Ein Dutzend Männer und Frauen schart sich um den gusseisernen Gittereimer, in dem ein Haufen Briketts glimmt. Dichte Rauchschwaden steigen empor. Doch die Wärme, die von der provisorischen Feuerstelle hinter die Absperrung dringt, kann es mit dem Frost nicht aufnehmen. 17,5 Grad unter null zeigt das Thermometer am Warschauer Platz der Verfassung an.
Die sibirischen Hochdruckgebiete Cooper und Dieter drücken seit Tagen eisige Luftmassen nach Polen. 29 Menschen sind seit dem Wochenende landesweit erfroren. Meist trifft es Männer wie Janusz, der seine speckigen Handschuhe der Kohleglut eines Koksowniks entgegenstreckt. Die abgenutzte Fellmütze und der graue Vollbart rahmen ein farbloses Gesicht ein, von dem fast nur die kraftlosen Augen zu sehen sind.
Janusz ist obdachlos. „Ich lebe hier und dort“, sagt er mürrisch. Er mag 60 Jahre alt sein, vielleicht auch erst 50. Verraten will er es nicht. Dass er seinen Namen genannt hat, bereut er bereits. Er möchte nicht reden. Mit einem Gefährten steht er an einem Kohleofen auf dem Verfassungsplatz, mitten zwischen den Berufstätigen, die hier ungeduldig auf ihren Bus oder die Tram warten.
Koksowniki nennen die Polen jene eisernen Brikettkörbe, die während des Kriegsrechts im Winter 1981/82 zu ziemlich zweifelhafter Berühmtheit gelangten. Damals wärmten sich an der Glut die Soldaten, die das Land und das Leben kontrollierten. 30 Jahre später hat die Stadtverwaltung in Warschau 43 Koksowniki aufgestellt, damit sich Passanten und Obdachlose zumindest ein wenig an zentralen Plätzen vor den Folgen von Cooper und Dieter schützen können.
Aufmerksamkeit für die Obdachlosen
Janusz friert trotzdem. Das ist ein gutes Zeichen, denn es ist ein Lebenszeichen. Seit Tagen rufen die Behörden die Polen auf, „ein besonderes Augenmerk auf obdachlose Mitbürger zu richten“. Der Tod durch Erfrieren kommt schnell, und er kommt meist im Schlaf. „Obdachlose trinken gegen die Kälte oft Alkohol, schlafen im Freien ein und wachen nie wieder auf“, erklärt eine Beamtin der Warschauer Stadtwache, die am Verfassungsplatz nach dem Rechten sieht. Sie redet auf Janusz und seinen Begleiter ein, mitzukommen. Man könne sie im warmen Auto zu einer Sozialstation fahren. Dort gebe es Brot, eine heiße Brühe und einen ruhigen Platz zum Schlafen. Doch Janusz will nicht. Er tritt den Rückzug an. Sein Gefährte murrt noch ein wenig, doch dann verschwinden die beiden Männer in Richtung U-Bahn.
Man kann den Frost über dem Boden stehen sehen. Die unteren Luftschichten verdichten sich. Aus den Gullys der Abwasserschächte steigt Dampf. Der holzige Geruch der Braunkohleheizungen mischt sich mit dem Gestank der Autoabgase. „Die meisten Obdachlosen verkriechen sich in diesen Tagen in Unterführungen, Bahnhofshallen oder Gartenlauben“, sagt die Beamtin der Stadtwache schulterzuckend. „Wir können nicht mehr tun als Hilfe anbieten.“ Wer dieses Angebot annimmt, findet Zuflucht in einem Tunnel der Fernwärmeversorgung. Doch die Plätze dort sind bekannt und im Winter hart umkämpft.
Rund 300.000 Obdachlose gibt es in Polen, schätzt die nichtstaatliche Wohlfahrtsorganisation Monar. Daran habe sich trotz des Wirtschaftswunders der letzten Jahre nicht allzu viel geändert. Wer auf der Straße lebt, dem hilft auch kein Wirtschaftsaufschwung, sagen die Experten. Das polnische Sozialministerium gibt die Zahl der Betroffenen mit 30.000 deutlich niedriger an. Eine belastbare Statistik gibt es allerdings nicht.
Kälte fordert etliche Todesopfer
Unstrittig ist, dass die Älteren und Schwächeren, die ein langes Leben auf der Straße hinter sich haben, bei lang andauerndem Frost als Erste auf der Strecke bleiben. Alljährlich erfrieren in Polen 200 bis 300 Menschen, fast ausnahmslos Obdachlose, Alkoholiker und Drogenabhängige. In diesem Winter hat das Warschauer Innenministerium seit November letzten Jahres 67 Frosttote gezählt. Bis Cooper und Dieter kamen, war es sogar vergleichsweise warm im Land.
Doch jetzt wütet die Kälte, und dies nicht nur in Polen. In Russland sind in den vergangenen Tagen mindestens zwei Dutzend Menschen an Unterkühlung gestorben, in Rumänien 22 und in der Ukraine sogar 63. Dort sind nicht nur die Temperaturen mit bis zu 32 Grad unter dem Gefrierpunkt noch eisiger als in Polen, wo bislang nur 27 Grad unter null gemessen wurden. In dem größten europäischen Flächenstaat ist zudem die Infrastruktur so marode, dass vielerorts Heizungen oder der Strom ausfallen.
Die Regierung in Kiew hat mehr als 1500 Notstationen eingerichtet, in denen sich Obdachlose aufwärmen können. Doch längst nicht alle Betroffenen kommen. Davon weiß in Polen Pater Marcin Brzeziński ein trauriges Lied zu singen.
Der Vizedirektor des katholischen Hilfswerks Caritas berichtet zwar stolz, dass seine Organisation landesweit rund 10000 Schlafplätze für Obdachlose anbietet. „Allein in Warschau sind es 1568“, rechnet er vor. Wer jedoch an ein Leben im Freien gewöhnt ist, dem ist es in den Asylstationen oft zu eng. „Unsere Heime sind nicht aus Schaumstoff. Ein Stück Fußboden, eine Matratze und eine Wolldecke müssen manchmal als Nachtlager ausreichen“, sagt der Pater. Es ist genug, um zu überleben.
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