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John Waters im Interview: "Alle wollen heute Außenseiter sein"

... das hätt’s früher nicht gegeben, sagt Kult-Regisseur John Waters. Ein Gespräch über die lustvolle Anarchie der 70er Jahre, den schlechten Geschmack von heute und den Spaß an seinem Musical "Hairspray".

Hairspray, das Musical, basiert auf John Waters Erfolgsfilm von 1988 und ist ab 6. Dezember im Kölner Musical Dome zu erleben.
"Hairspray", das Musical, basiert auf John Waters Erfolgsfilm von 1988 und ist ab 6. Dezember im Kölner Musical Dome zu erleben.
Foto: Shaftesbury Theatre

Mr. Waters, schauen Sie sich Ihren Skandalfilm "Pink Flamingos" manchmal noch an?

Nein, höchstens wenn ich zu einer Vorführung eingeladen werde. Aber der Film funktioniert bis heute.

Zur Person

John Waters, 63, hat als Filmemacher in den 70ern und 80ern immer wieder die Grenzen des bürgerlichen Geschmacks getestet. William Burroughs verlieh dem in Baltimore/Maryland lebenden Künstler den Titel "Pope of trash".

Berühmt wurde er 1972 mit der Groteske "Pink Flamingos", von der Kritik als einer der "abscheulichsten, dümmsten und widerwärtigsten Filme" aller Zeiten verrissen.

"Hairspray", das Musical, basiert auf Waters Erfolgsfilm von 1988 und ist ab 6. Dezember im Kölner Musical Dome zu erleben. Tickets unter 01805-570 000,

Info: www.mlk.com/ hairspray Shaftesbury Theatre

Und? Funktioniert auch die berüchtigte Szene noch, in der Drag Queen Divine, Ihr Lieblingsdarsteller von damals, Hundekot isst - oder haben wir uns an derart eklige Medienbilder gewöhnt?

Ich finde die Szene nach wie vor großartig. Eine der besten Schlussszenen aller Zeiten. Selbst die, die den Film hassen, haben darüber geredet. Ich kann mich daran erinnern, wie ich den Film zum ersten Mal im Kino vorgeführt habe. Das Publikum bestand nur aus Außenseitern: Motorradfahrer, wütende Hippies, Schwule, die die anderen Schwulen hassten. Alle waren bekifft. Und dann kam diese Szene, und alle dachten: Wie bitte? Und dann haben sie verstanden: Das war ihr Film! Das war der Film, der ihrem Zorn einen Ausdruck gab. "Pink Flamingos" war Punkrock, bevor es Punkrock gab.

Sie haben einmal gesagt, dass es guten schlechten Geschmack und schlechten schlechten Geschmack gibt. Zählt Ihre Fäkalszene zu letzterer Kategorie?

Nein, weil ich das Publikum damit überrascht habe. In dem Jahr, in dem der Film ins Kino kam, lief auch der Porno "Deep Throat" an, der zu einem Kultfilm avancierte. Plötzlich galt Pornographie als gesellschaftsfähig. Alle dachten, dass es nichts mehr gäbe, was sie noch schocken könnte. Wir haben etwas gesucht, was so abartig war, dass es noch nicht einmal ein Gesetz dagegen gab.

Wo finden Sie heute schlechten schlechten Geschmack nach Ihrer Definition?

Viele Reality Shows, die Leute bloßstellen, weil sie wenig Geld haben oder aus der Unterschicht stammen. Shows, die Menschen erniedrigen oder beleidigen. Ironische Hipster, die sich über den Geschmack anderer Leute lustig machen, weil er naiv und kitschig ist. Tun Sie das denn nicht auch in Ihren Filmen: sich über andere lustig machen?

Ich habe immer Respekt vor meinem Publikum und meinen Figuren gehabt. Ich habe mich nie für etwas Besseres gehalten. Ich wollte sogar so wie die Figuren in meinen Filmen sein. Ich wollte so wie sie leben. Ich wollte die gleichen Extremsituationen durchleben. Alle meine Figuren sind mutiger, als ich es je war.

In den Vereinigten Staaten galten Sie lange als Bürgerschreck. Weil die Leute dachten, dass wir wie die Figuren in "Pink Flamingos" hausen. Sie dachten, das wäre ein Dokumentarfilm, dabei ist er nur technisch schlecht gemacht. Einmal habe ich einen Kameramann einer seriösen Nachrichtensendung überredet, uns zu unterstützen. Er war ein ganz normaler, heterosexueller Typ. Eines Tages haben wir eine Szene im Wald gedreht und seine Frau ist aufgetaucht. Sie war total schockiert. Als hätten wir gerade ein Massaker veranstaltet. Sie hat ihrem Mann befohlen, sofort zu verschwinden. Los! Hau ab! Lauf!

In Ihrem Wohnzimmer steht ein elektrischer Stuhl. Nur eine Geschmacksfrage?

