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Jagd: Malta ist eine Vogel-Falle

Auf der Mittelmeerinsel Malta schießen die Einwohner auf so ziemlich alles, was sich im Himmel bewegt. Was für manche Vogelart existenzbedrohend ist, ist für die Menschen "reiner Sport". Von Stephan Börnecke

Malteser schießen auf alles, was fliegt - hier nur zu Showzwecken anlässlich des Sieges bei der Schlacht von Lepanto 1571.
Malteser schießen auf alles, was fliegt - hier nur zu Showzwecken anlässlich des Sieges bei der Schlacht von Lepanto 1571.
Foto: rtr

Spätherbst auf Malta: Zwei junge Männer streunen über eine Hochebene, die Flinte geschultert. Ein Stein fliegt in einen Busch. Ein Singvogel flattert auf, ein Schuss fällt. Minuten später ein weiterer Schuss, er gilt einem der letzten Turmfalken, die es auf Malta gibt. Glück gehabt, der Falke. Der Jäger verfehlt sein Ziel.

Noch bis Januar ist Jagdsaison auf Malta, einem EU-Land, das sich schwer tut, das oft illegale Treiben seiner 20.000 Jäger zu stoppen. Jeder 20. Malteser hat eine Jagdwaffe im Haus, zehnmal mehr als in Deutschland. Wie selbstverständlich die Jagd auf Malta ist, zeigt ein Vorfall, den Birdlife-Aktivist Geoffrey Saliba erzählt: Ein Jäger hat eine Rohrweihe abgeschossen - über einem Schulhof. Niemand nahm groß Notiz davon, erzählt Saliba.

Jagd auf Malta ist reine Vogeljagd. Erlaubt auf 34 Arten, ausgeübt aber auf eine ungleich größere Liste von Vögeln. Viele von ihnen sind unterwegs zwischen ihren Winter- und Sommerquartieren in 48 europäischen und afrikanischen Staaten, etliche von ihnen brüten in Deutschland, darunter der extrem seltene Schreiadler. "Dieses Jahr haben nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder Turmfalken mit Erfolg gebrütet", berichtet Saliba. Lange Zeit hatten Jäger Bruten vereitelt. Wer in einer deutschen Großstadt gen Himmel blickt, wird immer irgendwo einen Falken oder einen Bussard entdecken - auf dem ländlich geprägten Malta aber geht der Blick außerhalb der Zugzeiten ins Leere. "Die Jäger haben die Greife vertrieben", weiß Saliba.

"Das geht dich nichts an..."

Wenn man die Nimrode nach ihrem Motiv fragt, bekommt man trotzige Antworten. "Das geht dich nichts an...". Ein Taxifahrer ist offener: "Das ist reiner Sport für uns", verteidigt er maltesische Traditionen, um sich sofort über die "nichtsnutzige EU" aufzuregen. Der Beitritt habe zwar den Euro und Touristen auf die Insel gebracht, doch nun wolle die EU den Maltesern ihr Hobby austreiben.

Ein zweifelhaftes Vergnügen: Saliba weiß von Jägern, dass sie die Vögel nur selten für Topf und Teller schießen, sondern meistens aus purer Jagdlust - oder um sie auszustopfen. Selbst legal erbeutete Vögel wie Singdrosseln werden mitunter auf dem Acker liegen gelassen, statt, was immerhin ein anerkanntes Jagdmotiv wäre, sie in der Küche zu verwenden, berichten die Experten von Birdlife.

Dass Vogeljagd in Europa möglich bleibt, ist aus Sicht von Martin Schneider-Jacoby, Ornithologe bei Euronatur in Radolfzell, ein Anachronismus. Man fordere von afrikanischen Ländern in den Winterquartieren europäischer Vögel den Jagdverzicht, doch lasse man selbst in Deutschland den Schuss auf Enten und Gänse zu. Damit, wie am Bodensee, vertrieben die Jäger am Alpenrand rastende Wasservögel, denen die Schüsse gar nicht galten.

Im Fall Malta verschärft sich das Problem, denn die Insel liegt im Herzen des zentraleuropäischen Zugwegs. Millionen Vögel müssen da drüber - und die Jäger lauern. Selbst Hoffnungsschimmer können auf Malta trügerisch sein: Irgendwo aus der Nähe einer Aufforstung auf der fast baumlosen Hauptinsel kommt der Ruf einer Wachtel. Doch Charles, ein Ornithologe, der an diesem Morgen im Birdlife-eigenen Naturschutzgebiet Ghadira Zwergstrandläufer, Seidenreiher und Schwarzkehlchen beobachtet, holt den Besucher in die Realität zurück: "Die hocken bestimmt in irgendeinem Käfig." Oder der Ruf kommt vom Tonband. Das lockt andere Wachteln an - um sie abzuschießen.

Staatliche Wildhüter reagieren hilflos

Zwar untersagte die maltesische Regierung nach internationalen Protesten die traditionelle Frühjahrsjagd. Doch, wie die Experten von Birdlife Malta erzählen, keineswegs mit durchschlagendem Erfolg. Es werde auch in dieser Zeit immer wieder geschossen, die 30 staatlichen Wildhüter reagierten hilflos. Sie griffen zwar dann und wann einen Wilderer heraus, doch kaum seien die Polizisten verschwunden, gehe das Treiben weiter. Inzwischen, so Maltas Birdlife-Chef Tolga Temuge, denke die Regierung schon wieder darüber nach, das Verbot der Frühjahrsjagd zu lockern.

Dass trotz der Aufrufe europäischer Naturschützer, trotz des Verbots durch EU-Gesetze und auch der Intervention des Europäischen Gerichtshofs Maltas Jäger hartnäckig bleiben, zeigte sich in diesem Herbst: Während eines dreiwöchigen "Raptor Camps" beobachteten die aus ganz Europa nach Malta geflogenen Vogelfreunde 467 Vorfälle, in denen Jäger illegal auf Zugvögel anlegten oder verbotenerweise Fallen stellten. Mindestens 50 international geschützte Vögel erlagen allein in dieser Zeit der Jagd.

Autor:  Stephan Börnecke
Datum:  10 | 12 | 2009
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