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Panorama
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05. April 2015

Katholische Kirche in Polen: Rückwärts in die Zukunft

 Von Jan Opielka
Monumentale Statue von Johannes Paul II. im polnischen Czestochowa.  Foto: rtr

Der Tod von Johannes Paul II. jährte sich am 2. April zum zehnten Mal. Die katholische Kirche in Polen verliert seither an Anhängern, auch weil sie nicht im Sinne von Papst Franziskus agiert.

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Es ist bereits die siebte Messe an diesem Tag in der Kirche zur Kreuzerhebung im polnischen Gliwice. Es ist Palmsonntag, früher Abend, doch auch an normalen Sonntagen ist diese Zahl der Gottesdienste die Regel. Nicht nur in dieser Kirche, und nicht nur in dieser Stadt Polens. Heute ist das Gotteshaus zwar nicht berstend voll, aber alle Bänke sind besetzt. Während zwei Geistliche am Altar den Kreuzweg Jesu nacherzählen, warten im hinteren Teil der Kirche Gläubige vor zwei Beichtstühlen auf die leise lösenden Worte der Priester. Als einer der beiden zum Ende der Messe den Beichtstuhl verlässt, schließt er leise dessen Tür, schaut sich um und geht dann auf eine ein paar Meter entfernt stehende junge Frau zu. „Wollen sie auch?“, scheint er zu fragen, während er auf den Beichtstuhl weist. Die Frau schüttelt den Kopf.

Die polnische Religiosität ist fast schon sprichwörtlich, sie ist deutlich ausgeprägter als in Deutschland – und nimmt dennoch recht rapide ab. In den letzten, beinahe vier Jahrzehnten maßgeblich befördert und geprägt hat sie Papst Johannes Paul II. Als der weltweit wohl bekannteste Pole am 2. April 2005 starb, schien in den Folgetagen das Leben im Land stillzustehen. Die Straßen waren gesäumt von rot-weißen Fahnen, den Nationalfarben Polens, und jenen gelblich-weißen des Vatikanstaats. Gläubige beteten gemeinsam auf öffentlichen Plätzen und Kirchen, allerorten brannten Kerzen. Selbst deklarierte Nicht-Gläubige konnten dem Jahrtausend-Papst, wie er an der Weichsel oft genannt wird, einiges abgewinnen. Wenn schon nicht seinen kirchlichen Lehren, so doch zumindest seinem leichtfüßigen Charme, seiner Volksnähe, den verschmitzten Bonmots, gerichtet an seine Landsleute. Oder aber seine Annäherung an die anderen großen Konfessionen. Und auch seine harsche Kritik am Irak-Krieg im Jahr 2003. Die kritischen Stimmen zu ihm in westlichen Gesellschaften wurden in Polen wahlweise mit Achselzucken oder aber mit Empörung vernommen.

Heute, zehn Jahre später, schwindet jedoch der übergroße Einfluss, den Johannes Paul II. auf die polnischen Gläubigen ausübte. Eine jüngst veröffentlichte, große repräsentative Untersuchung förderte Erstaunliches zutage. So ist die Zahl der Polinnen und Polen, die sich nach den Weisungen der Kirche richten, seit 2005 von 66 auf 39 Prozent gesunken. Nur noch jeder Zweite praktiziert demnach regelmäßig katholische Riten, über 50 Prozent deklarieren einen Glauben „auf eigene Weise“, 2005 war es nur jeder Dritte. Gestiegen ist auch die Zahl der Nicht-Gläubigen, bei den 18- bis 24-Jährigen von sechs auf 15 Prozent. „Johannes Paul II. ist für viele Menschen, auch für mich, der Auslöser gewesen, ihr Leben der katholischen Kirche zu widmen“, kommentiert Zbigniew Nosowski, Theologe und Chefredakteur der katholischen Quartalszeitschrift „Wiez“ (Bindung). „Das Jahr 2005 war sozusagen der Höhepunkt, eine wirkliche geistige Bewegung, die zwangsläufig zurückgehen musste“, sagt Nosowski.

