kalaydo.de Anzeigen

Julia Fischer im Interview: "Ich hütete meine Geige wie ein Baby"

Die Star-Solistin und Jung-Professorin Julia Fischer über Glücksgefühle und ihre extreme Selbstkritik als Kind, schulischen Kommunismus und klassische Musik als Gehirntraining. ( Mit Video)

Julia Fischer startetet ihre internationale Karriere bereits in Jugendjahren. 2008 debütierte die Violonistin auch als Konzertpianistin und brachte u.a. den FR-Kritiker zu hymnischem Schwärmen.
Julia Fischer startetet ihre internationale Karriere bereits in Jugendjahren. 2008 debütierte die Violonistin auch als Konzertpianistin und brachte u.a. den FR-Kritiker zu hymnischem Schwärmen.
Foto: DECCA/ Julia Wesely

Frau Fischer, sind Sie manchmal unzufrieden mit Ihrem Geigen-Spiel?

Selbstverständlich.

Weil auch Sie mal scheitern?

Das klingt zu negativ. Ich bin selbstkritisch, so würde ich es ausdrücken. Ich analysiere nach jedem Konzert: Woran muss ich noch arbeiten, was hat mir gefallen, was weniger?

Sie sind also auch mit sich als Kritikerin Ihrer selbst zufrieden?

Wie meinen Sie das?

Manche zweifeln unangemessen viel und stark. Der Pianist Swjatoslaw Richter war so ein selbstquälerischer Virtuose.

Das bin ich gar nicht, weswegen mir dieser Teil meiner Arbeit, also die Selbstkritik, die ja nötig ist, auch sehr viel Spaß macht.

Kann man das lernen: sich angemessen und fair zu beurteilen?

Ich habe in der Kindheit Folgendes für mich erkannt: Wenn ich einen Lehrer zu streng finde, mache ich etwas falsch. Weil es zwangsläufig bedeutet, dass dieser Lehrer höhere Ansprüche hat als ich. Die höchsten Ansprüche an mich muss ich selbst haben.

Sie haben mit drei Jahren angefangen, Geige zu spielen. Wer hat Ihnen zu dieser frühreifen Erkenntnis verholfen?

Die kam erst ein paar Jahre später. Aber in dieser Hinsicht hat mich am meisten meine zweite Lehrerin Lydia Debrowskaja unterstützt. Und meine Mutter. Lydia Debrowskaja hat mich in jeder Unterrichtsstunde ein Stück durchspielen lassen und mich danach zur Selbstbewertung aufgefordert: "So, und jetzt sagst du mir, wie du gespielt hast."

Wie alt waren Sie da?

Sieben. Gut, da kamen jetzt nicht immer die Superantworten, aber auf diese Weise lernte ich, schon beim Spielen meine Stärken und Schwächen herauszuhören. Und dann haben wir an den entsprechenden Stellen gearbeitet, nach fünf Punkten wie Tempo, Dynamik, Modulation. Danach musste ich beurteilen, wie viele dieser fünf Punkte ich erfüllt hatte.

Aber selbst benoten mussten Sie sich nicht, oder?

Doch. Am Ende musste ich mir meine Note selbst geben.

Verleitete Sie das nicht zu überzogener Strenge mit sich selbst?

Absolut. Meine nächste Lehrerin wirkte dem auch entgegen. Sie hatte schnell gemerkt, dass ich extrem selbstkritisch war und mich für mein Spiel besonders dann gelobt, wenn ich es gar nicht gut gefunden habe. Anfangs war es ungewohnt für mich, dass meine Lehrerin sagte: "Doch, doch, das war wunderbar." Sie konnte sehr aufbauend sein.

Viele kunstbeflissene Eltern wünschen sich etwas, das Ihren Eltern gelungen ist: die Liebe zur Musik zu wecken.

Das war das Verdienst meiner Mutter. Sie ist einfach eine phänomenale Pädagogin. Und zum Glück meine Mutter.

Sie ist Pianistin.

Ja, und von dem Moment an, da ich bei ihr Unterricht hatte, war sie nicht mehr meine Mutter, sondern meine Lehrerin. Das war immer ganz klar getrennt, was für mich nicht schwer war, weil ich meine Mutter zu Hause immer andere unterrichten gesehen habe. Deshalb habe ich sie als Pädagogin sehr schnell respektiert.

