In der Luft liegt der stechende Geruch des nahen Ximei-Flusses, dessen Wasser seine Farbe mit den Moden ändert: Mal ist er blau, mal rot, mal schwarz. Aus den Tiefen steigen faul riechende Gasblasen auf. „Die Verschmutzung ist bis ins Grundwasser gedrungen“, sagt Zhang. „Wasser zum Kochen und Trinken müssen wir auf dem Markt kaufen.“ Ein Eimer kostet 5 Cent – das entspricht 50 Schlüpfern oder einer knappen Stunde Arbeit.
Obwohl die Verschmutzung und ihre Ursachen offensichtlich sind und vergangenes Jahr ebenfalls von Greenpeace belegt wurden, gehört die Umwelt für die Menschen in Gurao nicht zu den Hauptsorgen. „Natürlich macht die Stadt uns krank“, sagt die Besitzerin eines Kleinunternehmens schulterzuckend. „Aber wenn wir Geld verdienen wollen, müssen wir das eben in Kauf nehmen.“
Anlagen zur Abwasserreinigung würden die Färbereien der Stadt teuer zu stehen kommen und angesichts des harten Verdrängungswettbewerbs in der Branche womöglich in den Ruin treiben. „Wem es hier nicht gefällt, der kann ja wegziehen“, meint die Unternehmerin. Auch in der Kreisverwaltung verschließt man vor den Umweltproblemen die Augen.
„Ist der Ximei-Fluss wirklich so dreckig?“, fragt Chen Wenjia, Chef der lokalen Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei. Vor vier Jahren sei er nach Gurao geschickt worden, doch die Verschmutzung des Flusses sei ihm noch nie aufgefallen. Nichtsdestotrotz befinde sich derzeit Guraos erste Kläranlage im Bau, fügt er stolz hinzu. Fließen seit Jahrzehnten also alle Abwässer ganz offiziell ungefiltert in den Fluss? Wie passt das zu Pekings Vorgabe, lokale Parteichefs müssten sich nicht nur um Wirtschaftswachstum kümmern, sondern auch um Umweltschutz?
Umweltschutz nur Mittel zum Zweck
Chen erklärt freimütig, dass die Parteichefs in Gurao zu schnell wechseln, um effektive Maßnahmen einleiten zu können. „In meiner Zeit hier habe ich sieben verschiedene Parteichefs erlebt“, sagt er.
Der Grund für die schnelle Rotation – normalerweise bleiben Parteichefs mindestens drei Jahre – ist ein offenes Geheimnis: In Problemstädten wie Gurao will niemand die Verantwortung für die Missstände übernehmen.
„Die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, ist institutionalisiert“, erklärt der Politologe Zhao Litao. „Pekings Direktiven werden in den Provinzen häufig ignoriert.“
Fragt man chinesische Experten nach einem Beispiel für eine chinesische Stadt, in der Umweltprobleme erfolgreich gelöst wurden, blickt man in betretene Gesichter. Zwar wurde in Peking vor den Olympischen Spielen 2008 der größte Verschmutzer der Stadt, das Stahlwerk Shougang, umgesiedelt oder in Schanghai für die Weltausstellung 2010 eine alte Schwerindustriezone saniert. Doch bei allen Erfolgsgeschichten war der Umweltschutz nur Mittel zum Zweck, um das Image einer Stadt zu verbessern oder neues, teures Bauland zu erschließen.
„In Chinas großen Städten hat sich in den vergangenen Jahren zwar einiges verbessert, aber dafür wird die Verschmutzung ins Hinterland verlegt“, erklärt Forscher Chen Gang.
Vergangenes Jahr war auch die Jeanshauptstadt Xintang von einem derartigen Verschmutzungsumzug betroffen. Weil die nahe Metropole Guangzhou die Asienspiele ausrichtete, bestand die Provinzregierung darauf, Xintangs schlimmste Schandflecke zu beseitigen. „Entlang den Hauptstraßen wurden dutzende verschmutzende Fabriken abgerissen“, erklärt ein lokaler Unternehmer. „Aber ein paar Kilometer weiter haben sie alle wieder aufgemacht.“
Herkunft ist nicht nachvollziehbar
Die Schuld für das ökologische Laisser-faire sieht er allerdings nicht nur bei Politikern und Fabrikbetreibern, sondern auch bei den Kunden aus dem In- und Ausland, die unentwegt die Preise drücken. Machen sich westliche Jeansträger – und Käufer anderer Made-in-China-Waren – also mitschuldig an Chinas ökologischer Tragödie und deren gesundheitlichen Auswirkungen auf Millionen Menschen?
Fakt ist: Bei den meisten chinesischen Produkten ist die Herkunft kaum nachzuvollziehen, ein Umstand, der schäbige Herstellungsbedingungen begünstigt.
Fakt ist aber auch, dass der öffentliche Druck auf große Markenunternehmen, in ihren Fabriken von sich aus für einwandfreie Verhältnisse zu sorgen, seine Wirkung nicht verfehlt. „Wir sind gerne bereit, unser Werk jedem zu zeigen“, erklärt Fang Yong, Exportleiter des chinesischen Textilkonzerns Conshing Clothing, der unter anderem Jeans für Marken wie Vero Moda, Jack & Jones, Polo und Guess produziert. Die 4000-Mitarbeiter-Fabrik am Rande von Xintang zeigt, dass Jeansfabriken keine Umweltsünder sein müssen.
Die Angestellten an den großen Waschmaschinen tragen Handschuhe, die Arbeiter mit den Farbspritzen benutzen einen Mundschutz und die Abwässer fließen in ein Klärwerk. „Unsere Produktionskosten sind natürlich höher als in den Fabriken, denen die Umwelt und ihre Mitarbeiter egal sind“, sagt Fang.
Doch der Aufpreis lohnt sich für die Marken allemal, lässt er sich dem Endverbraucher doch gleich mehrfach in Rechnung stellen. Denn welcher westliche Kunde weiß schon, dass selbst eine Jeans aus bester organischer Baumwolle in Fangs Fabrik gerade einmal 15 Euro kostet?
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