Gigantisches Lichtermeer für den verstorbenen Johannes Paul II. am 7. April 2005 in Krakau.  Foto: rtr

Die Zahlen schwanken freilich je nach Bildungsgrad, Wohnort, Alter und Geschlecht. Zu den am stärksten Glaubenden zählen Ältere, Frauen und Kinder, insbesondere in ländlichen Gebieten und im Osten des Landes. Zu den sich am stärksten säkularisierenden hingegen gut ausgebildete Personen, Jüngere und Großstädter. Der Kulturanthropologe Wojciech Burszta sieht die Gründe dafür auch im Land selbst. „Die polnische Kirche hat ihre eigene Entwicklung im Verlauf des Pontifikats von Johannes Paul II. selbst gestoppt, und der einstige Glanz und das Erbe des Papstes wird zu einem Fluch des Katholizismus im Land“, sagt Burszta, Professor der Hochschule für Sozialpsychologie in Warschau. Dennoch sei der Prozess der Säkularisierung in Polen „kein selbstverständlicher“, sagt der Wissenschaftler.

Agnieszka und Maciej Rabijasz sind dafür ein Beispiel. Die Distanz der Ärztin und des selbstständigen Ingenieurs zur katholischen Lehre hat sich auch innerhalb ihrer kirchlich getrauten Ehe noch mal ausdifferenziert. „Ich glaube auf meine eigene Weise“, sagt der 37-jährige Familienvater. „Der Zugang zu Gott, dessen Existenz ich durchaus annehme, ist für mich nicht von Sakramenten, Ritualen oder Geistliche als Mittler abhängig.“ Das Wichtigste seien die Gebote der Liebe. „Wenn das Handeln der Menschen darauf basiert, ist es gut.“ Er selbst habe Johannes Paul II. geschätzt, denn dieser habe als Erster das Dogma des Scheinglanzes rund um die Hierarchen gebrochen. „Es geht stets nur um das moralisch gute Handeln“, sagt der Ingenieur.

Johannes Paul II.

Als Karol Wojtyla 1920 im polnischen Wadowice geboren, wurde der Kardinal 1978 zum ersten nicht italienischen Papst seit 1522 gewählt. Seine Wahl stärkte die oppositionellen Kräfte im damals kommunistischen Polen.

In Polen verehrt, wurde der Papst in Teilen der westlichen Welt für seine konservative Kirchenlehre gescholten. Nur neun Jahre nach seinem Tod am 2. April 2005 erfolgte 2014 die Heiligsprechung durch Papst Franziskus.

Seine Frau indes war einst näher an der kirchlichen Lehre, ihre Familie sei tief religiös gewesen, sagt die 38-Jährige. „Die Religiosität hat mir bis zu dem Zeitpunkt geholfen, an dem ich mich erwachsen gefühlt habe. Von da an hat mir das, was die Geistlichen sagten, nichts mehr gebracht“, sagt sie. Die in der Kirche vermittelten Inhalte seien etwa ab ihrem Eintritt in den Beruf fremd geworden. „Es hatte keinen Einfluss mehr auf mein Leben und machte mich nicht zu einem besseren Menschen. Es wurde zur Zeitverschwendung.“ Und dennoch: Sie bringt den beiden Söhnen die katholischen Rituale nahe, inklusive der Erstkommunion, die bei dem Älteren demnächst ansteht – ihr Mann hält sich dabei heraus. „Vielleicht ist es Hypokrisie: Aber ich denke, dass unsere Kinder wissen sollten, wie die katholischen Bräuche aussehen. Es ist unser christliches Erbe, es prägt unsere Verhaltensmuster, die wir nicht verdrängen können“, sagt sie – um im nächsten Satz die Kirchenhierarchen für ihr Einmischen in die Politik zu schelten, inklusive der Diskriminierung von Frauen.

