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23. September 2010

Javier Bardem im FR-Interview: "Ich glaube nicht an Gott, ich glaube an Al Pacino"

Javier Bardem beim 35. Toronto International Film Festival im September 2010.Foto: rtr

Liebhaber, Killer, Inquisitor: Der spanische Oscar-Preisträger Javier Bardem brilliert in jeder Rolle. Jetzt spielt er im Kinofilm „Eat Pray Love“ einen hoffnungslosen Romantiker. Ein Gespräch über Glück, Gewalt und Gefühle.

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Liebhaber, Killer, Inquisitor: Der spanische Oscar-Preisträger Javier Bardem brilliert in jeder Rolle. Jetzt spielt er im Kinofilm „Eat Pray Love“ einen hoffnungslosen Romantiker. Ein Gespräch über Glück, Gewalt und Gefühle.

Señor Bardem, Sie sind Spaniens erfolgreichster Schauspieler, Oscar-Preisträger, Sie waren Rugby-nationalspieler und sind mit Penélope Cruz verheiratet – gibt es auch etwas, das Sie nicht können?

Ich spiele furchtbar schlecht Schlagzeug. Ich trommle wie ein Affe. Aber ich liebe es, diese Art von Unfug zu machen. Ich bin nämlich nicht der versonnene, dunkle und grüblerische Typ, für den man mich oft hält.

So auch Julia Roberts, Ihre Film-Partnerin in „Eat Pray Love“. Sie war sehr überrascht, wie fröhlich und warmherzig Sie sind. Und wie fürsorglich: Laut Ms. Roberts haben Sie noch um drei Uhr morgens Fisch für sie gegrillt…

…nicht nur für Julia, für das ganze Team. Ich bin ein geselliger Typ, der gerne lacht und sich mit Menschen unterhält. Und was gibt es Schöneres, als nach einem anstrengenden Drehtag mit den Menschen, die um einen sind, beim Essen und einer guten Flasche Wein zu entspannen? Und in Bali, wo wir gedreht haben, gibt es köstliche Fische.

Sie stammen aus einer berühmten spanischen Schauspielerdynastie…

... meine Großeltern waren Schauspieler, ebenso meine Mutter Pilar, meine Geschwister… Ich stehe in einer langen Tradition. Ich vergesse nie, dass es zur Zeit meiner Großeltern in Spanien verboten war, Schauspieler auf einem von der katholischen Kirche geweihten Friedhof zu begraben. Schauspieler wur-den damals wie Prostituierte, Diebe und Mörder behandelt. Und wie Zigeuner – was wir in gewissem Sinne immer noch sind.

Welches war der beste Rat, den Ihnen Ihre Eltern mit auf den Lebensweg gegeben haben?

Ich bin vor allem bei meiner Mutter aufgewachsen. Ihre künstlerische und feminine Art hat mich sehr geprägt. Sie riet mir: „Liebe, was du tust, aber liebe nicht dich selbst, wenn du es tust.“ Der Satz bezog sich natürlich in erster Linie auf die Schauspielerei, hat aber auch Gültigkeit fürs Leben.

Ihre Erziehung verlief demnach diametral entgegengesetzt zum spanischen „Macho-Modell“…

… das kann man sagen. Es war geradezu erwünscht, Gefühle zu zeigen und Gedanken mitzuteilen. Das war sehr schön für mich.

Zur Person

Javier Bardem wurde 1969 auf der Kanareninsel Gran Canaria geboren. Bevor er Schauspieler wurde, war er Mitglied der spanischen Rugby-Nationalmannschaft und studierte Malerei.

Erste Aufmerksamkeit erregte er 1991 in Pedro Almodóvars Familiendrama „High Heels“. Ein Jahr später hatte er, an der Seite der blutjungen Penélope Cruz, in dem Erotik-Melodram von Bigas Luna, „Jamon Jamon“, seinen Durchbruch in Spanien. Seine erste Oscar-Nominierung bekam er 2001 für die Rolle des homosexuellen kubanischen Autors Reinaldo Arenas in „Before Night Falls“, eine Ehre, die ihm als erster spanischem Schauspieler zuteil wurde. 2008 bekam er den Oscar als Bester Nebendarsteller in „No Country For Old Men“, dem ebenfalls mit dem Oscar-prämierten Meisterwerk der Coen-Brüder.

