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05. Januar 2015

Juden in China: Auf den Spuren der Vorfahren

 Von Inna Hartwich
In den engen Gassen von Hongkou leben die Menschen dicht zusammen.  Foto: Inna Hartwich

Als Dvir Bar-Gal vor 13 Jahren nach Shanghai kommt, weiß er nichts vom jüdischen Leben in China. Heute ist die Erinnerung an die Geflohenen und Vergessenen zu seiner persönlichen Mission geworden.

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Juden in China? In Shanghai? Dvir Bar-Gal schaute erstaunt, als er jemanden – er weiß gar nicht mehr, wer es war – davon sprechen hörte. Vor 13 Jahren hatte es den Israeli in die Metropole am Huangpu-Fluss verschlagen, zuvor hatte er in Sofia als Journalist gearbeitet, hatte über das Leben in Bulgarien berichtet. Einer der ersten Aufträge in China: eine Geschichte über die jüdischen Gräber. „Schon wieder, wie langweilig“, dachte er zunächst. Doch warum sollte es gerade in Shanghai jüdische Gräber geben? Dvir Bar-Gal wurde hellhörig. Was hatte die Juden an dieses Ende der Welt getrieben? Nie hatte er von diesem Teil der Geschichte gehört. In seiner Schule nicht, auch nicht von Bekannten und Verwandten.

Shanghai hat etwa 110 Jahre dieser Geschichte zu bieten, die Baghdadi-Juden, die hier im 19. Jahrhundert Handel trieben und die Stadt mit Geschäften und Hotels versahen, die ihr bis heute Glanz verleihen; die russischen Juden, die vor den Wirren des Bürgerkriegs und der Revolution geflohen waren und die Synagogen bauten; schließlich die Juden aus West- und Osteuropa, die vor den Nazis flohen und im offenen Shanghai die letzte Überlebenschance sahen.

Dvir Bar-Gals Neugierde war geweckt. Sie trieb den heute 49-Jährigen zu chinesischen Souvenirhändlern, die Steine mit hebräischer Inschrift verkauften, sie führte ihn an schlammige Flussufer, auf bewachsene Felder, zu Dorffrauen, die ihre Wäsche an einem solchen Grabstein scheuerten.

Die Suche nach den Grabplatten lässt ihn bis heute nicht los. Er schätzt, dass etwa 4000 davon in und um Shanghai herum liegen, zerstört durch die chinesische Kulturrevolution. 105 Steine hat er mittlerweile ausfindig gemacht, will sie in einer Art Erinnerungsort versammeln, wenn da nur nicht die Langsamkeit und der Unwille chinesischer Behörden wären. Bar-Gals Optimismus aber lässt nicht nach. „Das Wichtigste, was ich in China gelernt habe, ist Geduld zu haben. Alles geht seinen Gang, und ich gebe nicht auf“, sagt er, als er durch die Straßen von Hongkou läuft, den bis heute ärmlichen Stadtteil, in dem in den 1940er Jahren an die 20 000 Juden – aus Berlin oder Breslau, Vilnius oder Wien – zusammengepfercht hausten und sich so in der feucht-heißen Ferne vor den Nazi-Schergen retteten.

In Hongkou, heute noch ärmlich, lebten in den 1940er Jahren mehr als 20 000 Juden.  Foto: Inna Hartwich

Es ist zu Dvir Bar-Gals Mission geworden, die Geschichte der Juden in Asien lebhaft zu machen. Zu zeigen, was die Menschen in unbekannte Welten fernab ihrer Heimat trieben, was sie hier vorfanden, was sie daraus machten. Und warum das weder Israel noch China lange Zeit kein Wort wert war. Die Geschichten findet er nicht nur in vermoderten Häusern und fast vergessenen Büchern, er findet sie vor allem in den Erzählungen von den Nachfahren der hier Geretteten. Die zu seinen Touren durch den lange vernachlässigten Stadtteil kommen, hierher, wo ihre Eltern den sogenannten „Sektor für staatenlose Flüchtlinge“ zu einem Klein-Wien machten, wo sie selbst mit chinesischen Kindern durch die stickigen Gassen sausten und oft nicht verstanden, warum sie hier ein Zimmer mit 20 anderen teilen mussten und kaum etwas zu essen hatten.

Sie kommen aus den USA, aus Australien, aus Israel, manche haben asiatische Gesichtszüge, manche sind schwarz und tragen jüdische Namen, manche können nur noch am Stock gehen. Sie bringen Fotos mit und lassen sich von Dvir Bar-Gal auf eine Zeitreise mitnehmen, bei der so mancher später mit den Fingern über die Namenstafel bei der Ohel-Moshe-Synagoge fährt und innehält. Hier in den Straßen von Hongkou finden sie einen Teil ihrer Familiengeschichte, einer Welt, der sie so dankbar sind.

