Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

04. Februar 2011

Kampf der Köche: Es gibt keinen Toast auf Hawaii

 Von Petra Foede
Erfolgsrezept: Der Toast Hawaii ist seit über 50 Jahren beliebt.

Skandal um ein Käsebrot mit Ananas: Jahrzehntelang galt Fernsehkoch Clemens Wilmenrod als Erfinder des Toast Hawaii. Zu Unrecht! Ein historisch-kritischer Forschungsbericht.

Drucken per Mail

Für die einen ist er Kult, für die anderen eine kulinarische Entgleisung – Toast Hawaii ist ein Imbiss, der polarisiert. Er symbolisiert wie kein anderes Gericht den Wandel der deutschen Küche in den 50er Jahren, die Abkehr von bewährten Magenfüllern wie Eintopf oder Klößen und die Neugier auf Exotisches.

Toast Hawaii gilt als Erfindung von Clemens Wilmenrod, Deutschlands erstem Fernsehkoch. Seine Sendung flimmerte ab Februar 1953 live über die Bildschirme und wurde bis 1963 ausgestrahlt. Seine Kochbücher waren Bestseller.

Doch obwohl heute kein Retro-Kochbuch auf das angebliche Originalrezept des Fernsehkochs für Toast Hawaii verzichtet, sucht man in Wilmenrods eigenen Kochbüchern danach vergeblich: Es gibt Gerichte mit Ananas, es gibt Toast – aber keinen Toast Hawaii. Die Sendung, in der Wilmenrod den Toast Hawaii zubereitete, wurde 1955 ausgestrahlt. Der genaue Sendetermin ist nicht bekannt, da die Sendungen nicht archiviert wurden. Eigentlich müsste das Rezept in dem Kochbuch „Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch“ aus dem Jahr 1956 zu finden sein. Warum fehlt ausgerechnet seine bekannteste Komposition?

Weil der Toast Hawaii möglicherweise gar nicht Wilmenrods Rezeptidee ist. Denn manches deutet daraufhin, dass der wahre Urheber ausgerechnet Wilmenrod-Intimfeind Fernsehkoch Hans Karl Adam ist.

Adam war gelernter Koch, arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg bei der Mitropa und auf den Schiffen der Hamburger Lloyd, danach in einer Kantine – und brachte Wilmenrod das Kochen bei. Behauptet 1959 zumindest der Spiegel, in einem großem Wilmenrod-Porträt.

Tatsächlich war Wilmenrod eigentlich Schauspieler und alles andere als ein Küchenprofi; in seiner Anfangszeit konnte er weder vernünftig Zwiebeln schneiden noch ein Huhn tranchieren. Aber er war ein Frauentyp, und die Hausfrauen schrieben eifrig mit, was Wilmenrod in der Fernsehküche so anrichtete. Wobei er tatkräftig von Gattin Erika unterstützt wurde, die hinter den Kulissen zeitgleich mitkochte. Wenn die Kamera auf Wilmenrods Gesicht zoomte, wurden unauffällig Töpfe und Teller ausgetauscht.

Nachhilfe für den Fernsehkoch

1955, da lief Wilmenrods Sendung bereits zwei Jahre, will der Fernsehkoch das Kochen anscheinend doch noch richtig lernen und macht einen Kurs bei Hans Karl Adam. Der bringt ihm erstmal das richtige Zwiebelschneiden bei und verkauft Wilmenrod für dessen Kochbuch ein Dutzend Rezepte. Für 1500 Mark. Irgendwann in dieser Zeit bereitet Wilmenrod erstmals vor laufender Kamera den Toast Hawaii zu, sein zweites Kochbuch ist in Arbeit. In dem will er auch die zwölf Rezepte von Adam veröffentlichen, natürlich ohne den wahren Autor zu nennen. Das Manuskript ist fast fertig, da verlangt Adam plötzlich das Doppelte. Wilmenrod sieht rot, kündigt dem „Abzocker“ die Freundschaft und schmeißt die Rezepte aus dem Buch.

Um welche Rezepte es ging, wussten nur Wilmenrod und Adam. Doch es scheint so, als sei der Toast Hawaii darunter gewesen. Denn wenig später taucht er unter anderem Namen in einem von Adams Kochbüchern auf.

Der ehemalige Schiffskoch heuerte nach seinem Zerwürfnis mit Wilmenrod beim Bayerischen Rundfunk an. „Der Fernsehkoch“ hieß seine Sendung, die bundesweit zu sehen war und noch lief, als Wilmenrod die Schürze längst an den Nagel gehängt hatte. Dutzende Rezeptbücher warf Hans Karl Adam auf den Markt, und auch er verdiente gut an Werbeverträgen.

Adams erstes Kochbuch war ein schmales Bändchen für Männer ohne Kochkenntnisse. Überfordert wurde da niemand. Sein Rezept für Gulasch: „Den Inhalt einer Dose Gulasch erhitzen und mit etwas Sahne abschmecken.“

Und hier findet sich auch der Toast Hawaii, plakativ als „Adams Toast“: „Auf etwa 2-3 Scheiben getoastetes Weißbrot 2 Scheiben Ananas, darüber dünnen gekochten Schinken legen, eindecken mit geschnittenem Schweizer Käse. In der Röhre goldgelb überbacken. Mit Tomatenketchup bedient sich jeder nach Geschmack.“

Sicher, das ist noch nicht der Toast Hawaii, den wir kennen – wo ist die Cocktailkirsche? Nun, das Original hatte noch keine. Auch nicht in sder von Wilmenrod im Fernsehen präsentierten Version. Das beweist das älteste Rezept, das die Edeka-Zeitschrift „Die kluge Hausfrau“ im September 1955 ihren Leserinnen präsentierte: Toast, gekochter Schinken, Ananas, frischer Gouda. Das war's.

Die Kirsche stammt aus Holland

Die krönende Kirsche verdanken wir erst dem Niederländischen Büro für Milcherzeugnisse, das sie drei Jahre später fotogen darauf platzierte und den Toast von Frau Antje so im Werbefernsehen vorführen ließ.

Dann rollte die Hula-Welle durch die Küchen der Republik und es kamen Schnitzel Hawaii, Steak Hawaii, Pizza Hawaii…

Wilmenrod muss sich schwarz geärgert haben, dass ausgerechnet „sein“ größter Erfolg ein Rezept vom Lieblingsfeind war. So blieb ihm nur, mit der Erfindung der zu Recht vergessenen „Gefüllten Erdbeere“ zu prahlen oder mit dem „Päpstlichen Huhn“. Gegenspieler Adam machte Kochsendung über Kochsendung, schrieb zahllose Kochbücher, erreichte aber nie die Popularität Wilmenrods.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2016: 31. Mai

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 31. Mai 2016: Mehr...

Globetrotter weltweit

Welche Nation nicht ohne eigenes Handtuch verreist

Nur mit eigenem Handtuch an den Hotelpool? Für viele Chinesen ein Muss im Urlaub.

Für die einen ist es das Handtuch, für die anderen die Fotokamera: Jeder Mensch legt im Urlaub auf ganz bestimmte Ding wert. Oftmals hängt das auch von der Kultur ab. Eine neue Umfrage hat ermittelt, wie die Welt 2016 verreisen will. Mehr...

Videonachrichten Panorama

Anzeige

Videonachrichten Leute