Die Eheleute Rabijasz gehören zu jenen zwei Dritteln der Gesellschaft, nach deren Ansicht die Bedeutung von Kirche und Glauben in Polen immer stärker abnimmt. Tatsächlich ist das Verhalten der beiden durchaus symptomatisch. Immer mehr Menschen im Land nutzen die Kirche lediglich in ihrer Dimension als kultureller Träger von Tradition. Feiertage, die Erteilung von Sakramenten wie Taufe, Kommunion oder Ehe – meist ist die Teilnahme freiwillig, mitunter aber auch bedingt durch dezenten Druck der nahen und fernen Umgebung.

Katholische Kirche mit herausragender Stellung in Polen

Es wäre dabei zu einfach, die im Westen seit Jahrzehnten zu beobachtenden Tendenzen der Säkularisierung als alleinigen Grund für allmählich sinkende polnische Religiosität zu sehen. Denn die polnische Kirche zählt mit ihrem Personal – von den Erzbischöfen angefangen und bei den Dorfpriestern endend – zum konservativ-klerikalen Flügel der katholischen Weltgemeinde. Und dieser zeitigt mitunter abstruse Blüten. Vor einigen Wochen etwa startete die Kirche eine Plakat-Kampagne, es geht dabei eigentlich um die Propagierung der ehelichen Beziehungen. Doch die Art der Vermittlung sagt viel über die Kirchen-Oberen in Polen. Denn nicht die Ehe wird dabei zum positiv anzustrebenden Ziel erhoben – sondern die Nicht-Ehe dämonisiert. „Uneheliche Beziehungen sind Sünde – geh nicht fremd!“, prangt es von dem Bild, auf dem Finger zweier Hände durch eine Schlange verbunden sind.

Diese Art der Evangelisierung, die eher auf dem Angstfaktor als auf jenem irdischer Menschenliebe basiert, ist auch in den lokalen Gemeinden gang und gäbe. Viele der Priester pflegen einen feudal-autoritären Stil, der insbesondere dann auffällt, wenn polnische Geistliche in westliche Staaten gehen. „Ich habe viele Klagen über polnische Priester gehört, die im Ausland arbeiten, dass sie die Gläubigen von oben herab, wie Kinder behandeln“, so der Theologe und Kirchenkritiker Tadeusz Bartos. „Die polnischen Priester wiederum beschweren sich, dass dort ständig Sitzungen des Pfarrgemeinderats stattfinden, mit dem sie alles absprechen müssten.“ In Polen hingegen gibt es Pfarrgemeinderäte in der Regel nur auf dem Papier.

Überhaupt genießt die katholische Kirche als Institution im öffentlichen Leben des Landes eine herausragende Stellung. Der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen etwa wird vom Staat finanziert – auf den Inhalt hat dieser jedoch keinen Einfluss. Bei wichtigen staatlichen oder städtischen Anlässen sind hohe Würdenträger selbstverständliche Ehrengäste mit Redezeit. Und die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die rund ein Drittel der Polen repräsentiert und die im Herbst anstehenden Parlamentswahlen gewinnen könnte, ist so etwas wie der politische Arm der polnischen Hierarchen.

Johannes Paul II. im Februar 1986 im Zug von Neapel nach Rom.  Foto: rtr

Im Duett befeuern beide öffentliche Debatten im Land: den Kampf gegen das Gender Mainstreaming etwa, jenen gegen die kürzlich vom Parlament beschlossene Konvention zur Verhütung von Gewalt gegen Frauen, oder aber den für eine scharfe Auslegung des restriktiven Abtreibungsrechts. Zu genuin sozialen Problemen wie Armut und Prekarisierung äußern sich die einflussreichen Kirchenfürsten, anders als etwa in Deutschland, kaum. Als im Jahr 2014 verzweifelte Eltern behinderter Kinder das Parlament okkupierten, um gegen ihre niedrigen Sozialbezüge zu protestieren, gab es keine Stellungnahme des polnischen Episkopats. Dieses Jahr gab es erneut Proteste – und die Eltern richteten sogar ein Schreiben an Papst Franziskus. Doch die polnische Kirche schwieg weiter. „Viele Menschen würden sich so ein Engagement wünschen, doch das bleibt bislang im Reich der Träume. Und dabei haben die Leute es satt, dass die Kirche ihnen unter die Bettdecke schaut oder den Verteidiger des Polentums spielt“, sagt Kulturanthropologe Burszta.