Ja, es ist guter schlechter Geschmack. Der Stuhl stammt aus einem meiner Filme. Alle Filmregisseure besitzen Requisiten aus ihren Filmen. Für mich ist er zeitgenössische Kunst. Zu Weihnachten stecken wir Lichter an den Stuhl. Früher habe ich ein Stuhlbein in eine Weihnachtsbaum-Halterung gestellt und sie mit Wasser gefüllt. Aber der Rest meiner Wohnung besteht aus Teppichen und Antiquitäten.

Sie besitzen auch ein Gemälde des Serienmörders John Wayne Gacy.

Ja, das stimmt. Aber ich habe auch eine ziemlich gute Sammlung mit moderner Kunst. Stattdessen unterstellen mir Journalisten immer, ich würde Kunst von Serienmördern sammeln.

Das habe ich nicht gesagt.

Okay. Ja, ich habe ein Gemälde von John Wayne Gacy. Es hängt im Gästezimmer. Alle ekligen Sachen habe ich im Gästezimmer untergebracht, damit die Gäste nicht so lange bleiben.

Viele Menschen würden das Gemälde eines Serienmörders wegwerfen.

Das kann ich doch nicht wegwerfen! Johnny Depp hatte auch ein Bild von Gacy, aber seine Freundin hat ihn gezwungen, es zu verbrennen. Heute wäre es ein Vermögen wert. Aber das ist nicht der Grund, warum ich es behalte. Ein lieber Freund hat es mir zu Weihnachten geschenkt. Manchmal zeige ich das Gemälde Gästen, wenn sie danach fragen. Es ist sehr stümperhaft. Was den Leuten Angst einjagt, ist Gacys Signatur.

Sie interessieren sich nicht für die Kunst, sondern nur für den Schockeffekt.

Mich interessieren Extreme. Ich mag Verhalten, das ich nicht verstehe. Ich fühle mich von Dingen angezogen, die mir unheimlich sind. Als Kind hatte ich ein Faible für Verkehrsunfälle. Ich habe meine Spielzeugautos zerbeult, damit sie aussehen, als wären sie zusammengestoßen. Außerdem habe ich meine Mutter angebettelt, dass sie mit mir auf den Schrottplatz geht. Einmal habe ich dort einen Wagen gesehen, in dem noch Blut zu sehen war. Das hat mich fasziniert.

Ihre Mutter hat Ihnen auch das Motiv eines elektrischen Stuhls auf ein Kissen gestickt.

Sie hat schon gestickt, als ich noch ein Kind war. Ich finde die Stickereien, die sie macht, sehr schön. Also habe ich sie um das Bild eines elektrischens Stuhl gebeten - weil ich dachte, dass das interessant aussehen würde. Von der gleichen Mischung leben ja auch meine Filme. Ich nehme eine Tradition und entstelle sie so, dass ich die Zuschauer damit überrasche. Alle meine Filme sind Satiren traditioneller Filmgenres.

Lassen sich die Zuschauer heute damit noch schockieren?

Mir ging es nie darum, Leute nur zu schockieren. Das ist mir zu simpel. Das kann jeder. Mir geht es um Witz. Ich will die Leute damit überraschen, dass ich noch überraschen kann. Was könnte abscheulicher sein, als Hundekot zu essen? Es gab keinen Grund, diese Szene zu drehen. Es war pure Anarchie.

Was treibt Sie zur Anarchie?

Ich habe mich mein ganzes Leben gegen Zensur gewehrt. Als ich neun Jahre alt war, wollte ein christlicher Verein, dass wir unzüchtigen Filmen abschwören. Ich habe mich geweigert. Mit neun! Meine Mutter dachte: Wie bitte?

Heute hängen Ihre Fotografien in großen Museen. Ihre Filme gelten als moderne Klassiker. Sie werden zu Vorträgen an Universitäten eingeladen. Als Außenseiter können Sie sich eigentlich nicht mehr aufführen.

Heute wollen alle Außenseiter sein, weil sie das cool finden. Ich war früher ein Außenseiter, aber ich habe die Seiten gewechselt. Heute bin ich ein Insider. Ich bin jetzt das Establishment. Ist das keine schöne Ironie?

Fühlt es sich anders an, ein Insider zu sein?

Nein, denn ich tue immer noch das Gleiche. Früher habe ich die Gesellschaft von außen pervertiert. Heute pervertiere ich sie von innen.

Hätten Sie es für möglich gehalten, dass "Hairspray" einmal als Musical nach Deutschland kommt?

Überhaupt nicht. Als ich "Hairspray" 1988 gedreht habe, wollte ich eigentlich nur einen weiteren schrägen John-Waters-Film machen. Ich habe erwartet, dass die Zuschauer wie immer reagieren würden. Schließlich hat ja auch Divine wieder mitgespielt.

Aber Divine benimmt sich hier ausnahmsweise mal ganz gesittet un d spielt eine 50er-Jahre-Mutti. Sie haben einmal über "Hairspray" gesagt, dass Sie aus Versehen einen Familienfilm gemacht haben... Als der Film ohne Altersbeschränkung freigegeben wurde, dachte ich zuerst, das wäre ein Witz. Meine früheren Filme sind in der Regel im Nachtprogramm gelaufen. Ich war zuerst nervös und wusste nicht, was ich mit der Freigabe anfangen sollte. Der Verleih wollte, dass ich noch ein paar neue Szenen drehe, damit "Hairspray" erst ab 13 Jahren zugelassen wird. Aber dann habe ich verstanden, dass ich die Leute damit auf eine neue Art überraschen konnte. John Waters macht einen Familienfilm? Das hat die Zuschauer mehr schockiert als alles andere.

