Seit vier Monaten sitzt der Wettermoderator der ARD, Jörg Kachelmann, wegen des dringenden Tatverdachts der schweren Vergewaltigung in Untersuchungshaft. Das Oberlandesgericht Karlsruhe entscheidet nach eigenen Angaben am Donnerstagnachmittag, ob es dabei bleibt oder ob Kachelmann wieder freikommt. Der eigentliche Prozess soll am 6. September beginnen.
Ab Montag, 22. März 2010, galt Jörg Kachelmann aber schon als Täter. An diesem Tag teilte die Staatsanwaltschaft Mannheim mit, dass sie Haftbefehl gegen „einen 51-jährigen Journalisten und Moderator“ erwirkt hatte. Wer sich dahinter verbarg, wurde schnell bekannt. Die Geschichte vom Doppelleben des Wetterexperten wurde zum medialen Lauffeuer: Mindestens sechs Freundinnen gleichzeitig, keine wusste von der anderen. Nur eine kam dahinter. Der folgende Streit soll der Auslöser für die Tat gewesen sein. Ein Messer sei bei der Vergewaltigung im Spiel gewesen, wollte Focus berichten, aber die Verteidigung verhinderte das mit mehreren Eilanträgen.
Es war eine Geschichte, wie sie sich viele wünschen: Sex and Crime and Rock and Roll.
Ab Juni 2010 galt Kachelmann dann als Opfer. Zuerst erschien der Spiegel mit wörtlichen Auszügen aus dem psychologischen Gutachten. Demnach seien die Aussagen des angeblichen Vergewaltigungsopfers zum Tatgeschehen nicht glaubhaft. Drei Wochen später legte die Zeit nach. Auch die blauen Flecken an den Schenkeln der Frau rührten laut dem von der Verteidigung in Auftrag gegebenen Privatgutachten eines renommierten Spezialisten von Selbstverletzungen. Die Ex-Freundin müsse sich selbst mit Fäusten blau geschlagen haben.
Dass Kachelmann überhaupt noch in Haft sitzt, führte die Zeit auf den Strafverteidiger Reinhard Birkenstock zurück, der mit dem Fall wohl überfordert sei. Wie schon der Spiegel, vermutete auch die Zeit einen Racheakt der betrogenen Freundin. Von da an fiel in den ersten Zeitungen das Wort Justizskandal – manchmal mit Fragezeichen, manchmal auch ohne.
Seither überschlagen sich die Blogger, üben Schmähkritik an der Staatsanwaltschaft Mannheim, der Justiz und den Frauen im Allgemeinen. Kaum zeige eine Frau einen Schlüpfer mit Sperma und ein paar Tränen, glaube ihr der Richter, schreibt einer. Und die Unterhaltszahlungen, zu denen geschiedene Männer zugunsten ihrer Ex-Frauen verurteilt werden, seien auch ein Unrecht, so ein anderer.
Sadomaso-Sex mögliche Ursache für blaue Flecken
Seit dem 1. Juli 2010 halten sich die alten Medien hingegen zurück. An diesem Tag lehnte es das Landgericht Mannheim ab, Kachelmann freizulassen. Erstmals bestätigte eine ganze Strafkammer den dringenden Tatverdacht gegen Kachelmann. Mehr noch: Die Glaubhaftigkeit werde auch durch die „in ihrer Gesamtheit zu betrachtenden Ausführungen in dem aussagepsychologischen Gutachten gestützt“.
Die bis dahin in Spiegel und Zeit veröffentlichten Auszüge gaben wohl nur einen Teilaspekt – und eben nicht die Gesamtheit wieder und stellten somit das Gutachten möglicherweise verzerrt dar. Auch die körperlichen Spuren am möglichen Tatopfer sind für die Strafkammer eher ein Indiz für die Vergewaltigung.
Seit vergangener Woche ist die Lage in der Causa Kachelmann restlos unübersichtlich. Aus dem E-Mail-Verkehr zwischen Kachelmann und seiner Ex-Freundin soll sich nämlich ablesen lassen, dass es Sadomaso-Sex gab. Die blauen Flecke könnten also noch ganz andere Ursachen haben, so die lancierte Spekulation. Sie wären dann nicht Spuren der Gewaltanwendung und auch keine Selbstverletzung, sondern das Produkt robuster, aber einvernehmlicher Sexpraktiken. Nur für die Blogger ist die Sache klar, ohne dass es noch einer Beweisaufnahme bedarf. Staatsanwälte, Richter, alle haben sich verrannt. Einer bietet sich gleich als Fluchthelfer für Kachelmann an.
Noch nie wurden in einem Promi-Prozess so viele Einzelheiten aus den Akten weitergespielt wie im Fall Kachelmann. Kein Prozess wurde im Vorfeld so über die Medien geführt. Wer was warum weitergab, wird sich wohl nie nachweisen lassen. Aber Bücher über sogenannte Litigation-PR, die strategische Kommunikation bei Rechtsstreitigkeiten, geben Hinweise. Ziel ist es etwa laut dem Autor Stephan Holzinger, „den Ausgang des Gerichtsverfahrens zu beeinflussen“. Als effektives Instrument nennt der Experte „vertrauliche Hintergrundgespräche mit prozesserfahrenen Journalisten aus den Leitmedien“.
Noch nie stand die Presse so dicht davor, sich so gründlich zu blamieren. Vor 15 Jahren starb der große Journalist Hanns Joachim Friedrichs. „Cool bleiben, nicht kalt,“ schrieb er in einem seiner letzten Interviews Journalisten ins Stammbuch. Im Fall Kachelmann haben zu viele das offenbar vergessen.
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