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01. März 2010

Jonathan Safran Foer: Der Fleischverächter

 Von Sebastian Moll
Für Schriftsteller Foer ist die Fleischindustrie eine kriminelle Vereinigung.  Foto: Andreas Pein/Bilderberg

Erfolgsautor Jonathan Safran Foer wandelt sich zum kämpferischen Vegetarier. Die Fleischindustrie ist für ihn eine kriminelle Vereinigung. Fleischesser hält er für Mittäter an einem Verbrechen. Von Sebastian Moll

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Zur Person

Jonathan Safran Foer, 32, ist amerikanischer Schriftsteller und erklärter Vegetarier. In Deutschland bekannt wurde er mit dem Buch "Alles ist erleuchtet".

Neben seiner Arbeit als Autor trat er auch mit literarischen Aktionen an die Öffentlichkeit. Bei einem "Blank Paper project" sammelte er zum Beispiel leere Manuskriptseiten von Autoren.

In seinem neuen Buch "Eating Animals" geißelt er den Fleischverzehr als Verbrechen an der Schöpfung. Jonathan Safran Foer ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. prtrö

Jonathan Safran Foer versteht keinen Spaß, wenn es um das Thema seines neuen Buches geht. Wenn das einstige Wunderkind der amerikanischen Literatur über "Eating Animals" (Tiere essen) spricht - und das tut er in den letzten Monaten ständig - dann hat er den Tonfall eines Missionars. Die Fleischindustrie ist für ihn eine kriminelle Vereinigung. Fleisch zu konsumieren hält er für Mittäterschaft an einem Verbrechen unaussprechlicher Grausamkeit, und bevor er die Menschheit zum Vegetarismus nicht bekehrt hat, so bekommt man den Eindruck, macht er keinen Halt.

Die neue Eindringlichkeit ist eine erstaunliche Wendung für den erst 32 Jahre alten Romancier, dessen erste beide Bücher gerade deshalb so erfolgreich waren, weil sie den schwierigsten Themen Leichtigkeit verliehen, ohne sie zu trivialisieren. In "Everything is Illuminated" (Alles ist erleuchtet) erzählte er die Geschichte der eigenen Suche nach den Spuren seiner Familie in der Ukraine, wo die jüdischen Großeltern nur knapp dem Holocaust entgingen. In "Extremely Loud and Incredibly Close" (Extrem laut und unglaublich nah) beschrieb Foer den 11. September 2001 durch die Augen eines kleinen Jungen, der seinen Vater im World Trade Center verlor. Doch beide Romane hatten eine erzählerische und sprachliche Verspieltheit.

"Eating Animals" ist hingegen eine blutende, bittere Anklage. Es ist keine postmoderne Erzählung voller Sensibilität und Sprachwitz wie seine vorangegangenen Werke. Es ist ein gründlich recherchiertes Stück Enthüllungsjournalismus, das die Praktiken der Fleisch-produzierenden Industrie bloßlegt. Es beschreibt die Zustände bei der Massenhaltung von Geflügel, das zu Zigtausenden so eng zusammengepfercht wird, dass sich die Tiere nicht bewegen können und im eigenen Dung ersticken. Es beschreibt, wie Schweine und Rinder oft noch bei Bewusstsein gehäutet und zerstückelt werden. Und es beschreibt die Folter, die es bedeutet, Tiere chemisch so anzumästen, dass sie ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen können.

Viehzucht schürt Klimawandel

Auch, was die ökologischen Konsequenzen der industriellen Fleischproduktion angeht, leistet Safran Foer ganze Aufklärungsarbeit. Er weist auf die aus unverständlichen Gründen kaum diskutierte Tatsache hin, dass die Viehzucht für 51 Prozent der klimaerwärmenden Atmosphären-Gase verantwortlich ist. Er dokumentiert die massive Verschmutzung von Böden und Gewässern durch den Kot von industriell gehaltenen Tieren. Und er beschreibt den hochtechnologisch geführten "Krieg gegen die Meere", wie er die Überfischung der Ozeane mit Hilfe von Radar, Satelliten und Kriegsschiffen nennt.

Safran Foer ist nicht der erste, der das Thema anpackt, aber er verschafft der Debatte durch seine Prominenz als Schriftsteller eine breitere Öffentlichkeit. Schon 2005 hatte Michael Pollan in seinem Buch "The Omnivore´s Dilemma" die Praktiken der US-Lebensmittelindustrie angeklagt. Im vergangenen Sommer brachte der Dokumentarfilm "Food Inc." die Brutalität und ökologische Verantwortungslosigkeit der Massentierhaltung auf die Leinwand.

Doch der missionarische Eifer des Autors hat auch einige seiner einstigen Bewunderer verstört. Warum, fragt man sich, hat sich das literarische Talent nach seinen Erfolgsromanen so mit Haut und Haaren einem politisch-gesellschaftlichen Kampf verschrieben? Und warum hat er sich ausgerechnet die Verwandlung der Amerikaner von Hamburgerfressern zu Vegetariern vorgenommen? Warum, fragte etwa die New York Times, widmet er sich dem Schicksal von Hühnern und Schweinen anstatt etwa dem Konflikt im Kongo, der seit Mitte der 90er Jahre fünf Millionen Menschen umbrachte? Safran Foer erklärt seine Verhärtung zum ideologischen Vegetarier mit der Geburt seines Sohnes. Vorher sei er zwar auch schon Vegetarier gewesen, aber einer, der immer wieder aus reiner Lust entgegen seiner Überzeugung gehandelt habe. "Meine Kinder richtig zu ernähren", erklärt er seinen Bewusstseinswandel, "war etwas anderes, als nur mich selbst. Es erschien mir viel wichtiger."

Doch vermag die Vaterschaft wirklich vollends den plötzlichen Eifer des Schriftstellers zu erklären? Das Magazin New Yorker bezweifelt das. Der tiefere Antrieb für den Enkel osteuropäischer Juden sei die unübersehbare Parallelität zwischen der industriellen Fleischproduktion mit ihrer ausgeklügelten Massentötungslogistik und dem Holocaust. Dass die Konsumenten das alles nicht wissen wollten und deshalb zu Komplizen würden, mache es ihm noch unerträglicher.

Für Safran Foer gibt es deshalb keine moralisch vertretbare Alternative zum Vegetarismus. "Es ist falsch, industriell produziertes Schweinefleisch zu essen oder seiner Familie zu geben. Es ist sogar falsch, still dabeizusitzen, wenn jemand anderes es tut", schreibt er in seinem Buch.

Schießt er übers Ziel hinaus? Ja, finden Kritiker wie Michiko Kakutani von der New York Times: Foer habe ja Recht, wenn er die schlimmen Folgen der industriellen Fleischproduktion für die Umwelt anprangere. Aber indem er die Ernährungsfrage moralisiere, diskreditiere er seine eigene Argumentation.

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