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01. Januar 2016

Jahresbeginn 2016: Von guten Vorsätzen und dem Scheitern daran

 Von 
Warum nur bekommen wir unseren Hintern nicht hoch? Andere können's doch auch!  Foto: Imago

Mit dem neuen Jahr kommen auch häufig gute Vorsätze für die bevorstehenden zwölf Monate. Doch vielen Menschen fälllt es schwer, sie in der Realität umzusetzen. Woran liegt das? Unser Autor hat nach Antworten gesucht.

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Das alte Jahr endet mit guten Wünschen, und das neue beginnt mit guten Vorsätzen. Die guten Wünsche richten sich aufs Große und Ganze: auf die Bewältigung der Klimakatastrophen, der Migrationsbewegungen, der Terror- und Kriegsgefahren. Alles Dinge, auf die jeder von uns nur minimalen Einfluss hat, für die wir uns aber vielleicht gerade darum desto energischer einsetzen. Die guten Vorsätze dagegen gelten Sachen, die wir selbst tun wollen: Weniger essen, mehr bewegen, weniger schimpfen, mehr selbst tun, weniger miesgrämig, also heiterer die Welt betrachten.

Ich bin gut im Wünschen und ganz unbrauchbar, was Vorsätze angeht. Ich wusste das schon immer. Spätestens seit drei Jahrzehnten nehme ich mir nichts mehr vor für das neue Jahr. Zu oft war ich gescheitert. Ich habe das Gefühl, um etwas nicht zu schaffen, muss ich es mir nur vornehmen. Selbst die eigenen Vorsätze scheine ich als autoritäre Verfügungen eines früheren Ichs missachten zu müssen. Kindisch und dumm, denke ich.

Ich bewundere also Ann Morgan. Der jungen Frau war aufgefallen, dass auf ihren Regalen fast ausschließlich Bücher englischsprachiger Autoren standen. Sie nahm sich vor, das Jahr der Londoner Olympischen Sommerspiele (2012) dazu zu nutzen, aus jedem Land der Welt ein Buch zu lesen. Das ist angesichts der 191 Staaten, die Mitglied der Vereinten Nationen sind, schon einmal ein heftiges Stück Arbeit. Ann Morgan las Bücher aus 197 Staaten. Dazu kommt noch, dass es nicht ganz einfach ist, Bücher zum Beispiel aus dem Südsudan zu beziehen. Zu der gewaltigen Lesearbeit kommt also noch allerhand logistische Knobelei. Über all das hat Ann Morgan ein Buch geschrieben, das 2015 auf Englisch erschien. Es heißt „Reading the world“ und macht einem klar, was Weltliteratur zunächst einmal bedeutet: eine Vorstellung davon gewinnen, was auf dieser Welt alles Literatur ist. Wer nicht lesen mag, der kann auf die TED Talks Seite gehen und sich ein Video anschauen, auf dem Ann Morgan erklärt, was sie gelesen, wie sie es getan hat und was dabei herauskam.

Man kann sich vorstellen, was für ein Grad an Organisiertheit und Disziplin nötig ist, um ein solches Pensum – vier Bücher die Woche – ein ganzes Jahr lang durchzuhalten. Ann Morgan half ihr Blog, auf dem hatte sie nicht nur ihr Vorhaben bekannt gegeben, sondern auch um Unterstützung gebeten. Außerdem erschienen dort auch ihre Lektüreberichte. Sie hatte sich also eine Gruppe geschaffen, die sie anfeuerte und beaufsichtigte. Anders lassen sich gute Vorsätze nicht in die Tat umsetzen. Wir Zeitungsleser wissen, dass das bei den Anonymen Alkoholikern, bei den Weightwatchers und Sexualverbrechern nicht anders ist. Man muss sich unter Kuratel stellen, um ein ansehnlicherer, ein klügerer, ein besserer Mensch zu werden.

Ilija Trojanow – ein sehr erfolgreicher, sehr, sehr lesenswerter deutscher Autor – wurde 1965 in Sofia geboren. 1971 flohen seine Eltern über Jugoslawien und Italien nach Deutschland. Hier erhielten sie politisches Asyl. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia, wo der Vater eine Anstellung als Ingenieur erhalten hatte. Unterbrochen von einem Deutschlandaufenthalt in den Jahren 1977 bis 1981, lebte Ilija Trojanow bis 1984 in Nairobi. Dort machte er an der Deutschen Schule sein Abitur. Danach ging er nach Paris, bevor er in München Rechtswissenschaften und Ethnologie studierte. Dort gründete er zwei auf afrikanische Literatur spezialisierte Verlage. 1999 zog Trojanow nach Mumbai. Von 2003 bis 2007 lebte er in Kapstadt. Heute lebt er in Wien.

