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Jesuiten-Skandal: Pater gesteht Kindes-Missbrauch

Der 70-jährige Bernhard E., Gründer der Frankfurter "Ärzte für die Dritte Welt", bekennt sich schuldig. Vor fast 40 Jahren soll er in Hannover drei Kinder sexuell missbraucht haben. Sie hatten ihm vertraut. Von Claus-Jürgen Göpfert

Das Canisius-Kolleg in Berlin.
Das Canisius-Kolleg in Berlin.
Foto: ddp

Noch am Abend zuvor hat Bernhard E. für die Kommunität, für seine zwölf Mit-Padres, einen Gottesdienst gehalten. Am Tag danach sind im Ignatiushaus der Jesuiten im Frankfurter Westend Schock und Betroffenheit spürbar. Der 70-jährige Pater E. hat sich "schuldig bekannt", so sagt es Werner Löser, der Superior der 55 Jesuiten in Frankfurt. Sein enger Freund E. hat gestanden, in den frühen 70er Jahren in Hannover drei ihm anvertraute Kinder sexuell missbraucht zu haben.

Löser ringt um Worte: "Es ist ein Hammer, es ist schlimm". Bernhard E. ist kein einfacher Jesuit. Er ist ein weltweit bekannter Repräsentant des Ordens: 1983 hatte er in Frankfurt die Organisation "Ärzte für die Dritte Welt" gegründet, die seitdem 2330 Mediziner nach Indien, Kenia, Bangladesh, Nicaragua, auf die Philippinen geschickt hat. Die Schauspielerin Maria Furtwängler ist Präsidentin des Kuratoriums. Bis 2006 hatte E. an der Spitze der Institution gestanden und war dann als Geschäftsführer zurückgetreten.

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Ärzte für die Dritte Welt wurde 1983 in Frankfurt von Jesuitenpater Bernhard E. gegründet. Er hatte schon 1981 in Somalia hungernden Flüchtlingen geholfen. Um möglichst viele Unterstützer zu gewinnen, entwickelte E. die Idee, bereits Einsätze mit einer Mindestdauer von eineinhalb Monaten zu akzeptieren.

Auf dieser Basis sind bisher 5000 Mediziner für die Organisation tätig gewesen. Sie arbeiten in Kalkutta (Indien), auf den Philippinen (Manila, Mindanao und Cebu), in Dhaka und Chittagong (BanglaDesh), in Nairobi (Kenia) und in Managua (Nicaragua). Die Ärzte nutzen in der Regel ihren Jahresurlaub für den Einsatz.

Finanziert wird der gemeinnützige Verein aus Spenden, Geld des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Zuweisungen aus Bußgeldeinnahmen der öffentlichen Hand.

Die Organisation wurde zwar von dem Jesuiten Bernhard E. gegründet. Sie ist aber als Verein absolut eigenständig und gehört weder dem Jesuiten-Orden noch der katholischen Kirche an.

Als Kontrollgremium fungiert ein Kuratorium. Dessen Präsidentin ist die Ärztin und Schauspielerin Maria Furtwängler. Ihr zur Seuite stehen zwei weitere Mediziner und der frühere Präsident der Deutschen Bundesbank, Hans Tietmeyer.

Nicht freiwillig, wie nun klar ist: Damals hatte sich kirchenintern eines der Opfer von Hannover zu Wort gemeldet. Er habe "bis gestern nichts davon gewusst", beteuert Harald Kischlat, heute Generalsekretär von "Ärzte für die Dritte Welt", in seinem Büro auf dem Gelände der Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main. Erst seit Mittwoch wisse er, dass sein Vorgänger 2006 "die Leitung abgeben musste". Der oberste deutsche Jesuit, Provinzial Stefan Dartmann, habe den Vorstand informiert. Es gebe zudem "Anlass zu der Befürchtung, dass es auch an anderen Orten solche Übergriffe gegeben hat", so Dartmann.

Kischlat gibt zu, dass ein damaliges Vorstandsmitglied von "Ärzte für die Dritte Welt" vor fünf Jahren vom Missbrauch durch E. gewusst habe: "Es hat die Informationen aber nicht weitergegeben." Noch in der Nacht zu Mittwoch verließ dieser Mediziner die Organisation, unverzüglich informierte Kischlat den Vorstand. "Mit sofortiger Wirkung" trat auch E. aus dem Vorstand der humanitären Organisation aus, dem er immer noch angehört hatte. Er verlässt "Ärzte für die Dritte Welt" ganz.

Innerhalb des Jesuiten-Ordens, räumt Kischlat ein, seien "Hinweise" auf die Vergehen des Paters "seit 2005 bekannt". Damals sei ein ordensinternes Verfahren gegen E. eingeleitet worden. Hat sich der Geschäftsführer selbst nie gefragt, warum sein Vorgänger zurücktreten musste? Kischlats Erklärung: Ihm sei beim Eintritt in die Organisation 2002 versprochen worden, dass er einmal an der Spitze stehen werde. "Deshalb gab es für mich keinen Anlass, das zu hinterfragen."

Der Jesuiten-Orden schirmt sein prominentes Mitglied E. in Frankfurt am Mittwoch ab. "Er hat Tränen in den Augen, es beschämt ihn tief", berichtet Superior Löser. Für ihn bleibt E. aber "ein absolut respektabler Mann". Er müsse auch weiter dem Orden angehören dürfen: "Er ist einer von uns - wir stehen zu ihm!" E. darf ab sofort keine Gottesdienste mehr zelebrieren, "das trifft ihn tief". Aber, so versichert der oberste Frankfurter Jesuit: "Wir exkommunizieren ihn nicht."

Und dann grübelt der 69-jährige Superior, wie es zu den Taten seines Freundes E. kommen konnte. Die Jesuiten seinerzeit beschreibt der Pater, der seit bald 50 Jahren im Orden ist, als "derart verklemmt und verdreht". Zugleich seien Priester "durch die 68er-Generation verunsichert" worden. Jetzt brauche es "einen inneren Prozess von Läuterung und Heilung". Für den Superior sind die Täter Einzeltäter. Nach fast fünf Jahrzehnten im Orden könne er grundsätzlich sagen: "Bei uns gab es nichts desgleichen." Er selbst, versichert Löser, habe sich "nicht einmal in der Nähe solcher Vorgänge befunden".

Die von E. gegründeten "Ärzte ohne Grenzen" nennen das lange Schweigen "zusätzlich zur eigentlichen Tat einen weiteren Akt des Missbrauchs". Und Maria Furtwängler erklärt am Mittwochnachmittag: "Bei aller Verantwortung für den Fortgang unserer Arbeit steht das Mitgefühl mit den Opfern im Mittelpunkt".

Datum:  3 | 2 | 2010
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