aber auch hier liefert das empirische Datenmaterial eher gegenteilige Befunde. So wird zwar im jährlichen Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2011 ein Anstieg des Islamismuspotenzials auf 38 080 Personen beziffert (von zuvor 37 470 im Jahr 2010) und der Präsident des Verfassungsschutzes schätzt die Zahl der Salafisten in dieser Gruppe auf 3 800.

Setzt man diese Zahlen allerdings in Relation zur Gesamtzahl der Muslime in Deutschland, die zwischen 3,8 und 4,3 Millionen liegt, so kommt man auf circa ein Prozent Islamismuspotenzial bei den Muslimen in Deutschland. Rechnet man nun die Zahl der Salafisten auf die Gesamtgruppe um, so muss man sagen, circa 0,1 Prozent der Muslime in Deutschland hegen salafistische Einstellungen. Innerhalb der Gruppierung mit Islamismuspotenzial (38 080 Personen) haben circa zehn Prozent salafistische Einstellungen. Es kann also zusammengefasst werden, dass weder die Befürchtung, Deutschland könne von Muslimen überrannt oder islamisiert werden, noch die Furcht vor einer Radikalisierung der Muslime mit dem empirisch vorfindbaren Datenmaterial korrespondiert.

Radikalisierung der neonazistischen Szene

Zwar soll die Furcht vor radikalisierten Muslimen nicht kleingeredet werden, immerhin reicht im Falle eines terroristisch motivierten Attentats bereits eine kleine Tätergruppe aus, um die gesamte Gesellschaft zu verstören und in Angst und Schrecken zu versetzen. Aber die islamistische Szene wird seit Jahren sehr gut vom Verfassungsschutz kontrolliert. Mit einem hoch aufgestockten Personalbestand, wodurch im Bereich der Rechtsextremismus-Beobachtung offenbar „Pannen“ entstehen konnten.

Tatsächlich befürchtet der Verfassungsschutz derzeit eher eine weitere Radikalisierung der neonazistischen Szene, mit möglichen Anschlagsfolgen vergleichbar dem NSU. Nach den islamfeindlich-motivierten Anschlägen in Norwegen beratschlagten einzelne Landesämter für Verfassungsschutz auch über die Beobachtung ausgewählter Objekte der muslimfeindlichen Szene in Deutschland.

Die islamfeindliche Rhetorik arbeitet mit dem Argumentationsmuster, den Islam als politische Ideologie zu bezeichnen und somit mit Islamismus gleichzusetzen. Sie stellt die Frage in den öffentlichen Raum, ob Islamisten denn überhaupt eine Minderheit unter Muslimen seien, oder ob nicht der Islam als solcher als Glaubensgrundlage der Muslime diese bereits allgemein radikalisiere. Diese pauschalisierende Islamkritik arbeitet mit Suggestionen, wie zum Beispiel der des scheinbaren Zurückweichens europäischer Regierungen und Organisationen vor Islamisten.

Des Weiteren wird den Muslimen unterstellt, sie würden pauschal die Welt in ein „Haus des Krieges“ und ein „Haus des Friedens“ einteilen und diese Welt des Friedens sei nur dort, wo Muslime lebten. Deswegen sei Muslimen selbst dann zu misstrauen, wenn sie offensichtlich integriert wirken, denn ihre wahre Aufgabe sei die Missionierung zum Islam.

Hier findet eine Übertragung von bestimmten angelesenen dogmatischen Wissensinhalten in Bezug auf „den Islam“ auf eine konstruierte Gesamtkategorie von Muslimen statt. Dass dieses dogmatische Wissen in bestimmten salafistischen oder wahhabitischen Gruppierungen und Äußerungen seinen Widerhall findet, bestätigt diese Menschen in ihren pauschal islamfeindlichen Haltungen.

Wachsendes Gefühl der Ausgrenzung unter Muslimen

Gleichzeitig wissen wir: „Der Islam“ wird in Schulbüchern, der Schule, in der Ausbildung, an der Universität und in anderen Bildungseinrichtungen als etwas nicht zu Deutschland Gehörendes kommuniziert – ergo werden auch die Muslime als nicht selbstverständlich zugehörig wahrgenommen. Das kann sowohl islamfeindliche Einstellungen bei Nichtmuslimen zementieren als auch die Selbst- und Fremdwahrnehmung junger Muslime in Deutschland beeinflussen.