Javier Bardem ist mit Penélope Cruz verheiratet. Das Paar erwartet im Februar 2011 sein erstes Kind.

Hat Sie das ermutigt, Schauspieler zu werden?

Ich glaube schon. Ich habe hautnah die Höhepunkte und das Glück miterlebt, die der Beruf einem schenken kann. Auch die Schattenseiten und das Leid. Man darf nicht unterschlagen, dass in diesem Beruf Arbeitslosigkeit besonders häufig vorkommt und sogar existenzbedrohend sein kann. Deshalb empfinde ich es als großes Glück und Privileg, seit über 20 Jahren als Schauspieler in Lohn und Brot zu stehen. Es macht mich auch sehr demütig.

Warum demütig?

Als Schauspieler legst du immer dein ganzes Herz und deine ganze Seele in deine Arbeit. Und wenn sie dich dann beim Vorsprechen ablehnen, bist du bis ins Mark verletzt. Trotzdem musst du weitermachen. Unter solchen Umständen ist es extrem schwierig, das Selbstvertrauen immer wieder aufzubauen. Ich habe es immer wieder geschafft und empfinde das als große Gnade.

Wie haben Sie es erfolgreich vermieden, als „Latin Lover“ abgestempelt zu werden?

Ich habe mich bewusst diesen eindimensionalen Macho-Figuren entzogen. Ich habe sehr schnell die Beschränkungen gesehen, die so ein Rollen-Klischee mit sich bringt. Übrigens finde ich auch dieses „Sex-Symbol“-Gerede an den Haaren herbeigezogen. Die Leute, die so etwas in die Welt setzen, sollten mich mal nach dem Aufwachen sehen.

Was halten Sie denn dann von Ihren Kollegen in Hollywood, die immer nur ihre Schokoladenseite zeigen?

Ich finde, das ist eine legitime Option, die ich respektiere. Doch für mich wäre das nichts. Ich will Menschen darstellen, die echt sind, die Leben in sich tragen. Ich will Geschichten erzählen, die andere Menschen wirklich berühren. In „Eat Pray Love“ spiele ich einen Mann, der es – trotz gebrochenen Herzens – wagt, sich noch einmal in eine Frau zu verlieben. So ein Typ interessiert mich. Deshalb habe ich ihn auch gespielt.

Nur deshalb?

Ich versuche auch die Genres zu wechseln, wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Nach diesem brutalen Killer, den ich in „No Country For Old Men“ gespielt habe, oder zuvor dem Inquisitor in „Goyas Geister“, war ich froh, einen romantisch veranlagten Mann spielen zu können. Ehrlich gesagt, verabscheue ich jegliche Form von Gewalt, sei es im Film oder im richtigen Leben.

Haben Sie das auch den Coen-Brüdern erzählt?

Ja, ich hatte zunächst ziemliche Probleme mit dem Film. Dann habe ich verstanden, dass sich „No Country For Old Men“ gegen diese sinnlose Art von Gewalt ausspricht. Und trotzdem haben sie mich am Set nur die „Spanische Ballerina“ genannt.

Warum?

Weil ich nach jedem Schuss, den ich abgefeuert habe – und nach jedem „Cut“-Ruf der Coens – die Waffe angewidert von mir weg hielt. Wie ein erschrecktes Mädchen eben.

Lassen Sie uns kurz noch in einem anderen Kontext über Gewalt sprechen: Stimmt es, dass man Ihnen mit 19 Jahren bei einer Schlägerei die Nase gebrochen hat?