Zbigniew Nosowski erklärt die geringere kirchliche Einmischung in sozialpolitische Fragen mit kulturellen Unterschieden. „Die katholische Kultur in Deutschland etwa ist viel näher am deutschen Protestantismus als am polnischen Katholizismus“, sagt Nosowski. In Polen gebe es eine stärker klerikale Kultur. Diese beinhaltet ein stärkeres Bestreben, religiösen und eben nicht sozialen Einfluss auf Politik und Staat zu nehmen und zugleich die Rolle von Laien zu verkleinern. „Die Kirche in Polen hat innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte auch eine Ersatzrolle für die fehlende staatliche Unabhängigkeit gespielt, zuletzt im Kommunismus“, sagt Nosowski. Deshalb ihr klerikales Antlitz. Und deshalb, so der Vizevorsitzende des Polnischen Rats von Christen und Juden, schauten polnische, aber auch italienische Geistliche skeptisch auf Franziskus. „Denn er ist antiklerikal.“

Doch trotz oder auch wegen dieser klerikalen Tradition hat die katholische Kirche im Land nach wie vor viele Anhänger. Violetta und Andrzej Kuznik sind unter jenen, die am Palmsonntag die Abendmesse der Kreuzerhebungs-Kirche besuchen. Das Ehepaar hat zwei Kinder und lebt tief religiös, wie sie im anschließenden Gespräch bei sich daheim erläutern, samt den Kleinen. „Das Wichtigste ist, dass die Familie zusammenhält“, sagt der 37-jährige promovierte Ökonom und lacht. Auch auf den im Jahr 2016 anstehenden Weltjugendtag in Krakau bereiteten sie sich gemeinsam vor, sagt seine Frau. Und Johannes Paul II. sei dabei nach wie vor eine wichtige Leitfigur. „Er war ein guter Vater und eine große Autorität, einer, der uns menschlich nahe war. Er hatte Rückgrat – und tat, was er sagte“, so die Lehrerin.

Die Rolle und die Positionen der polnischen Kirche bejahen die beiden. „Die Kirche will und soll sich nicht verändern, sie ist nicht elastisch und passt sich nicht an die Standards der Welt an“, sagt Andrzej Kuznik. „Doch auch in der polnischen Gesellschaft beginnen die schlechten Muster aus dem Westen zu wirken.“ Deswegen bleibe die Kirche standhaft und geeint, über Tausende von Jahren schon – in Sachen Abtreibung, Scheidung oder eben bei ihrer Position zur Familie. Genau deswegen, ergänzt seine Frau, sei sie für Zukunft der katholischen Kirche im Land zuversichtlich. „Die Menschen sammeln sich in kleinen Gemeinschaften innerhalb der Gemeinden, denn hier gibt es keine Anonymität – dafür einen Geist des Gebets“, sagt sie. Und ihr Mann erläutert, was sie im gemeinsamen Gebet finden. „Ein kluger Mensch sagte einmal: Wenn Du das Tiefste finden willst, dann versuche, dich anzuhalten.“

Als sich in der Kirche zur Kreuzerhebung am Sonntagabend die Messe dem Ende zuneigt, zählt der Priester die lange Liste der Ereignisse der Osterwoche auf. Tägliche Beichtmöglichkeit, Liturgien, Frühmetten, der Kreuzweg am Karfreitag. Ein Gebet oder Andacht zum Gedenken des 10. Jahrestag des Todes von Johannes Paul II. ist nicht dabei. Vergessen wurde das bestimmt nicht. Es ist integriert in all den anderen Riten.

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