Das erste, was an ihm auffällt, ist sein Blick. Jürgen Fliege, den einstigen TV-Pfarrer, kennen die meisten nur aus dem Fernsehen. Er hat einem Treffen zugestimmt, sogar in sein Haus eingeladen. „Ich hole Sie ab, wie sich’s gehört“, hat er gemailt. Jetzt steht er in Tutzing bei München auf dem Bahnsteig. Er schaut abwartend, skeptisch. Lauernd? So hat er doch früher seine Talkshow-Gäste nicht angesehen. Ende August erst war ein Kollege bei ihm. Das hat Fliege einen hämischen Artikel und ein Disziplinarverfahren der Evangelischen Kirche im Rheinland eingebrockt. Kein Vierteljahr später lässt er schon wieder einen Journalisten rein. Warum eigentlich? Er sitzt in seinem Arbeitszimmer in einem abgewetzten braunen Ledersessel. Fliege hat sich zurückgelehnt. „Ich weiß auch nicht.“ Müde spricht er von der „verlorenen Ehre der Katharina Blum“ und der Hoffnung, seine Kirche zu erneuern. Mitten im Satz unterbricht er sich. Als fürchtete er. larmoyant zu wirken.
Jürgen Fliege, geb. 1947, studierte evangelische Theologie zusammen mit dem heutigen EKD-Ratsvorsitzenden, Nikolaus Schneider. Beide verband die Forderung, die Kirche müsse politisch sein und links. 15 Jahre war Fliege als Pfarrer in mehreren Gemeinden tätig.
Nach der Gründung des Privatfernsehens ging er 1989 im Auftrag der Kirche zunächst zu Sat.1. Von 1994 bis 2005 lief seine Talkshow „Fliege“ in der ARD. 1996 erhielt er für das Format einen Bambi.
Fliege hat einen Verlag, gibt eine Zeitschrift heraus und unterhält eine wohltätige Stiftung. 2010 ging er als Pfarrer in den Ruhestand, übt sein Amt aber weiter aus. Zurzeit läuft ein Disziplinarverfahren gegen ihn.
In der Kritik stehen seine Verbindungen in die Esoterik-Szene und zu Scientology sowie schnoddrige Zitate über Gott und die Kirche.
Sein Umgang mit der Esoterik-Szene hat den 64-Jährigen ins Gerede gebracht. Er ließ mit der „Fliege-Essenz“ handeln, einem von ihm gesegneten Obst-Gemüse-Konzentrat. „Fliegenschiss“, hat Hellmuth Karasek in einer Talkshow gehöhnt, das Studiopublikum hat gejohlt. Es liegt so nahe, Fliege als gaga hinzustellen, indem man einfach aufschreibt, was er so sagt und tut. Damit muss er rechnen. Nichts ist leichter als das. Zu leicht vielleicht.
Grauzone zwischen Mystik und Mist
Warum macht sich da einer dauernd zum Gespött und wehrt sich nicht? Früher als „Menschenflüsterer“, wie er sich selbst genannt hat, heute in der Grauzone zwischen Mystik und Mist. „Ich war oft schneller als das dicke Kirchenschiff. Lotsenboote sind wendiger. Eine Kirche, die glaubt, nicht unterzugehen, ist vielleicht längst auf Grund gelaufen? Wir müssen anders beten mit den Leuten, anders lieben, trösten und predigen!“
Als die Pfarrer anfingen, auf der Kanzel von ihren eigenen Ängsten zu erzählen, fand Fliege das abgeschmackt. In Workshops führte er ihnen vor, was sie da tun. Er baute sich vor ihnen auf, öffnete die Gürtelschnalle. Noch während er diese Geschichte erzählt, stellt er sich hin. Er wird doch jetzt nicht… Die ausgebeulte Jeans rutscht. Jürgen Fliege in Unterhosen.
Das ist es. Was dieser Mann auch tut – immer lässt er die Hosen runter, macht sich angreifbar. Wie ein alttestamentlicher Prophet, sagt er. Er denkt, dass er so besonders gut verstanden wird. Besser als die Langeweiler, die sonntags in der Kirche ihr „Pfarrer-Mikado“ spielen: Wer als erster einen Menschen rührt, hat verloren. Dass er sich selbst entblößt mit seiner Brachial-Berührung, nimmt Fliege in Kauf. „In kindlichem Gottvertrauen.“ Es geht nicht anders, glaubt er. „Religion lebt von Schutzlosigkeit. Sicher, ich übertreibe, provoziere, aber ich sage auch: Da ist etwas, was ihr nicht seht! Schaut bitte hin! Kann sein, dass es wehtut. Mir ja auch!“
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