Der Schriftsteller Ilija Trojanow fasste ehrgeizige Ziele.  Foto: Imago

Das Ann Morgan-Problem, nur britische und US-amerikanische Autoren zu kennen, hat er nicht. Er hat sich also etwas ganz anderes vorgenommen. Er tat es, während er vor dem Fernseher saß und die Olympischen Spiele in London, die ja schon Ann Morgan inspiriert hatten, verfolgte: „Vom Voyeur zum Akteur! Ich musste die Grenze zwischen Sportler und Zuschauer niederreißen. Dabei sein ist das Ideal, das man nicht als couch potato verwirklichen kann. Also sprang ich vom Sofa und kramte aus der hintersten Ecke meines Schranks die alten Joggingsachen hervor….“ Ilija Trojanow hat sich viel vorgenommen: „Vier Jahre lang hat Ilija Trojanow die Welt bereist, um sämtliche Olympia-Sommer-Einzeldisziplinen zu trainieren. Sein ehrgeiziges Ziel: jeweils halb so gut abzuschneiden wie die Goldmedaillen-Gewinner von London.“ Auch er hat ein Buch über diese sehr realen Reisen mit und im eigenen Körper – und Geist – geschrieben. Es wird allerdings erst Ende Mai im S.Fischer Verlag erscheinen: „Meine Olympiade – Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen.“

Ich weiß jetzt, warum es mit den Vorsätzen bei mir nicht klappt. Das Antiautoritäre ist nur vorgeschoben. In Wahrheit bin ich zu faul. Ich kriege meinen Hintern nicht hoch. Warum? Ein Entzug funktioniert nur, wenn der Süchtige dazu bereit ist, habe ich immer wieder gelesen. Als Ann Morgan ihre Bücherregale sah, sah sie einen Leser, der sie nicht sein wollte. Mit einem Male erkannte sie, wie eng und beschränkt sie war. So hatte sie sich nie gesehen. So wollte sie nicht sein. Sie rannte entsetzt weg vor dem Spiegelbild, das ihre Buchregale ihr von ihr zeigten. Ganz ähnlich erging es Ilija Trojanow. Mit einem Male sah er sich vor dem Fernseher sitzen. Der Weltensammler, der zur couch potato geworden war. Er rannte buchstäblich weg. Beide wollten nicht mehr sein, was sie waren. Bei Ilija Trojanow, einem gut aussehenden Mann, der im vergangenen Jahr 50 wurde, werden auch Überlegungen zum Alter und zum körperlichen Verfall eine Rolle gespielt haben. Es wäre interessant zu wissen, ob er sich zum Training einer jeder der 80 Sportarten auch eine andere Frau mitgenommen hat.

Man muss sehr unzufrieden mit sich sein, um sich solche Gewaltprogramme vorknöpfen zu können. Man muss aber auch, glaube ich, eine Chance sehen, sie durchziehen zu können. Mit einer sicheren Niederlage vor Augen, wird man den Kampf nicht aufnehmen. Die Unzufriedenheit mit und der Glaube an sich müssen zusammenkommen, wenn man anfängt, sich etwas vorzunehmen. Ein guter Vorsatz ist nur dann gut, wenn er groß genug ist, einen aus der Routine zu werfen, aber nicht groß genug, einen zu zerstören. Wenn Ilija Trojanow jetzt wounded knees hätte und womöglich einen Herzinfarkt dazu, hätte er sich zwar besiegt, aber eben auch vernichtet. Ein solcher Sieg wäre zu hart erkämpft. Auch wenn es bei diesem Vorhaben genau darum ging, hart zu sein gegen sich.

Ich bade gern lau. So nehme ich mir vor, in Erinnerung an den vor einem Jahr gestorbenen Ulrich Beck 2016 alle zwei Monate ein Buch von ihm zu lesen. Er sah so vieles, als es noch nicht auf der Tagesordnung stand! Aber wahrscheinlich werde ich schon an diesem Couch-Potato-Vorsatz scheitern.

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