kalaydo.de Anzeigen

Jerusalem: Hip-Hop als Kampfkunst

Ein Workshop im Jerusalemer Willy-Brandt-Zentrum bringt Israelis, Palästinenser und Deutsche zusammen. Statt Steine zu werfen, schießen sie mit Wörtern. Von Inge Günther

Gemeinsamer Auftritt von Israelis, Palästinensern und Deutschen.
Gemeinsamer Auftritt von Israelis, Palästinensern und Deutschen.
Foto: Inge Günther

Jerusalem. Es gibt Momente, in denen sich alles glücklich fügt. Guy Geffen hatte so einen nach 20 Tagen Bau. Dort saß er, weil er, ein 20-jähriger Israeli aus Rehovot, den Armeedienst verweigert hat. Vorige Woche kam er frei. Gerade rechtzeitig, um beim trinationalen Hip-Hop-Workshop im Jerusalemer Willy-Brandt-Zentrum mitzumachen. Neben seiner Freiheit ist ihm nichts so wichtig wie die Gitarre unterm Arm. Vom Knast direkt in den Hip-Hop-Workshop zu spazieren, setzt eine Energie in ihm frei, die ansteckt. Israelis, Deutsche, Palästinenser.

Bei diesem Austausch funktioniert das auch umgekehrt. Organisiert hat ihn das Willy-Brandt-Zentrum in Kooperation mit der Jerusalemer Musikinitiative "Heartbeat". Gefördert wird er von Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. Zum Konzept gehört, alles was täglich passiert, in Texte und Songs umzusetzen.

Hip-Hop-Workshop

Die erste Workshop-Woche im Jerusalemer Willy-Brandt-Zentrum, an der 20 Rapper, Musiker und Street-Art-Künstler aus Deutschland, Israel und Palästina teilnahmen, endet an diesem Samstag.

In der zweiten Juni-Woche wird das Projekt, das von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft gefördert wird, in Berlin fortgesetzt. Im Gästehaus Treptower Park sollen die neuen Songs fertig geschrieben und im Tonstudio aufgenommen werden.

Am 10. Juni ist ein gemeinsames Konzert auf dem "Freibeuter-Schiff" geplant. (geg )

Es geschieht eine Menge. Morgens Stadtbesuche. Die Mauer in Ost-Jerusalem gehört genauso dazu wie ein Besuch in Yad Vashem, Israels nationaler Holocaust-Gedenkstätte. Nachmittags Diskussionen in gemischter Runde. Improvisieren, Proben, Studioaufnahmen.

Am Ende der ersten Workshop-Woche stehen zwei Konzerte an, in Jerusalem und Tel Aviv. Hip-Hop-Hudna nennen sie das in ironischer Anspielung. Hudna ist ein arabisches Wort, das auch Israelis kennen. Es bedeutet Waffenruhe.

Manches entpuppt sich komplizierter als gedacht. Die Deutschen, darunter vier Mädchen und zwei Jungs, die bei der Braunschweiger Falken-Initiative "Red Flavour" - Hip Hop gegen Rechts - auftreten, fühlen sich von den komplexen Eindrücken mitunter überfordert. "Wir sind aus dem Flugzeug raus, und dann ging´s Schlag auf Schlag", berichtet Bastian Zimmermann, die treibende Kraft beim Roten Geschmack.

Als Höhepunkt der Hip-Hop-Hudna wird Bastian mit Guy und Muhammad auf der Bühne stehen. Ein riesiger deutscher Kerl zwischen einem schmächtigen Israeli und einem Original-Rapper aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Schuafat. "There is no difference between God and Allah/No difference between Sederot and Ramallah/There will be peace, Amen and Inshallah", heißt es in ihrem Refrain. Man wird ja noch träumen dürfen.