So ist als Reaktion auf erfahrene Abneigung ein erstarkendes religiöses Bewusstsein bei Teilen der muslimischen Jugendlichen zu beobachten. Das entstehende und von der anti-muslimischen Agitation geförderte Frustrationsgefühl der Ausgrenzung und der Nichtzugehörigkeit kann nicht nur bei Jugendlichen zu einem Rückzug in eine oft auch künstlich konstruierte ethnische Identität führen. So wird eine als ethnisch oder religiös stabilisierend empfundene, muslimische Community als Rückzugsraum gesucht, was nach gängigen Migrationstheorien bei ausbleibenden Integrationssignalen aus der Mehrheitsgesellschaft einem Schutzmechanismus gleichkommt.

Ein Schutzraum gegen eine über die letzten Jahre zunehmend als feindlich wahrgenommene Mehrheitsgesellschaft, die in immer größerer Zustimmung besonders jungen männlichen Muslimen nicht nur kaum wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten bietet, sondern sie im Gegenzug noch als integrationsunwillig abtut.

Rückzüge in „Parallelgesellschaften“

Radikalisierung als Phänomen der sozialen Desintegration ist u. a. auf mangelnde gesellschaftliche Partizipation zurückzuführen. Rückzüge sind daher auch durch die großen Repräsentationslücken in der Gesamtgesellschaft zu erklären. Aktive Programme zur Stärkung der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Partizipation schaffen eine Gelegenheitsstruktur der gesellschaftlichen Teilhabe. Teilhabe und Partizipation – wichtiger noch: Das Gefühl und das Commitment der Zugehörigkeit machen Radikalisierung als Kompensation einer sozialen Desintegration unwahrscheinlicher.

Rückzüge in „Parallelgesellschaften“ sind im Sinne der Gemeinschaftsbildung bedenklich, man mag es also als Zeichen der Desintegration von Gesellschaftsgruppen betrachten und bedauern. Rechtsstaatlich ist dagegen nichts einzuwenden, solange die Gesetze dieses Landes eingehalten werden. Aber es wäre sicher vernünftig, wir würden mehr dafür tun, dass dieser Entfremdungsprozess gestoppt wird. Das einzig wirksame Mittel ist, die Gesellschaft nicht mehr entlang ethnischer oder religiöser Grenzen in Integrierte und zu Integrierende zu trennen. Integration betrifft die ganze Gesellschaft – gleich ob mit oder ohne Migrationshintergrund, muslimisch, migrantisch, religiös, religionskritisch oder einfach nur Mensch.

Gerade Teile der sich als integriert ansehenden Deutschen ohne Migrationshintergrund aus der Mitte der Gesellschaft weisen derzeit laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung deutliche Kennzeichen der Desintegration auf, was sich in steigenden rechtsextremen und antimuslimischen Zustimmungsmustern gepaart mit Islamisierungsängsten verdeutlicht. Auch die müssen wir wieder integrieren.

Partizipation, Gleichberechtigung und Teilhabe, ohne strukturelle oder subtile Barrieren sind Ziele für die gesamte Gesellschaft und Messkriterien für ein modernes Einwanderungsland – sie gelten für alle gleichermaßen. Hier hat Deutschland noch Nachholbedarf. Für den Rückstand in diesen Punkten sind aber nicht die Muslime verantwortlich. Dass sie diese als Bürger dieses Landes mittlerweile einfordern, ist legitim – vielleicht daher die Islamisierungsängste?

Naika Foroutan ist Sozialwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität zu Berlin und leitet u. a. die Projekte Junge Islam Konferenz, gefördert von der Stiftung Mercator, und HEYMAT, gefördert von der Volkswagen-Stiftung.
Der hier abgedruckte Text ist ein leicht veränderter Auszug ihrer für die Friedrich-Ebert-Stiftung erstellten Untersuchung „Muslimbilder in Deutschland“. Dort finden sich auch die Nachweise für alle hier erwähnten Zahlen.

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