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Keith Richards Autobiografie: Immer noch zu weich

Keith Richards erzählt in seiner Autobiografie, wie er als Rockstar überleben konnte. Die Mythendichte ist hoch in diesem Buch, und nicht wenige werden eintauchen, um Neues für eine Art Resteverwertung der Popgeschichte darin zu finden.

Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards (Archivbild).
Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards (Archivbild).
Foto: ddp

Der Mann lässt wirklich nichts aus. Hat er nie. Schon als Schüler nahm er eine kleine weiße Maus namens Gladys mit in die Schule und unterhielt sich mit ihr, wenn er sich im Französischunterricht langweilte. Zu Hause hatte Keith Richards indes eine Katze, weshalb Gladys sich wohl in ständiger Todesangst befunden haben muss, sobald der angehende Rockstar mit ihr heimkehrte. Den Tod fanden Katze und Maus aber schließlich durch die Hand der Mutter Doris, die keine Haustiere mochte.Keith Richards hatte keine einfache Kindheit. Als er einen Zettel mit der Aufschrift „Mörderin“ ans Schlafzimmer der Mutter heftete, sagte diese nur: „Reg dich ab. Du darfst nicht so weich sein. Das Scheißvieh hat uns die ganze Wohnung vollgepisst.“

Die Geschichte von Gladys und der Katze ist nur eine kurze Episode in der soeben erschienenen Autobiografie der Stones-Legende Keith Richards, in der dieser auf mehr als 700 Seiten sein Leben erzählt. „Life“ ist der Titel, und für keinen Autor einer Autobiografie dürfte er treffender sein als für Keith Richards. Dies ist das Leben, steht handschriftlich auf dem Einklappdeckel. Ob ihr es glaubt oder nicht: Ich habe nichts darin vergessen.

Böses über Mick Jagger

Ein starkes Intro für einen, der mehr als alle anderen Rock'n'Roller ein Überlebender des Musikgeschäfts ist, weil er immer wieder hart an sehr vielen Winden gesegelt ist. Und so wird man das Buch absuchen können nach wilden Drogenexzessen, endlosen Frauengeschichten und der anhaltenden Hassliebe zum Bandkollegen Mick Jagger, mit dem er gemeinsam in Dartford am Rande Londons zur Grundschule gegangen ist. Nicht wenige werden das Buch also als Schlüsselroman zur berühmtesten Jungsgeschichte des vergangenen Jahrhunderts lesen. Ein ausführliches Register hilft beim Durchstöbern. Manch Böses ist über Mick Jagger zu lesen, weshalb einige glauben, dass die Veröffentlichung dieses Buches das endgültige Ende der Rolling Stones bedeute. Wahrscheinlicher aber ist, dass es in der Stones-Saga kein letztes Wort geben wird.

Keith Richards ist kein Schriftsteller. Das ist wohl auch einer der Gründe dafür, weshalb man rasch vorwärts kommt beim Lesen. Über manches staunt er in kindlicher Naivität, als sei es gerade passiert. Irgendwann wurden die Musikstücke auf den Platten länger, und Keith Richards macht Bob Dylans „Visions of Johanna“ dafür verantwortlich, ein bisschen auch die Beatles. „Wahrscheinlich waren es die Beatles und wir, die das Album zu dem Medium der Musik schlechthin machten – und damit den Untergang der Single beschleunigten“, schwadroniert Richards über die Grundlagen seiner Branche, ohne eingehender darüber nachzudenken, dass der Plattenmillionär inzwischen in einer Zeit lebt, die weitgehend ohne gebundene Tonträger auskommt.

Sentimentaler Gönner

Aber man sollte dieses Buch nicht kritisch, sondern wegen seines reichhaltigen popgeschichtlichen Flairs lesen. Viele der Seiten sind mit Gründungsmythen bedruckt, etwa dem enormen Einfluss von Alexis Korner, der mit seinem unverwechselbaren österreichischem Akzent die britische Bluesszene zu raffinierten Genrewechseln animierte.

Keith Richards ist aber auch ein sentimentaler Gönner, etwa wenn er über seinen Freund Ian Stewart spricht, der zu den Gründungsmitgliedern der Stones gehörte, dann aber aus Imagegründen aus der Band herausgedrängt wurde. Er starb 1985 nach einem Herzinfarkt. „Ich spiele immer noch für ihn“, schreibt Richards. „Für mich sind die Rolling Stones seine Band. Ohne seine Kenntnisse und seine Organisation und ohne diesen mutigen Schritt, mit dem er alles Vertraute hinter sich ließ und stattdessen das Risiko einging, mit ein paar Grünschnäbeln wie uns zu spielen, wäre nie was aus uns geworden.“

Die Mythendichte ist hoch in diesem Buch, und nicht wenige werden eintauchen, um Neues für eine Art Resteverwertung der Popgeschichte darin zu finden. Der Rock 'n' Roll hat kaum langlebigere Typen als diesen hervorgebracht, auch wenn er nunmehr davon bedroht ist, von der Leiter seiner Bibliothek zu fallen. Die Geschichte mit der Mutter ging übrigens gar nicht so schlecht aus. Die letzten Zeilen sind ihr gewidmet. „Doris war meine erste Kritikerin. Ich erinnerte mich, wie sie einmal von der Arbeit nach Hause kam und ich oben an der Treppe stand und Malaguena spielte. Sie ging in die Küche, ich hörte Töpfe und Pfannen klappern. Und sie fing an mitzusummen. Plötzlich stand sie unten an der Treppe. „Bist Du das? Ich dachte, das wäre das Radio.“ Zwei Takte Malaguena, endet Richards Buch, „und schon hast Du es geschafft.“ Er ist wohl immer noch zu weich.

Für seine Autobiografie „Life“, die er zusammen mit dem Schriftsteller James Fox geschrieben hat, soll Keith Richards umgerechnet 5,4 Millionen Euro erhalten haben. Das Buch ist in dieser Woche auch in Deutschland erschienen. Der Heyne-Verlag will 120.000 Exemplare auf den Markt bringen.

The Andrew Marr Show interview with Keith Richards (BBC, 26.10.2010)

Autor:  Harry Nutt
Datum:  27 | 10 | 2010
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