Eltern neigen aber dazu, mit den eigenen Kindern strenger zu sein als mit anderen.

Natürlich hat meine Mutter viel Wert darauf gelegt, dass mein vier Jahre älterer Bruder Viktor und ich jeden Tag intensiv übten, dass wir genau waren. Aber sie hat auch viel gestattet. Zum Beispiel haben wir als Kinder Variationen über Stücke wie die Deutsche Nationalhymne geschrieben. Das war eher wie ein Spiel, und das hat unsere Mutter auch unterstützt. Es ist wichtig, einem Kind Freiheiten zu lassen, auch wenn sie vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet nicht immer förderlich sind.

Warum nicht?

Weil dabei nicht gerade geniale Interpretationen herauskommen.

Ohne Freiheit kann man zum Knecht der Komponisten werden. Swjatoslaw Richter hat sich so empfunden.

Da ist was dran. Als ich zehn Jahre alt war, machten mein Bruder und ich einen Kammermusikkurs in der Schweiz, bei Adrian Cox. Dem waren wir viel zu genau, viel zu intellektuell. Der hat uns dann eine Stunde lang improvisieren lassen - Beethovens Frühlingssonate. Das hat uns große Freude gemacht. Darum geht es: Einem Kind nicht zu vermitteln, stur Regeln zu erfüllen. Es gibt darüber hinaus unbegrenzte Möglichkeiten.

Aber auch nur, wenn man das Handwerk beherrscht.

Selbstverständlich.

Die technischen Anforderungen machen das klassische Musizieren zu einer messbaren Kunst. Kann darin ein Grund liegen, weswegen Klassik als freudlose Anstrengung verrufen ist?

Das Hauptproblem liegt längst woanders: Man analysiert seit geraumer Zeit, wie sich die klassische Musikausbildung auf das Gehirn eines Kleinkindes auswirkt. Beispielsweise vergleicht man, ob die Mathenoten von Kindern, die klassisch ausgebildet werden, besser sind als die von anderen Kindern. Diese Messungen, neurologische und entwicklungspsychologische, die regen mich wirklich auf. Wenn ich für das Projekt "Rhapsody in School", einem Musikförderprojekt, für das ich mich engagiere, vor einer Schulklasse stehe und frage: "Warum macht ihr Musik", dann antwortet mindestens ein Kind: "Ich spiele Klavier, damit meine Konzentration besser wird."

Man kann eben nicht früh genug anfangen, sich Vorteile im Leistungswettbewerb zu verschaffen.

Das impfen die Eltern den Kinder ein und wundern sich dann, wenn die keine Freude an der Musik haben. Man geht doch nicht in den Klavierunterricht, um sein Hirn zu trainieren. Dafür können Kinder genauso gut täglich zwei Stunden Matheaufgaben lösen. Ein Mensch, der kreativ und kunstvoll erzogen wird, mit Freude an Musik, Malerei, an Literatur, wird nicht unbedingt ein besserer Arzt oder Manager sein als ein anderer, aber sein Innenleben wird reicher sein.

1 von 3
Nächste Seite »
Datum:  7 | 1 | 2009
Seiten:  1 2 3
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft


Fotostrecke
Menschen 2011 (43 Bilder)

Anzeige

Video

Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Kolumne
Tempo 30

Am Aschermittwoch 2009 wurde Sebastian Gehrmann 30. Alles war vorbei. Jetzt kann er darüber schreiben.

Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.

Spezial
Test auf Strahlenspuren.

Live-Ticker, Bilder, Videos und Grafiken, Hintergründe, Spendenadressen und vieles mehr im Spezial zur Katastrophe in Japan.

Anzeige

Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.

Meistgeklickt
Die Szene, die zum umstrittenen Strafstoß führte.
Eintracht gegen Düsseldorf 
Auch Bettina Wulff wirkt müder als sonst - hier besichtigt sie Leonardo da Vincis
Bundespräsident Wulff in Italien 
Sascha Rösler, Agent Provocateur
Sascha Rösler