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Jahrhundertbeben in Chile: "Das ist wie der Weltuntergang"

Eines der schwersten jemals gemessenen Erdbeben erschüttert Chile und löst einen Tsunami aus. Hunderte von Toten werden gemeldet, unzählige Menschen noch unter den Trümmern vermutet.


Foto: rtr

Santiago de Chile/New York. Eines der schwersten jemals gemessenen Erdbeben hat Chile erschüttert und mindestens 200 Menschen das Leben gekostet. Das Jahrhundertbeben am frühen Samstag erreichte die Stärke 8,8 und löste eine Flutwelle aus. Es war selbst noch in der mehrere tausend Kilometer nordöstlich liegenden brasilianischen Stadt São Paulo zu spüren.

Nach dem Beben in Chile ist auch das benachbarte Argentinien von einem Beben der Stärke 6,3 heimgesucht worden. In der Provinz Salta im Nordwesten des Landes starb ein Kind, als es von einer einstürzenden Wand erschlagen wurde. Das Epizentrum befand sich 20 Kilometer nördlich der Hauptstadt Salta. Das Beben stand jedoch in keinem direkten Zusammenhang mit dem Erdbeben in Chile.

Chronik

Erdbeben mit einer Stärke von mehr als 8,0 sind relativ selten. Nach Angaben der US-Geologiebehörde USGS gibt es sie etwa einmal im Jahr. Die zehn stärksten Erdbeben seit 1900 waren:

1. Chile im Mai 1960, Stärke 9,5, 1655 Tote

2. Alaska, Prince William Sound, März 1964, Stärke 9,2, 125 Tote

3. Sumatra (Indonesien), Tsunami im Dezember 2004, Stärke 9,1, 227 898 Tote

4. Kamtschatka (Russland), November 1952, Stärke 9,0, keine Toten

5. Chile, Februar 2010, Stärke 8,8, Opferzahl noch unklar

6. Kolumbien und Ecuador, Januar 1906, Stärke 8,8, 1000 Tote

7. Rat Islands (Alaska), Februar 1965, Stärke 8,7, keine Toten

8. Sumatra (Indonesien), März 2005, Stärke 8,6, 1313 Tote

9. Andreanof Islands (Alaska), März 1957, Stärke 8,6, keine Toten

10. Assam (Indien), August 1950, Stärke 8,6, 1526 Tote

Die mächtigen Erdstöße um 3.34 Uhr Ortszeit überraschten die Menschen im Schlaf.
Die mächtigen Erdstöße um 3.34 Uhr Ortszeit überraschten die Menschen im Schlaf.
Foto: rtr

Für nahezu die gesamte Pazifik-Region wurde eine Warnung vor einem Tsunami ausgerufen. Die Chatham Inseln, etwa 700 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Wellington, wurden als erste von der quer über den Pazifik laufenden Welle getroffen worden. Die Welle, die die Inseln erreichte, hatte eine Höhe von 50 Zentimetern.

Die Zahl der Opfer stieg im Verlauf des Tages immer weiter. Unter einem eingestürzten Wohnhaus in der besonders betroffenen Stadt Concepción wurden 150 Menschen vermutet. Auf der chilenischen Pazifik-Insel Robinson Crusoe rissen die Wassermassen mehrere Menschen fort und richteten schwere Zerstörungen an. Die Europäische Union und die Vereinten Nationen boten dem südamerikanischen Land Hilfe an.

Das Beben der Stärke 8,8 hat das Zentrum des Landes erschüttert. Die Regierung erklärt die am schwersten betroffenen Regionen zum Katastrophengebiet.
Das Beben der Stärke 8,8 hat das Zentrum des Landes erschüttert. Die Regierung erklärt die am schwersten betroffenen Regionen zum Katastrophengebiet.
Foto: afp

"Die UN, insbesondere der Nothilfekoordinator, stehen bereit", sagte Generalsekretär Ban Ki Moon in New York. "Wir bieten schnelle Unterstützung, wenn das chilenische Volk und die Regierung das wünschen." Er verfolge die Berichte aus Chile sehr genau, insbesondere nach den Tsunami-Warnungen im Pazifik. Hawaii, wo bereits Sirenengeheul zu hören war, sowie Japan und Neuseeland bereiteten sich auf einen möglichen Tsunami vor. Die erst Welle wurde um 11.19 Uhr Ortszeit (22.19 Uhr MEZ) auf Hawaii erwartet. Die südamerikanischen Küsten blieben jedoch weitgehend verschont.

Chiles Präsidentin Michelle Bachelet rief für die besonders vom Beben betroffenen Regionen im Süden der Hauptstadt Katastrophenalarm aus. Der gewählte Präsident Sebastián Piñera, der das Amt am 11. März übernehmen soll, rief die ganze Gesellschaft zur Solidarität mit den Opfern auf. "Das Erdbeben ist ein schwerer Schlag für die chilenische Gesellschaft", räumte der konservative Politiker ein.

Seismografen bei der Aufzeichnung von Erdstößen (Archivbild).
Seismografen bei der Aufzeichnung von Erdstößen (Archivbild).
Foto: Foto: dpa

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach den Opfern sein Mitgefühl aus. "Mit großer Betroffenheit und Sorge haben wir die Nachricht von dem schweren Erdbeben vor der chilenischen Küste erhalten", sagte Westerwelle nach Angaben des Auswärtigen Amtes. "Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei den Angehörigen der Opfer und den Verletzten." Im Tagesverlauf werde der Krisenstab im Auswärtigen Amt zusammenkommen, um über die Folgen der Katastrophe zu beraten.