Wie sind Sie auf die Geschichte mit dem dicken Mädchen, das in einer Tanzshow auftreten will, gekommen?

Ich habe als Kind in Baltimore immer eine Fernsehsendung gesehen, in der junge Leute auftraten und tanzten. Als Erwachsener hatte ich die Show so verinnerlicht, dass ich nachts, wenn ich mit Freunden von Partys heimkehrte, den Madison getanzt habe. Dann hatte ich eine Idee für diese Geschichte: Fettes Mädchen kämpft gegen Rassendiskriminierung. Das klang gut, fand ich.

Was hat sich seit dem Erfolg von "Hairspray" für Sie verändert? Ich habe mir von dem Geld eine Zweitwohnung in San Francisco gekauft - das hat mich verändert. Aber sonst? Nein, ich denke nicht. Ich habe immer noch den gleichen Humor, die gleichen Werte, die gleichen Freunde. In Baltimore gehe ich manchmal an der Stelle vorbei, in der ich einmal eine Woche lang im Auto übernachten musste, weil ich umziehen wollte und noch keine neue Wohnung hatte. Ich bin im Grunde noch der gleiche Mensch wie damals. Vielleicht etwas weniger zornig. Aber worüber sollte ich auch zornig sein?

Was hat Sie früher so zornig gemacht?

Ich weiß es nicht genau. Es war nicht so, dass mich meine Eltern verprügelt hätten. Sie haben immer hinter mir gestanden. Sie haben mich gut erzogen. Mir die richtige Einstellung mitgegeben. Sie wissen schon: arbeite hart, erfülle deine Träume, solche Sachen. Vielleicht rührte meine Wut daher, dass ich nicht so wie jeder andere sein wollte. Außerdem war das ja auch die Zeit des Vietnam-Krieges und der Rassenunruhen.

Fühlten Sie sich in der Schule als Außenseiter?

Ja, aber ich wollte es nicht anders. Ich hatte ein paar Freunde, und mit den anderen wollte ich nichts zu tun haben. Ich wollte ein Beatnik sein, Gedichte lesen und Underground-Filme gucken. Meine Mitschüler haben mich nicht schikaniert oder verprügelt. Sie hatten Angst vor mir, weil ich rebellischer als sie war. Außerdem habe ich sie zum Lachen gebracht. Mein Humor hat mich vor vielem bewahrt.

Woher kam Ihr Zorn dann?

Vielleicht lag es doch an meinen Eltern. Ich bin in den 50er Jahren groß geworden. Alles war eng. Meine Eltern waren unsicher, verklemmt und nervös. Sie haben gemerkt, dass ich nicht so wie die anderen Kinder war. Ich habe ihren Erwartungen nicht entsprochen. Mein Vater wollte mit mir über Sport reden und die Sachen unternehmen, die normale Jungen mögen. Aber das wollte ich nicht. Später habe ich gegen die Rassentrennung gekämpft. Ich habe mich zu meinem Schwulsein bekannt. Alles Dinge, die nicht in die Welt meines Vater passten. Aber ich war sicherlich auch ein schwieriges Kind.

Was meinen Sie mit "schwierig"?

Zum Beispiel, dass ich Drogen genommen habe. 1964 habe ich LSD entdeckt - da war die Droge noch so unbekannt, dass es noch nicht einmal verboten war. An der Universität in New York habe ich den ganzen Tag Marihuana geraucht, statt Kurse zu besuchen. Dann hat uns jemand verraten. Die Universitätsleitung hat uns zur Strafe in einen Schlafsaal eingesperrt. Ich war so wütend, dass ich eine Boulevardzeitung angerufen habe. Ich wusste, dass sich die Unileitung darüber ärgern würde. Am nächsten Tag stand alles in der Zeitung. Auf der Titelseite. Meine Eltern haben mich abgeholt. Sie waren natürlich entsetzt. Sie dachten, dass ich jetzt drogenabhängig bin. Als ich ins Auto gestiegen bin, habe ich ihnen eine Szene gemacht: "Nein! Nein! Ich will nicht weg aus New York!" Es war wie in einem schlechten Film. Sie haben sich gedemütigt gefühlt.

Aber Ihr Vater hat Ihnen auch das Geld für Ihren ersten Spielfilm vorgestreckt.

Ja, er war stolz auf mich. Ich habe hart gearbeitet, um es ihm zurückzuzahlen. Das hat ihn beeindruckt. Meine Eltern sind auch immer zu den Premieren gegangen, obwohl es ihnen peinlich war und die Nachbarn geredet haben. Einmal hat mein Vater gesagt: "Das war lustig, aber ich hoffe, dass ich mir das nie wieder ansehen muss." Das war ein guter Spruch. Meinen Humor habe ich von ihm geerbt.

Interview: Serge Debrebant

Datum:  15 | 11 | 2009
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