Er ärgert sich über „Verleumdungen“, steht auf und fährt mit den Fingerkuppen an der meterlangen Reihe seiner Bücher entlang. Die seien allesamt kein bisschen esoterisch, sondern im besten Sinne volkskirchlich. Trotzdem scheint es, als wollte er nicht mit aller Kraft heraus aus der Schublade, in der er steckt. Sonst könnte er einfach laut wiederholen, was er am Kamin über Scientology sagt: dass der Selbsterlösungswahn der Ron-Hubbard-Jünger nichts anderes ist als die Heiligsprechung der männlichen Potenz. „Sie wollen immer messen, kontrollieren, siegen. Die vergötzen den Erfolg.“ Nach außen hingegen wirbt Fliege für Toleranz: Die Scientologen seien auch eine Religionsgemeinschaft – weil es ihnen wie allen Religionen um Sinn und Lebensdeutung gehe.
Sein „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ zieht sich durch Flieges ganze Laufbahn. Als Halbwüchsiger sitzt er in Gebetsversammlungen seiner pietistischen Gemeinde im Bergischen Land. Die Männer um ihn herum beichten Gott ihre Sünden. Ganz persönlich. So scheint es. Aber dann fällt dem Jungen auf, dass sie immer das Gleiche sagen. Jede Woche. „Da bin ich in diesen Verein gegangen, um ihn zu reformieren.“ Als Theologiestudent in den wilden 70ern agitiert Fliege für einen christlichen Sozialismus. „Schauen Sie mal!“ Er steht auf, geht zu seinem wandbreiten Bücherregal und zieht rechts unten einen kiloschweren Wälzer aus schwarzer Pappe heraus. Die gesammelten „Fluchblätter“, seine Studentenpostille. Den Titel haben sie sich aus den Lettern des Frankfurter-Rundschau-Schriftzugs zusammengebastelt. In den Texten attackieren sie die Amtskirche, verkünden den Bankrott der Firma „Jesus und Söhne“. Nach dem Studium darf Fliege ein Jahr lang nicht Pfarrer werden. Mit einer Sechs im Predigen schicken sie ihn nach Hause. Das gab es weder vorher noch nachher – eine politische Zensur, die Gelegenheit für ein „Berufsverbot“.
"Jeder Pfarrer ist ein Muttersöhnchen"
„Jürgen ist vorlaut“, stand regelmäßig in seinen Schulzeugnissen. Seine Personalakte, sagt Flieges Anwältin, ist wohl die dickste in der ganzen rheinischen Kirche. Aufbegehren als Daseinsberechtigung. In der Selbstanalyse taucht Fliege ab in seine Kindheit: Vor dem Elternhaus liegt ein Hundehaufen. Jürgen soll ihn wegschaffen. Er zögert. Sein Vater zwingt ihn. Er muss die bloßen Hände benutzen. Die Lektion wird er nicht vergessen: Manchmal wird er in die Scheiße greifen müssen, um irgendeinem Vater – im Himmel oder auf Erden – zu gehorchen. Auf ihn hören, das freilich will seine Kirche nicht. Inzwischen überlegt er ernsthaft, zu gehen. Aber eigentlich – eigentlich will er nicht. „Sie kennen doch Ihren Drewermann“, sagt er. „Jeder Pfarrer ist ein Muttersöhnchen, das immer wieder angelaufen kommt und sagt: Mama, bitte, hab mich lieb! Wer seiner Mutter dauernd gegen das Schienbein tritt, will nur auf den Arm!“
Schön und gut, brummt sein früherer Chef, Alt-Präses Manfred Kock. „Unbestreitbar hat Jürgen Fliege hohe Gaben.“ Allen Schmeißt-ihn-endlich-raus-Parolen hielt Kock stets entgegen: „Wir helfen unserer Kirche nicht, wenn wir die Unbequemen in die Wüste schicken.“ Fliege, den Unbequemen, müsse die Kirche ertragen. Schier unerträglich sei nur Flieges Verfolgungssyndrom. „Dabei kenne ich keinen anderen Pastor, bei dem die evangelische Kirche so viel Geduld hatte.“ Umso mehr nervt Fliege die Brüder im Hirtenamt. Als Pastor hat er selbst dafür sogleich die passende Bibelstelle parat: Der junge Josef im Alten Testament ist der Liebling seines Vaters Jakob. Er trägt kostbare Gewänder. Er ist voller Träume und Visionen. Ein Star unter grauen Hirtenbrüdern. Die ertragen das nicht, werfen ihn in eine Zisterne. Aber der Mordplan misslingt. Josef wird gerettet, von einer vorbeiziehenden Karawane – aus einer fremden Kultur.
In diesen Tagen ist Fliege auf Tournee. „Sehnsucht nach Stille“, heißt das Programm. Tatsächlich ist Fliege am stärksten, wenn er in die Stille geht. Aber am Ende geht er doch wieder auf die Bühne. Anderthalb Stunden lang. Reden über Stille.
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