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Katastrophe bei der Loveparade: Wie die Politik versagte

Die angekündigte Panik: Polizei, Feuerwehr und Ordnungsamt haben offenbar rechtzeitig auf die Gefahren bei der Loveparade in Duisburg hingewiesen. Doch die Verantwortlichen hörten nicht hin, übten gar Druck auf Beamte aus.

Duisburg trauert um die Opfer.
Duisburg trauert um die Opfer.
Foto: Getty Images

Es blieben nur noch wenige Tage für die dringend benötigte Unterschrift, und der Mitarbeiter des Duisburger Ordnungsamtes fühlte sich sehr unwohl. Er sollte eine baurechtliche Genehmigung für den Umbau des alten Güterbahnhofes in Duisburg erteilen, damit dort plangemäß die Loveparade statt finden kann. Schon seit einigen Tagen liegt die Vorlage auf seinem Schreibtisch, aber ihm erscheint das gesamte Projekt waghalsig, das Gelände zu klein. Doch der Druck von der Stadtspitze unter Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) ist groß. Das Projekt darf nicht platzen, sagt sein Chef mehrfach. Am Ende unterschreibt er. Die Loveparade darf stattfinden.

Wahrscheinlich hatte dieser Mitarbeiter nur einen kleinen Anteil an der Reihe von Fehlentscheidungen, die am Ende 20 Menschen das Leben gekostet haben und 511 Verletzte nach sich zogen. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau wurden Mitarbeiter des Ordnungsamtes systematisch unter Druck gesetzt, die erforderlichen Genehmigungen zu erteilen – heißt es aus Kreisen des NRW-Innenministeriums und dem Rat der Stadt. Parierte ein Mitarbeiter nicht, sei die Vorlage umstandslos an einen zweiten weiter gegeben worden, der sie dann unterschrieb. „Sie wurden gezwungen, alles abzunicken“, erzählt ein Ratsmitglied.

Nicht nur einzelne Mitarbeiter des Amtes mussten ihre Bedenken schlucken. Auch Polizei und Feuerwehr warnten vor den Gefahren. Doch vielleicht fehlte Duisburg einfach das Geld, den Güterbahnhof als Veranstaltungsort entsprechend umzubauen. Mehr als 160 Millionen Euro muss die Stadt einsparen. Aber sie will mitsingen im Chor des Ruhrgebiets.

Nachdem 2006 die Loveparade zum letzten Mal durch Berlin rollte, brüstet sich das Revier damit, die Zukunft für die Millionen Raver zu sein. Auch in Duisburg sprechen sich schon 2007 beinahe alle Fraktionen grundsätzlich für die Loveparade aus, die Linken enthalten sich. Im Juli 2007 schließt die Stadt mit dem Veranstalter Lopavent einen Rahmenvertrag. Darin enthalten ist auch eine Ausstiegsklausel.

„Der Rat wurde systematisch im Dunkeln gelassen“

Davon Gebrauch gemacht wurde bekanntlich nicht. Ende 2009 beruft die Stadt laut einem Sprecher der Stadt Duisburg vier Arbeitsgruppen ein, die jeweils „mehrfach getagt“ hätten. Sprecher Frank Kopatschek räumte gegenüber der FR auch ein: „Es hat immer Diskussionen darüber gegeben, ob Duisburg ein so großes Ereignis braucht und auch stemmen kann.“ Mehr mochte er nicht sagen – „laufende Ermittlungen“.

Immer wieder fordern verschiedene Fraktionen im Rat, die finanzielle Machbarkeit zu überprüfen. Rund eine Million Euro soll das Spektakel kosten, obwohl es 2007 hieß, die Stadt müsse nicht zuzahlen. Eine Lösung bleibt Duisburg zunächst schuldig. Oberbürgermeister Sauerland ist zwischenzeitlich auf der Suche nach Geld beim Land Nordrhein-Westfalen. Er selbst steht unter Druck: Die Macher der Kulturhauptstadt 2010 werben für die Loveparade als eines der Highlights des Jahres. In einer Sondersitzung zur Finanzierung der Loveparade am 20. Februar, einem Samstagmorgen um 8 Uhr, informiert er den Rat dürftig über die Finanzierung.

Kritik gibt es regelmäßig. So sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Mettler in einer Sitzung am 21. Januar 2010 laut Protokoll: „Die Beschreibungen zu dieser Veranstaltung haben mich sehr erschrocken. Ich frage mich, wie die Risiken beherrscht werden sollen.“ Mettler sagt, es seien viele Fragen ungeklärt: „Wenn man viele junge Menschen nach Duisburg einlädt, dann muss ein reibungsloser Ablauf allein aus Sicherheitsgründen garantiert werden.“ Worte, die heute fast prophetisch klingen. Doch der Duisburger Rat war mehrheitlich den Verheißungen erlegen. In derselben Sitzung äußert sich ein FDPler, Duisburg könne es sich aus „Imagegründen kaum leisten, die Loveparade abzusagen“. Sie alle hatten das Bochumer Beispiel vor Augen. Die 50 Kilometer östlich liegende Stadt hatte im Frühjahr 2009 die Loveparade kurzfristig abgesagt, weil die „Infrastruktur nicht geeignet ist“. Dafür wurde die Opel-Stadt damals mit Häme überschüttet und als Provinz-Dorf beschimpft.

„Der Rat wurde systematisch im Dunkeln gelassen“, sagte der Duisburger Fraktionschef der Linken Hermann Dierckes der FR. Die Linke hatte schon im April einen Antrag gestellt, das Verkehrskonzept für die Loveparade zu veröffentlichen. Am 1. Juni erteilt Sauerland eine Antwort, die das Problem schon klar thematisiert: „Die Nähe des Hauptbahnhofes zum Veranstaltungsgelände stellt ein besonderes Problem dar.“ Der Veranstalter habe bereits ein Konzept zur umfangreichen Sicherung des Veranstaltungsgeländes vorgelegt. Dieses Konzept wiederum wurde den Ratsherren nicht vorgestellt. Gefragt haben sie aber auch nicht. Offenbar wollte in Duisburg kein Verantwortlicher genau hinschauen.

Autor:  Annika Joeres
Datum:  26 | 7 | 2010
Kommentare:  11
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