Gleich im Foyer haben sie sich versammelt, die Wirtschaftsgrößen. Der Software-Riese SAP ist da, IBM, die Deutsche Bank. In der Alten Münchner Kongresshalle, unter einem drei Meter hohen Kronleuchter, haben sie ihre Messestände aufgebaut und warten darauf, potentielle Bewerber mit Kugelschreibern und Gummibärchen zu versorgen. Und mit einem Versprechen: Ich, dein Arbeitgeber, werde gut zu dir sein - auch wenn du schwul oder lesbisch bist.
Die Milk 2010, laut Veranstalter "Europas erste Karrieremesse für Schwule, Lesben und Freunde von Diversity". Diversity, Vielfalt, ist das Schlagwort, unter dem Homosexuelle hier netzwerken und erfahren sollen, welche Arbeitgeber "gayfriendly" sind.
SAP ist sehr gayfriendly - behauptet zumindest Margit Herrler, Personalerin des Unternehmens. Sie steht an ihrem Bistrotisch, verteilt Broschüren und sagt Sätze wie: "Wir leben Diversity. Das ist für uns ein Erfolgsfaktor." Und: "Wir achten immer darauf, dass unsere Teams bunt gemischt sind." Allerdings: "Quotenschwule" gebe es bei SAP nicht. "Homosexualität ist bei uns einfach kein Thema."
"Als BWLer musst du hier her"
Eigentlich klar. Schließlich ist die Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten immer liberaler geworden, und zwar so, dass auch ein offen schwuler Außenminister ohne weiteres akzeptiert wird. Stellt sich nur die Frage: Wozu überhaupt eine schwul-lesbische Karrieremesse? Das weiß Herrler auch nicht so genau, denn eigentlich rede sie ja auch auf gewöhnlichen Job-Messen mit Schwulen und Lesben.
Ein paar Schritte weiter steht einer von denen, deretwegen Herrler da ist. Ron, BWL-Student und schwul. Er sagt: "Als BWLer muss man ja auf solche Messen gehen." Er habe sich mehrere Vorträge angehört. "Hier geht es schlicht um Karriere. Nur dass überall dazu gesagt wird: Das gilt übrigens auch für Schwule." Und einen weiteren Unterschied gebe es natürlich noch. "Ich habe hier schon viel hübsche Männer gesehen. Glauben Sie, die sind alle nur wegen der Karriere da?"
Wer weiß. Was sie auf der Milk 2010 bekommen, ist jedenfalls Karriere pur. Die Workshops heißen "Von der Führungskraft zur Führungspersönlichkeit" oder "Meine glückliche Karriere beginnt bei mir". Die Teilnehmer tragen schwarze Schals zu schmalen Business-Anzügen. Es gibt eine "Speed-Networking-Session" und die "Chill-Out-Zone". Und auch die Referenten argumentieren strikt ökonomisch, wenn sie über Homosexualität im Berufsleben reden. Lesben und Schwule hätten besondere Kompetenzen, sagt einer, zum Beispiel Kommunikationsfähigkeit und Flexibilität. Perfekt für die globalisierte Wirtschaft. "Diversity", fügt ein anderer hinzu, sei deshalb ein "big, big Gewinn" für jedes Unternehmen.
Die Diversity-Philosophie stammt aus den USA, dem Mutterland des Diversity-Managements, dem Land, in dem Unternehmen als Erste die Vielfalt der Hautfarben, Religionen und sexuellen Orientierungen zu schätzen wussten und förderten. Schließlich hatten Studien gezeigt, dass bunt gemischte Teams produktiver sind als weiße, heterosexuelle Männerbünde. Nebenbei ist ein schwulenfreundliches Image durchaus förderlich, um die solvente Zielgruppe der Homosexuellen anzusprechen.
Das alles wissen sie natürlich auch auf der Milk 2010. Und so ruft ein Marketing-Fachmann dazu auf, die "rosa Nische" mit ihrer "gewaltigen Kaufkraft" zu entdecken. Margit Herrler, die Frau von SAP, findet das "grenzwertig". Ihre Firma sei nicht hergekommen, um neue Kunden zu gewinnen. Sie wolle zeigen, dass sie offen gegenüber Homosexuellen sei. "Konservative Kunden kann das sogar verschrecken."
Bei einer solchen Mischung aus Hedonismus, liberaler Weltoffenheit und geballter Marktmacht, müsste die Milk 2010 eigentlich ein Selbstläufer sein. Ist sie aber nicht. Die Firmenvertreter hinter den Ständen sind fast zahlreicher als die Jobsucher davor. Am Stand der Deutschen Bank essen gelangweilte Personal-Werber Kuchen.
Vielleicht liegt es daran, dass die Messe seltsam aus der Zeit gefallen scheint. Für die Jungen scheint das Thema nicht mehr so wichtig, die studentischen Besucher sind eher aus Neugier da, denn aus Notwendigkeit. "Eigentlich sollte es so eine Messe gar nicht geben", sagt Markus, ein BWL-Student mit Bürstenschnitt und Aktentasche. "Das Thema müsste man auf einer regulären Karrieremesse behandeln." Fragt man den Mann von der Deutschen Bank, wie man in seinem Haus schwul Karriere macht, antwortet er: "Wie jeder andere auch."
"Wir sind ein toller Laden"
Das ganze Dilemma der Messe lässt sich im großen Saal des Kongresszentrums besichtigen. Dort klärt eine Referentin die Zuhörer gerade über die " vier Phasen der Gehaltsverhandlung" auf. Das Publikum erfährt, dass der Personalchef keine Schwafler mag und dass bei jeder Verhandlung "der Ton die Musik macht". Plötzlich unterbricht eine groß gewachsene Lesbe im grauen Hosenanzug die Frau. Das sei ja alles schön und gut, helfe ihr aber bei einem homophoben Chef leider nicht weiter. Der Rat der Referentin: "Da müssen Sie sich Hilfe von außen suchen." Aber Vorsicht: "Bloß nicht den Betriebsrat einschalten!" Sonst sei es gleich aus mit der Karriere.
Dann ist die Milk 2010 fast zu Ende. Margot Herrler steht noch tapfer an ihrem Stand. Sie wird viele ihrer Broschüren wieder mit nach Hause nehmen. Trotzdem freut sie sich, da gewesen zu sein und so gezeigt zu haben: "Wir sind ein toller Laden. Bei uns kann jeder glücklich werden."
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