Überhaupt Muhammad Mughrabi. Seine Gruppe "G-Town", die er mit Fadi und Alaa gegründet hat, ist in der Szene längst Kult. Das "G" im Bandnamen steht für Ghetto. Inspiriert hat ihn der schwarze Rap aus den USA. Nur, dass Muhammad und die anderen auf Arabisch rappen. Ihre Songs erzählen vom Flüchtlingsdasein, von der israelischen Armee und ihren Träumen von Palästina. "Ich lebe im Lager", sagt Mughrabi. "Ich bin jeden Tag mit Gewalt, Drogen und schlechten Schulen konfrontiert. Und ich will etwas verändern. Statt Steine zu werfen, schieße ich mit Wörtern. Hip-Hop ist meine Kampfkunst."

Das hindert ihn nicht, mit Israelis Musik zu machen. "Wenn wir diskutieren, kommen wir nie zu einer Meinung. Wenn einer seine Trauer in die Musik legt, fühlt sich das gleich an." Die "Heartbeat"-Leute sind für Mughrabi längst "gute Freunde".

Besonders Aaron Shneyer, amerikanischer Jude aus Washington, der mit Hilfe eines Stipendiums von Fulbright und MTV das jüdisch-arabische Projekt gegründet hat. Ziel: über die Macht der Musik den Friedensprozess zu fördern. Hört sich nach "Hugs and Humus" an - nach Umarmungen und Kicherbrei -, räumt Shneyer ein. "Es gibt eine Menge Angst, bei so einem Projekt eine imaginäre Realität zu schaffen." Shneyer ist ein charismatischer Wuschelkopf und virtuoser Gitarrist und Bassist dazu. Rock liegt ihm mehr als Rap. Aber er mag Hip-Hop. "Weil jeder, der den Rhythmus hält, ein guter Rapper sein kann."

Im Willy-Brandt-Zentrum, hart an der Grenze zwischen dem jüdischen und dem arabischen Teil Jerusalems gelegen, ist das kreativste Element die Mischung. Zwei Jungs aus der Ukraine, die nach Israel eingewandert sind, gehören dazu, 15 und 17 Jahre alt, passionierte Hip-Hopper wie "G-Town". Ebenso Ibrahim Utku, Deutsch-Türke aus Ost-Berlin.

Auch die Mädchen sind stark vertreten. Zum Beispiel Laura Hübsch (21), Informatikstudentin aus Deutschland. Sich im konfliktreichen Jerusalem zu bewegen, kommt ihr vor, als "ob man auf Eiern läuft". Aber genau daraus entsteht ihr Text. Jerusalem, "ein Regenbogen in Ockerfarben".

Autor:  Inge Günther
Datum:  28 | 5 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Leute
        

Der Ultravox-Sänger Midge Ure wurde von der Queen zum Ritter geschlagen, was seine Mutter wirklich stolz macht.
Ultravox-Sänger Midge Ure 
Bushido ganz zahm und ordentlich im Anzug: Der
Bushido-Hochzeit 
Prinzessin Victoria und Prinz Daniel bei der Taufe ihrer Tochter Estelle.
Victoria von Schweden 
ESC 2012

Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft


Anzeige

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Ein Jahr Fukushima
Test auf Strahlenspuren.

Ein Jahr nach dem 11. März 2011 zeigen wir, wie das Unglück Japan und die Welt verändert hat.

Anzeige

Video

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Academy Awards - "And the winner is..."
Zwischen 300 und 500 Euro ist eine Oscar-Statue wert, je nach Goldpreis. Der ideelle Wert ist für Schauspieler und Filmemacher unbezahlbar.

Alle Gewinner der 84. Academy Awards of Merit, die desaströsesten Outfits auf dem roten Teppich und mehr im Oscar-Spezial.

Kolumne
Tempo 30

Am Aschermittwoch 2009 wurde Sebastian Gehrmann 30. Alles war vorbei. Jetzt kann er darüber schreiben.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Meistgeklickt
Sieger: Der zehnjährige Marco gewinnt das Finale von DSDS Kids. Moderator Daniel Assmann (l.) und DSDS-Kandidat Thomas Pegram freuen sich.
DSDS Kids: Das Finale 
Hummels (r): In der Spieleröffnung, in Zweikämpfen und im Stellungsspiel schwach. Sein erstes Länderspieltor konnte das nicht wettmachen.
EM 2012 Schweiz-Deutschland 5:3 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.