Ja. Ich war mit Freunden in einer Bar, und da kamen fünf Typen auf mich zu und wollten ein bisschen Spaß mit meinem Gesicht haben. Und Bum-Bum-Bam-Bang-Bang – hatte ich eine gebrochene Nase! Dabei ging es nicht einmal um ein Mädchen, und ich war nicht betrunken. Ich weiß bis zum heutigen Tag nicht, wer die waren und warum sie es getan haben.

Nun, Sie haben mit der gebrochenen Nase eine große Karriere als Schauspieler hingelegt. Genau wie Marlon Brando.

Stimmt, aber das ist leider das Einzige, was ich mit ihm gemein habe.

Ist er Ihr Vorbild?

Marlon Brando ist der Größte. Er hat das Gesicht der Schauspielerei ein für alle Mal verändert. Den größten Respekt und die meiste Bewunderung habe ich allerdings für Al Pacino. Ich habe schon immer gesagt, dass ich nicht an Gott glaube, sondern an Al Pacino.

Er hat Ihnen mal auf den Anrufbeantworter gesprochen. Haben Sie das Band noch?

Aber sicher! Das ist mein Talisman. Es war kurz nachdem er mich in „Before Night Falls“ gesehen hatte. Das hat ihm anscheinend so gut gefallen, dass er mich nachts um drei Uhr anrief, um mich zu loben. Auch wenn er es vielleicht nur aus Höflichkeit getan hat – egal. Ich finde es immer noch toll.

Man kann Sie bis heute nicht in eine Schublade stecken. Wie gelingt Ihnen das?

Will man überleben, muss man als Schauspieler unberechenbar bleiben. Wenn mir das tatsächlich gelungen ist, dann hat es wahrscheinlich viel damit zu tun, dass ich immer sehr viel Geduld hatte. Wenn der richtige Film nicht dabei war, habe ich nicht den falschen gemacht – sondern gar keinen. Und auch wenn ich dann mal auf dem Trockenen saß, habe ich mich als Schauspieler immer fit gehalten. Das mache ich übrigens heute noch.

Wie?

Jedes Jahr gehe ich für drei Monate zurück in meine alte Schauspielschule in Madrid, um mich dort wieder in Form zu bringen. Für mich ist es sehr wichtig, mir all die Manierismen, standardisierten Gesten und Gesichtsausdrücke, die sich bei einem Schauspieler einschleichen, zu tilgen. Wenn ich anfange, kleine Tricks zu verwenden, weil ich weiß, dass sie beim Publikum ankommen, bin ich auf dem Holzweg. Ich renoviere mich sozusagen jährlich. Ich habe immer noch meinen alten Schauspiellehrer Juan Carlos Corazza. Er ist ein echter Meister.

Apropos Meister, Spanien ist in den großen Sportarten Weltspitze und Titelsammler: im Fußball, Handball, Basketball. Der beste Tennisspieler der Welt ist Spanier, einer der besten Formel-1-Fahrer auch. Was macht die Spanier so stark?

Keine Ahnung. Ich freue mich natürlich sehr über die Erfolge Spaniens gerade im Bereich Sport. Das hat in den letzten Jahren tatsächlich eine sehr positive Entwicklung genommen, was man leider von der spanischen Filmindustrie nicht behaupten kann. Als ich vor 20 Jahren mit der Schauspielerei anfing, wurden in Spanien – auch dank der Pionierarbeit von Pedro Almodóvar – sehr viele Filme gedreht. Heute werden kaum noch Kinofilme gemacht. Da wird fast nur noch für das Fernsehen produziert. Ich finde mittlerweile viel leichter Arbeit in Amerika als in Spanien oder Europa.

Und wie viel Ihres Erfolges haben Sie – trotz harter Arbeit – dem Glück zu verdanken?

Sehr viel. Zuerst kommt natürlich die ernsthafte Arbeit. Aber ich kenne viele sehr gute Schauspieler, die es nicht geschafft haben, weil ihnen das Quantum Glück fehlte. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich zum ersten Mal „Blood Simple“ von den Coens gesehen habe. Und mir damals aus ganzem Herzen wünschte, einmal in so einem Film mitspielen zu dürfen. Nie hätte ich es mir träumen lassen, dass es einmal Wirklichkeit werden würde. Und schon gar nicht, einmal in einem Film von Woody Allen zu sein. Oder im nächsten Film von Terrence Malick, „Party-Time“. Im Oktober beginnen die Dreharbeiten.