Handel mit Opium

Es war im Jahr 1845, als David Sassoun, ein Baghdadi-Jude aus Bombay, der erste Jude in Shanghai, den Boden der Stadt betrat. Die Familie war in Indien zu Geld gekommen und vermehrte es in China durch den Handel mit Opium. Schnell wurden die Sassouns in der britischen Konzession Shanghais zu angesehenen und mächtigen Händlern. 35 Jahre später ließen sich die Mizrachim-Juden der Familie Kadoori in Shanghai nieder. Sie bauten Hotels – das Peace-Hotel ist bis heute eines der Wahrzeichen der Stadt –, sponserten Schulen für Arme, errichteten Banken, ließen Synagogen bauen. Etwa 1000 Baghdadi-Juden hatten sich zu der Zeit im internationalen Shanghai niedergelassen.

Anfang des 20. Jahrhunderts gewann das jüdische Leben an Zulauf. Wissenschaftler und Geschäftsmänner aus dem noch zaristischen Russland kamen, später auch Flüchtlinge, die von der Verfolgung der Bolschewiken Zuflucht suchten. Sie waren die ersten Juden, die im ärmlichen Hongkou so etwas wie ein zu Hause aufzubauen versuchten, bis zu 6000 Menschen zogen in die engen Gassen. Fotografie-Läden und Apotheken entstanden, auch Bäckereien, Kinos und Cafés. Sobald es aber jemand zu etwas gebracht hatte, zog er aus Hongkou weg, es ging in die reichere französische Konzession.

Dvir Bar-Gal führt Touristen durch Shanghai.  Foto: Inna Hartwich

Hongkou blieb weiter ein Sammelbecken für die, die anderswo nicht mehr willkommen waren. Zwischen 1938 und 1941 waren es mehr als 20 000 Juden, die vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten flohen. Für das offene Shanghai, damals unter japanischer Besatzung, brauchten sie kaum mehr als Geld für das Schiff, ein Visum war nicht nötig. Menschen wie Chiune Sugihara, damals japanischer Konsul in Kaunas (Litauen), und Ho Fengshan, chinesischer Generalkonsul in Wien, stellten Passierscheine aus und retteten so Tausenden Juden das Leben.

Shanghai aber hat nicht auf die Flüchtlinge gewartet. Man pferchte die Neuankömmlinge in die engen Häuser von Hongkou, wo auch Hunderte verarmter Chinesen wohnten. Noch heute erinnert sich so mancher Bewohner an die Europäer. „Die Großen schauten immer verängstigt, mit den Kindern aus der oberen Etage haben wir immer gespielt“, erzählt Frau Wang, die nie aus Hongkou herausgekommen ist.

Kabel schlängeln sich hier von Haus zu Haus, Wäsche flattert im Wind, draußen im Hof gibt es Gemeinschaftstoiletten. Hongkou und das frühere Ghetto „Tilanqiao“ sind das, was sie auch vor mehr als 70 Jahren waren, heruntergekommen, aber lebhaft. Nur langsam kommen die Stadtentwickler hierher. Die Verwaltung hat erkannt, dass sich mit dem „jüdischen Ghetto“ Touristen anlocken lassen. Behutsam will sie vorgehen, hat Studenten aus Israel eingeladen, die zusammen mit Chinesen Konzepte zur Erhaltung der historischen Stätte erarbeiten.

Ungewisse Zukunft

Nicht alles wird in Hongkou abgerissen, um es – wie in so vielen chinesischen Städten – im gleichen Stil wiederaufzubauen. Die Restaurierung frisst Geld, das teils auch aus Israel kommt. Was aus den Backsteinhäusern mit den schiefen Holztreppen und nur wenigen Fenstern wird, weiß bislang niemand so genau.

Eine ungewisse Zukunft wartete hier auch auf die gestrandeten Familien, die meist mit zwei Koffern und vier Dollar kamen. „Die Bourgeoisie Europas fand sich im Elend Hongkous wieder“, erzählt Dvir Bar-Gal, die Sonnenbrille auf der Nase, eine Flasche Wasser in der Hand. Krankheiten, Seuchen, Verzweiflung machten sich breit. Einigen blieb nur der Suizid in diesem „Gefängnis ohne Wände“, wie viele der Überlebenden ihr damaliges Domizil später nannten. Jüdische Organisationen aus den USA halfen mit Essen und Kleidung aus, nach und nach gründeten die Menschen auch eigene Geschäfte, Cafés, Zeitungen. Sie profitierten vom bereits etablierten russisch-jüdischen Leben in der Stadt. Es entstanden Schulen, Krankenstationen. Zu den Chinesen aber blieb eine große Distanz.

Kaum waren 1949 die Kommunisten an die Macht gekommen, war es vorbei mit den Ausländern in der Stadt. Alle, die Baghdadi-Juden, die russischen Juden, auch die vor den Nazis Geflohenen packten wieder ihre Sachen. Erst seit wenigen Jahren ziehen wieder Juden nach Shanghai. „Ich war nur ein paar Monate alt, als wir zuerst nach Hongkong gingen und später nach Großbritannien auswanderten“, sagt die Baghdadi-Jüdin Elana, die immer wieder von Israel nach Hongkou kommt, mit Fotos und Erinnerungen ihrer Vorfahren im Kopf. Erzählungen, die sie wie so viele andere an Dvir Bar-Gal weitergibt, damit das Shanghai-Kapitel jüdischer Geschichte lebendig bleibt.

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