kalaydo.de Anzeigen

Jürgen Fliege: Zu Gast beim TV-Pfarrer

Er ärgert sich über „Verleumdungen“, steht auf und fährt mit den Fingerkuppen an der meterlangen Reihe seiner Bücher entlang. Die seien allesamt kein bisschen esoterisch, sondern im besten Sinne volkskirchlich. Trotzdem scheint es, als wollte er nicht mit aller Kraft heraus aus der Schublade, in der er steckt. Sonst könnte er einfach laut wiederholen, was er am Kamin über Scientology sagt: dass der Selbsterlösungswahn der Ron-Hubbard-Jünger nichts anderes ist als die Heiligsprechung der männlichen Potenz. „Sie wollen immer messen, kontrollieren, siegen. Die vergötzen den Erfolg.“  Nach außen hingegen wirbt Fliege für Toleranz: Die Scientologen seien auch eine Religionsgemeinschaft – weil es ihnen wie allen Religionen um Sinn und Lebensdeutung gehe.

Sein „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ zieht sich durch Flieges ganze Laufbahn. Als Halbwüchsiger sitzt er in Gebetsversammlungen seiner pietistischen Gemeinde im Bergischen Land. Die Männer um ihn herum beichten Gott ihre Sünden. Ganz persönlich. So scheint es. Aber dann fällt dem Jungen auf, dass sie immer das Gleiche sagen. Jede Woche. „Da bin ich in diesen Verein gegangen, um ihn zu reformieren.“ Als Theologiestudent in den wilden 70ern agitiert Fliege für einen christlichen Sozialismus. „Schauen Sie mal!“ Er steht auf, geht zu seinem wandbreiten Bücherregal und zieht rechts unten einen kiloschweren Wälzer aus schwarzer Pappe heraus. Die gesammelten „Fluchblätter“, seine Studentenpostille. Den Titel haben sie sich aus den Lettern des Frankfurter-Rundschau-Schriftzugs zusammengebastelt. In den Texten attackieren sie die Amtskirche, verkünden den Bankrott der Firma „Jesus und Söhne“.  Nach dem Studium darf Fliege ein Jahr lang nicht Pfarrer werden. Mit einer Sechs im Predigen schicken sie ihn nach Hause. Das gab es weder vorher noch nachher – eine politische Zensur, die Gelegenheit für ein „Berufsverbot“. 

"Jeder Pfarrer ist ein Muttersöhnchen"

„Jürgen ist vorlaut“, stand regelmäßig in seinen Schulzeugnissen. Seine Personalakte, sagt Flieges Anwältin, ist wohl die dickste in der ganzen rheinischen Kirche. Aufbegehren als Daseinsberechtigung. In der Selbstanalyse taucht Fliege ab in seine Kindheit: Vor dem Elternhaus liegt ein Hundehaufen. Jürgen soll ihn wegschaffen. Er zögert. Sein Vater zwingt ihn. Er muss die bloßen Hände benutzen. Die Lektion wird er nicht vergessen: Manchmal wird er in die Scheiße greifen müssen, um irgendeinem Vater – im Himmel oder auf Erden – zu gehorchen. Auf ihn hören, das freilich will seine Kirche nicht. Inzwischen überlegt er ernsthaft, zu gehen. Aber eigentlich – eigentlich will er nicht. „Sie kennen doch Ihren Drewermann“, sagt er. „Jeder Pfarrer ist ein Muttersöhnchen, das immer wieder angelaufen kommt und sagt: Mama, bitte, hab mich lieb! Wer seiner Mutter dauernd gegen das Schienbein tritt, will nur auf den Arm!“

Schön und gut, brummt sein früherer Chef, Alt-Präses Manfred Kock. „Unbestreitbar hat Jürgen Fliege hohe Gaben.“ Allen Schmeißt-ihn-endlich-raus-Parolen hielt Kock stets entgegen: „Wir helfen unserer Kirche nicht, wenn wir die Unbequemen in die Wüste schicken.“ Fliege, den Unbequemen, müsse die Kirche ertragen. Schier unerträglich sei nur Flieges Verfolgungssyndrom. „Dabei kenne ich keinen anderen Pastor, bei dem die evangelische Kirche so viel Geduld hatte.“  Umso mehr nervt Fliege die Brüder im Hirtenamt. Als Pastor hat er selbst dafür sogleich die passende Bibelstelle parat: Der junge Josef im Alten Testament ist der Liebling seines Vaters Jakob. Er trägt kostbare Gewänder. Er ist voller Träume und Visionen. Ein Star unter grauen Hirtenbrüdern. Die ertragen das nicht, werfen ihn in eine Zisterne. Aber der Mordplan misslingt. Josef wird gerettet, von einer vorbeiziehenden Karawane – aus einer fremden Kultur.

In diesen Tagen ist Fliege auf Tournee. „Sehnsucht nach Stille“, heißt das Programm. Tatsächlich ist Fliege am stärksten, wenn er in die Stille geht.  Aber am Ende geht er doch wieder auf die Bühne. Anderthalb Stunden lang. Reden über Stille.

 

 

« Vorherige Seite
5 von 5
Autor:  Joachim Frank
Datum:  22 | 11 | 2011
Seiten:  1 2 3 4 5
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Leute
        

Der Ultravox-Sänger Midge Ure wurde von der Queen zum Ritter geschlagen, was seine Mutter wirklich stolz macht.
Ultravox-Sänger Midge Ure 
Bushido ganz zahm und ordentlich im Anzug: Der
Bushido-Hochzeit 
Prinzessin Victoria und Prinz Daniel bei der Taufe ihrer Tochter Estelle.
Victoria von Schweden 
ESC 2012

Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft


Anzeige

Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Ein Jahr Fukushima
Test auf Strahlenspuren.

Ein Jahr nach dem 11. März 2011 zeigen wir, wie das Unglück Japan und die Welt verändert hat.

Anzeige

Video

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Academy Awards - "And the winner is..."
Zwischen 300 und 500 Euro ist eine Oscar-Statue wert, je nach Goldpreis. Der ideelle Wert ist für Schauspieler und Filmemacher unbezahlbar.

Alle Gewinner der 84. Academy Awards of Merit, die desaströsesten Outfits auf dem roten Teppich und mehr im Oscar-Spezial.

Kolumne
Tempo 30

Am Aschermittwoch 2009 wurde Sebastian Gehrmann 30. Alles war vorbei. Jetzt kann er darüber schreiben.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Die Skyline von Baku.
Leitartikel zum ESC 2012 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
Loreen triumphiert für Schweden beim ESC 2012 in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.