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Joseph Hader im Interview: "Jeder Mensch ist eine Ich-AG"

Der österreichische Schauspieler und Kabarettist Joseph Hader über das Preis-Leistungsverhältnis in zwischenmenschlichen Beziehungen und Pulp Fiction in der Vorstadt.

Jopseh Hader macht sich manchmal kleiner, als er ist.
Jopseh Hader macht sich manchmal kleiner, als er ist.
Foto: David Oliviera

Herr Hader, in Ihrem aktuellen Programm "Hader muss weg" spielen Sie die ineinander verschränkte Geschichte mehrerer Personen. Das ist kaum noch Kabarett, schon eher ein kleines Schauspiel.

Eine seltsame Mischform von Theater, Kino und Kabarett.

Zur Person

1962 wird Josef Hader als Sohn einer Bauernfamilie im oberösterreichischen Waldhausen im Strudengau geboren. Im Kloster Melk ist er nicht nur Ministrant, sondern spielt dort im Internat auch Theater. 1982 beginnt er ein Lehramtsstudium für Deutsch und Geschichte.

Sein erstes Kabarettprogramm "Fort Geschritten" führt er in Melk, Amstetten und in der Wiener Fußgängerzone auf.

Er hat damit Erfolg und bricht 1985 sein Studium ab. 1990 erhält er den Deutschen Kleinkunstpreis. Bisher hat er rund zehn Kabarettprogramme auf die Bühne gebracht und in zahlreichen Filmen mitgespielt. Bekannt wurde er vor allem in der Rolle des Ermittlers Simon Brenner, Hauptfigur in der Krimireihe von Wolf Haas. 2009 gewinnt er den Deutschen Fernsehpreis.

2010 bekommt er den Grimme-Preis für seine Darstellung des Vergewaltigers im Fernsehfilm "Ein halbes Leben". (FR)

Von den sieben Figuren, die Sie spielen, sterben drei, die anderen vier sprechen fortwährend über den Tod. Sie könnten Ihr Programm auch "Der Tod, das muss ein Wiener sein" nennen.

Das kommt Ihnen nur so vor. So oft reden die Figuren nicht vom Tod. Das ist doch das Traurige an diesen Figuren, dass sie gerade nicht von wichtigen Dingen reden können, sondern nur über Unwichtiges und immer aneinander vorbei. Die Grundidee war, zu zeigen, wie sich die Gesellschaft in den vergangenen Jahren verändert hat. Sie ist härter geworden, die Gruppen kämpfen immer verbissener um den Kuchen. Das Programm ist also eine Art Wiener Pulp-Fiction-Story in der Vorstadt. Da braucht man natürlich auch Tote.

Die Einsamkeit Ihrer sieben Figuren ist mit Händen zu greifen.

Die Grunddiagnose des Stückes ist doch, dass alle Menschen Ich-AGs sind, die das Preis-Leistungsverhältnis ihrer Beziehungen zu anderen Menschen ständig berechnen. Das ist eine Entwicklung, die ich zeigen wollte.

Sie selbst haben sich auch als Ich-AG bezeichnet, allerdings in dem Zusammenhang, dass Sie sich nirgends richtig dazugehörig fühlten, nicht in der Familie, nicht in der Schule. Sie sagten, die Einsamkeit sei Ihre größte Leidenschaft.

Ach, es ist schlimm, wenn man schon seit 20 Jahren Interviews gibt.

Sie könnten sich auch davon distanzieren.

Nein, so ist es auch wieder nicht, das wäre dann wieder zu schlimm. Ich hoffe, dass die größte Leidenschaft mittlerweile etwas anderes ist als die Einsamkeit. Aber dennoch, jeder Mensch ist eine Ich-AG. Wir alle funktionieren über Egoismus: Jede Liebe hat ihren Egoismus, jeder Mensch, der für einen andern stirbt, tut dies aus Egoismus und auch die Leute, die in die Dritte Welt fahren, um dort zu helfen, sind Egoisten. Egoismus ist ein Grundantrieb.

Für Ihre Rolle als Vergewaltiger und Mörder im Fernsehdrama "Ein halbes Leben" sind Sie mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt? War es die Möglichkeit, den Kabarettisten einmal hinter sich lassen und der Ironie entkommen zu können?

Da war vor allem das Grundgefühl: Das kann ich spielen. Die Rolle hat mich angesprungen. Da ist zum einen natürlich das Furchtbare dieser Figur, ihre Aggressionsschübe, und auf der anderen Seite das Weiche, das um Verständnis und Verzeihung fleht. Das ist für jeden Schauspieler eine Bombenrolle. Zwar gibt es viele Bombenrollen, aber es gibt nicht viele, die ich spielen könnte. Und die konnte ich spielen. Ich verstehe viel von der Figur. Mit dem schlechten Gewissen kenne ich mich aus, ich bin katholisch erzogen. Das Einzige, was ich nicht verstehe, ist das, was die Figur angerichtet hat.

Robert Musil ist Ihr Lieblingsautor...

Einer von mehreren.

Wer Sie auf der Bühne sieht oder in Ihrer Rolle als verkrachter Ermittler Brenner in den bisher drei Wolf-Haas-Verfilmungen, der muss tatsächlich an Musils Ironie-Begriff denken: "Einen Trottel so darstellen, dass der Autor plötzlich fühlt: Das bin ja zum Teil ich selbst."

So ist es, natürlich. Wenn meine großen Kollegen Qualtinger und Polt ihre Spießbürger spielen, dann weiß man sofort, dass sie deshalb so gut sind, weil sie auch auf ihre eigenen Schwächen schauen. Der Spießer, den wir alle potenziell in uns haben, schwingt bei ihnen immer mit.

Bei Ihnen doch auch.

Ja, ja, natürlich. Nur bei mir merk´ ich es nicht so.

Dazu passt Ihre Bemerkung in einem früheren Interview, jeder Mensch, der sich auf eine Bühne stellt habe einen Knacks. Wie würden Sie Ihren beschreiben?

Nicht jeder, der auf die Bühne geht, hat einen Knacks, sondern jeder, der irrsinnig gut ist, hat einen Knacks.

Sie machen es einem nicht leicht. Also gut, was ist Ihr Knacks?

Nein, so hab´ ich das natürlich nicht gemeint. Ich rede hier wirklich nicht von mir, sondern von richtig guten Schauspielern. Damit meine ich nicht die virtuosen Darsteller, die glitzern und glänzen und Klavier spielen können mit ihren Körpern. Die sind für mich auch gar nicht interessant. Aber die, die jede Faser ihrer Körper und ihre gesamte Energie darauf verwenden, ein anderer zu sein, die richtig guten Schauspieler - und so gut bin ich nicht -, das sind meistens nicht gerade ausgeglichene, glückliche Menschen. Der erste Schauspieler, den ich richtig gut fand, war Norbert Kappen, ein deutscher Theaterschauspieler am Burgtheater. Der hat alle wichtigen Rollen gespielt, aber er war trotzdem kein Star. Kappen war ein zutiefst unglücklicher Mensch. Er hat sich später umgebracht.

Wo sieht sich der Schauspieler Hader in diesem Gewimmel von glitzernden und todunglücklichen Kollegen?

Ich bin kein so ganz glücklicher Mensch und auch kein so ganz schlechter Schauspieler. Also, ich würd´ mich da eher in der Mitte sehen. Ich bin in bestimmten Rollen ganz gut und in der Kombination von Schauspieler und Drehbuchautor. Aber ein richtig großer Schauspieler bin ich nicht.

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Datum:  19 | 4 | 2010
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