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05. Dezember 2008

Johannes Heesters: Zum Geburtstag wenig Glück

 Von TIM GORBAUCH
"Heut geh ich ins Maxim" - und das seit 70 Jahren. Foto: ddp

Jopie, Jopie: Der älteste noch aktive Schauspieler wird 105 - und verdirbt sich mit einer Aussage zu Hitler die Party.

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Er ist der älteste noch aktive Schauspieler und Sänger der Welt, entsprechend würdevoll wollte Johannes Heesters heute seinen 105. Geburtstag feiern. Doch stattdessen titelten gestern Agenturen und die Internet-Portale der deutschen Printmedien mit einem ungeheuren Zitat: "Heesters - Hitler war ein Guter."

Hintergrund: Vor zwei Tagen gab Heesters im niederländischen TV-Sender Varda ein Interview, das viele seiner Landsleute in ihrem Verdacht bestärkte, der Entertainer habe sich nicht nur für die Nazi-Propaganda verkauft, sondern Sympathie für Hitler und seine Gefolgsleute gehegt.

Laut Deutscher Presseagentur (dpa) kam es in der Sendung zu folgendem Wortwechsel:

Frage des Reporters: "War Hitler ein netter Bursche?"

Heesters: "Adolf Hitler, ja Gott, ich kenne den Mann wenig, aber ein Kerl, weißt du, das war er, ein guter Kerl."

Heesters Frau Simone Rethel: "Ja Jopie, was redest du?"

Heesters: "Was?"

Rethel: "Das war doch kein guter Kerl, der Hitler."

Heesters: "Nun ja, das war er nicht, aber für mich war er nett."

Rethel: "Jopie, Hitler war der größte Verbrecher auf der ganzen Welt! Da kannst du nicht sagen, er war ein feiner Kerl! Was redest du für dumme Sachen!"

Heesters: "Naja, ich darf nicht mehr sagen, dann ist sie böse mit mir."

Ob Heesters damit seine Gesinnung offenbarte oder nur den Umstand, dass er mitunter nicht mehr ganz bei Sinnen ist, darüber können jene mutmaßen, die ihn persönlich kennen.

Allzu schlecht kann sein aktueller Gesundheitszustand jedenfalls nicht sein: In Hamburg steht er zurzeit auf der Bühne, und in Berlin kämpft er vor dem Landgericht gegen die Behauptung von Historikern an, er habe Anfang der 40er Jahre im Konzentrationslager Dachau für SS-Mitglieder gesungen. Dieser angebliche Auftritt, den er stets bestritten hat, war es, der ihn bei seinen Landsleuten in Misskredit gebracht hat.

Im Februar dieses Jahres dann schien es, als habe Heesters erreicht, wonach er sich fünf Jahrzehnte lang gesehnt hatte: die Versöhnung. Der aktuelle Skandal aber dürfte die alten Wunden auf beiden Seiten wieder aufreißen.

Doch der Reihe nach. In Hamburg also spielt er zurzeit den Kaiser Franz Joseph in Ralph Bernatzkys Singspiel "Im Weißen Rössl". Kein großer, auch kein besonders aufregender Charakter ist das, ein alter Mann an der Grenze zur Senilität, fast schon eine Karikatur seiner selbst - aber doch eine Rolle. Sie bringt ihn zurück auf die Bretter, die ihm die Welt bedeuten. Und so darf Johannes Heesters, den alle Jopie nennen, Abend für Abend der Welt ein Ständchen bringen: "Schweige und begnüge dich", heißt's im Text, "lächle und füge dich."

Vor 75 Jahren begegnete ihm das Weiße Rössl zum ersten Mal, 1933 in Antwerpen spielte Heesters den Oberkellner Leopold. Kurz danach avancierte der Holländer in Deutschland zu einem Star. Er fand seine Lebensrolle, den Danilo aus Franz Lehars Lustiger Witwe, und trällerte auch Hitler ins Ohr: "Heut geh ich ins Maxim." Der Führer war hin und weg. "Herr Heesters, es war wieder wunderbar", soll er ihm 1939 im Münchner Gärtnerplatztheater zugerufen haben. Und auch Goebbels schwärmte einst: "Ach Heesters, Sie mit Ihrem Charme."

Im Februar, vor besagten zehn Monaten, wollte er die alten Dämonen endgültig besiegen. In Amersfoort, seiner Geburtsstadt, gab er ein Konzert. 45 Jahre zuvor hatten ihn seine Landsleute von der Bühne geschrien, "Heesters SS, Heesters SS." Für sie war er ein Kollaborateur, "de zingende nazi". Danach ist er nie mehr in seiner Heimat aufgetreten. Oft hat er darüber geklagt, wie sehr ihn das schmerzt.

Es war kein gewöhnliches Konzert im Februar. Heesters inszenierte es als Rückblick auf sein Leben. Viele Fotos wurden gezeigt, auch die vom 21. Mai 1941, als Heesters auf Einladung der SS das Konzentrationslager Dachau besuchte. Man sieht ihn da im Gespräch mit dem Lagerführer, beim Rundgang, beim Tee. Heesters bestreitet allerdings, dass er, die internierten Juden im Rücken, den Nazis vorgesungen habe. Und weil er endlich amtlich von diesem Vorwurf freigesprochen sein will, prozessiert er zurzeit vorm Landgericht Berlin. Die Entscheidung soll am 16. Dezember fallen.

Im Februar in Amersfoort verlas Simone Rethel, Heesters zweite Frau, eine Entschuldigung. Im Saal herrschte Stille. Am Schluss gab es Standing Ovations. Heesters hatte sein Ziel erreicht. Er hätte da endlich aufhören, loslassen können. Er machte weiter. Als Schauspieler mit Stimme, wie er sich selbst nennt. Das ist eine schöne, schlichte Beschreibung. Und doch ist er aus einer anderen Zeit. Seine Gesten, seine Sprache, das Pathos seiner schlohweißen Erscheinung - wie ein Requisit steht er für etwas, das nicht mehr ist. So reicht man ihn auch herum: Seht her, ein Fossil. Einer, der den Ersten Weltkrieg als Jungspund erlebte und den Zweiten mit Frack und Seidenschal durchstand.

Für einen wie Heesters gibt es kein Naturkundemuseum, für ihn gibt es TV-Shows wie Kerner und Beckmann. Oder eben die Bühne im Winterhuder Fährhaus zu Hamburg. Seine Frau sagt: "Ich bestärke ihn darin, weiterzumachen. Wenn man noch etwas tut und sich nicht zur Ruhe setzt, ist es doch besser." Dann führt sie ihren Mann, der nichts mehr sieht, ans Klavier. Heesters sucht am Steinway nach Halt. Und nach den Worten zu all den Melodien, die seit einem Dreivierteljahrhundert in seinem Kopf herumschwirren. Sein Pianist souffliert ihm schließlich die Texte. Er gehört da nicht mehr hin. Aber das sagt ihm niemand.

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