Señor Bardem, da Sie nicht bloß viele Mimiken beherrschen, sondern buchstäblich viele Gesichter zu besitzen scheinen: Wann haben Sie zum letzten Mal vor dem Spiegel gestanden und Gesichtsausdrücke geübt?

Mit 18! Da macht man solche Dummheiten, vor allem um sich selbst zu beeindrucken. Heute schau ich mich nicht mal beim Rasieren im Spiegel an.

Welcher Gefühlsausdruck fordert Sie als Schauspieler besonders?

Gähnen und Erröten. Wenn Gähnen auf der Leinwand wirklich natürlich aussehen soll, muss man extrem entspannt sein. Und beim Erröten muss man wirklich sehr tief bewegt sein. Jeder, der das auf Kommando kann, ist wirklich gut.

Haben Sie ein Lieblingsgefühl oder eine Lieblingstugend? Etwas, für das Sie andere Menschen besonders wertschätzen?

Das hat mich noch nie jemand gefragt, aber lassen Sie mich nachdenken. Anteilnahme vielleicht, Fürsorglichkeit. Ich liebe es ja auch, da zu sein. Für meine Frau, meine Familie, Freunde. Und für mich selbst. Denn es stimmt schon, dass man, wenn man sich nicht selbst liebt, auch niemand anderen lieben kann. Ich meine das überhaupt nicht egoistisch. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass man auch sich selbst ein guter Freund seiner sollte.

Sie haben Malerei studiert und sich dann doch für die Schauspielerei entschieden. Haben Sie einen Lieblingsmaler?

Mein Favorit ist Goya. Was ich an ihm liebe, ist die Art, wie er geschundene Menschen porträtiert. Selbst in seinen majestätischen Portraits wird viel Seelenqual sichtbar. Er behandelt einen König genauso wie einen Bettler.

Angenommen, Sie haben alles Geld der Welt und können sich jedes Kunstwerk kaufen – welches würden Sie nehmen?

Keines. Diese Meisterwerke gehören allen Menschen. Mein kostbarstes Stück Kunst ist ein Bild von Julian Schnabel, das er mir geschenkt hat. Er hat es vor meinen Augen gemalt und es untertitelt mit: „Todo me gusta de ti“, also „Ich mag alles an dir“.

Auf was wollten Sie nie im Leben verzichten?

Auf Musik. Ohne Musik könnte ich nicht überleben. Ich bin ein Hard-Core-Heavy-Metal-Fan. Und da ich in den 80er Jahren groß geworden bin, stehe ich auf AC/DC, Metallica, Pearl Jam und Iron Maiden. Aber ich höre auch andere Musik.

Planen Sie Ihr Leben oder lassen Sie sich treiben?

Ich handle nach der Maxime: Niedrige Erwartungen geben große Gelassenheit. Mutter Teresa hat einmal gesagt, dass alles, was man nicht gibt, verloren geht. Alle Gefühle, Gedanken, Worte, die man nicht mitteilt, sind für immer verloren. Geben macht einen reicher.

Haben Sie nie Angst, dass Ihnen zu viel genommen wird?

Nein, für so einen schüchternen Kerl wie mich ist es fast immer ein Glück, wenn er sich verschenken kann.

Warum wurde so ein schüchterner Mann wie Sie Schauspieler?

99 Prozent der Schauspieler, die ich kenne, sind schüchtern. Und sie werden Schauspieler, damit sie sich verkleiden und so ihre Schüchternheit besser verbergen können. Wissen Sie, woran man das erkennen kann? Wenn wir Schauspieler bei Preisverleihungen anfangen zu reden. Ohne Drehbuch. Das ist absolut schrecklich. Da müssen wir uns selbst spielen.

Interview: Ulrich Lössl

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