Am Samstagabend breche ein Erkundungsteam des Technischen Hilfswerks nach Chile auf. In Chile gibt es zahlreiche deutsche Institutionen, und in der besonders betroffenen Region um Concepción leben besonders viele Nachfahren deutscher Auswanderer. Auch die von Deutschen gegründete berüchtigte frühere sektenartige Siedlung "Colonia Dignidad" (Kolonie der Würde) befindet sich in der Katastrophenregion. Über mögliche deutsche Opfer wurde jedoch zunächst nichts bekannt.

Hunderte Menschen unter Trümmern vermutet

Die mächtigen Erdstöße um 3.34 Uhr Ortszeit hatten die Menschen im Schlaf überrascht. Hunderttausende rannten in Panik aus ihren Häusern und kampierten aus Angst vor Nachbeben im Freien. Das Epizentrum lag nach Angaben der US-Erdbebenwarte etwa 92 Kilometer nordwestlich der Stadt Concepción. Die Erde bebte in fast 60 Kilometern Tiefe. In schneller Folge gab es mehr als 20 Nachbeben mit Stärken von bis zu 6,9.

Hunderte Menschen wurden noch unter den Trümmern vermutet. "Die Opferzahlen werden leider sicher noch steigen", sagte Piñera. Das ganze Ausmaß der Zerstörung vor allem in der Region um die Großstadt Concepción etwa 500 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago war auch Stunden nach dem Beben unklar. Der Sitz der Regionalregierung wurde zerstört. Mehrstöckige Gebäude stürzten ein. "So etwas habe ich noch niemals zuvor gesehen", sagte eine fassungslose Frau, die mit einer Wolldecke um den Schultern auf der Straße stand. Ein TV-Reporter berichtete: "Es gibt keine Straße in Concepción, wo kein Schutt liegt. Man hört Kinder unter den Trümmer schreien."

Häftlinge nutzen Beben zur Flucht

Mehr als 260 Häftlinge eines Gefängnisses in der Stadt Chillán nutzten das Erdbeben zur Flucht. Die Erdstöße hätten eine der Mauern der Haftanstalt zum Einsturz gebracht. Die Wachen versuchten noch, die Häftlinge aufzuhalten und eröffneten das Feuer. Dabei starben drei Insassen. Mindestens vier Häftlinge seien schon zuvor durch das Erdbeben ums Leben gekommen. Auch ein Wachmann wurde durch Trümmer verletzt. Insgesamt kamen bei dem Beben nach vorläufigen Angaben 147 Menschen ums Leben.

Die entflohenen Häftlinge hätten anschließend im Zentrum der Stadt Geschäfte und Häuser geplündert und mehrere Gebäude in Brand gesetzt. Etwa 28 der Häftlinge hätten inzwischen wieder eingefangen werden können. Die Regierung entsandte Soldaten in die Stadt in der Nähe von Concepción, um die Bürger zu schützen.

Heftigstes Beben der Welt war 1960 in Chile

Ein Erdbeben der Stärke 8,8 gilt als Großbeben, bei dem mit vielen Opfern und schweren Verwüstungen zu rechnen ist. Das heftigste je auf der Erde gemessene Beben hatte eine Stärke von 9,5 und ereignete sich 1960 ebenfalls in Chile. Damals starben 1655 Menschen.

Noch Stunden nach dem Beben standen viele Menschen in Pazifik- Anrainerstaaten Ängste vor einem Tsunami aus. Erinnerungen an die Naturkatastrophe in Südostasien wurden wach. Weihnachten 2004 hatten Riesenwellen mehr als 230.000 Menschen getötet. Der Tsunami damals war nach einem 9,1-Erdbeben vor der indonesischen Insel Sumatra über umliegende Küsten hereingebrochen.

Das chilenische Fernsehen zeigte nach der Katastrophe vom Samstag Bilder von eingestürzten Wohnhäusern, Krankenhäusern, brennenden Gebäuden, zerstörten Brücken, auch in Santiago. Vor allem an älteren historischen Gebäuden wie Kirchen und Lehmziegelbauten entstanden schwere Schäden. In der Hauptstadt stürzten auch neue Autobahnbrücken ein.

Die wichtigste Straßenverbindung, die Fernstraße Nummer 5 von Santiago in die besonders betroffenen Gebiete war zunächst unterbrochen. Bei Concepción stürzte eine alte, nicht mehr genutzte Brücke über den breiten Fluss Bío Bío komplett ein. Internet und Telefone funktionierten nicht. Die Strom-, Gas- und Wasserversorgung brach zusammen. Die Hochhäuser in Santiago hielten den heftigen Erdstößen jedoch stand.

Flughafen in Santiago geschlossen

Der internationale Flughafen von Santiago wurde erheblich beschädigt und für mindestens eine Woche geschlossen. Im Fernsehen waren eine eingestürzte Fußgängerbrücke zum Abflugbereich des Flughafens und heruntergefallene Deckenverkleidungen zu sehen. Die Behörden überprüften außerdem die Landebahn auf mögliche Schäden. Der Flughafenchef konnte zunächst nicht sagen, wann der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Dies könnte auch die für den 11. März vorgesehene Amtseinführung von Piñera behindern.

Auch die südjapanische Inselprovinz Okinawa war am frühen Samstag von einem Erdbeben der Stärke 6,9 heimgesucht worden. Das Beben verlief jedoch glimpflich. Zwei Menschen wurden leicht verletzt. (dpa)

Datum:  27 | 2 | 2010
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