Panorama
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31. März 2012

Kinderlosigkeit: Das größte Wunder der Welt

 Von Claudia Fuchs
Die Entstehung eines Kindes ist einer der kompliziertesten und komplexesten Vorgänge im menschlichen Organismus. Das fängt damit an, dass die Spermien einen Weg zurücklegen müssen, der voller Hindernisse ist. Foto: dpa

Mit 32 trifft sie den Mann ihres Lebens. Als sie 35 ist, wollen sie ein Kind. Aber es klappt einfach nicht. Unsere Autorin erzählt die Geschichte einer großen Hoffnung und eines einsamen Kampfes.

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Tausende Deutsche kämpfen derzeit im Internet um Unterstützung der Kanzlerin. Unter dem etwas sperrigen Motto „Zukunftsdialog“ kann man Vorschläge zur Zukunft des Landes einbringen. Fast 10.000 sind es inzwischen, darunter die Legalisierung von Cannabis, der Verzicht auf das Amt des Bundespräsidenten und die bessere Dämmung von Wohnungen. Die zehn meistunterstützten werden im April mit Angela Merkel diskutiert. Auf Platz fünf hat es ein scheinbar privates Problem geschafft: „Erfüllung des Kinderwunsches finanzierbar machen“. Die Begründung: Jedes siebte Paar kann auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen und ist auf medizinische Hilfe angewiesen. Wir sind eines dieser Paare.

Als ich 18 Jahre alt war, lag mein Leben wie ein aufgeschlagenes Buch vor mir: Mit 22 Jahren würde ich mein erstes Kind bekommen, drei Jahre später, mit 25, das zweite. Und weil ich gern einen großen Bruder gehabt hätte, wollte ich erst einen Jungen und dann ein Mädchen.

Mit 25 Jahren war ich immer noch kinderlos, und mit 30 auch. Erst war die Wende dazwischengekommen, dann meine Arbeitslosigkeit, dann ein neuer Beruf. Eine Weile war ich Single. Ich bin gereist, habe Geld verdient und war zufrieden mit meinem Leben. Mit 32 lernte ich schließlich den Mann kennen, mit dem ich alt werden will. Wir wollten ein Kind, aber nicht gleich. Ich war ja noch jung. Dann hatte ich eine Geschwulst an einem Eierstock. „Da sollen mal die Profis ran“, sagte meine Frauenärztin und schickte mich in eine Praxis für Fertilität nach Berlin-Mitte.

Ledersessel, Pflanzen, Aquarium

Ich kannte das Wort Fertilität damals nicht. Inzwischen weiß ich, dass es vom Lateinischen fertilis abstammt und „fruchtbar“ bedeutet. Ich saß also mit meiner kleinen Eierstock-Zyste in dieser Fruchtbarkeitspraxis – und war schwer beeindruckt: Die Gänge waren so breit, dass zwei Rollstühle nebeneinander fahren konnten, an den Wänden hingen imposante Gemälde, es gab zwei riesige Warteräume mit monströsen Ledersesseln, mit großen, tadellos gesunden Pflanzen, einem riesigen Aquarium und gratis Tee, Kaffee und Wasser. Selbst auf der Toilette roch es nach Wohlstand.

Nur die Frauen und Männer, die Patienten, schienen nicht dorthin zu passen. Sie wirkten nicht krank, aber sie waren so schweigsam und sahen so unglaublich angespannt aus, als warteten sie auf ein Wunder.

Damals war ich nur ein einziges Mal in der Praxis – die Geschwulst entpuppte sich als harmlos –, aber ich weiß noch, dass ich zwei Dinge dachte: Ihr armen alten Leute. Mit euch möchte ich nicht tauschen.

Heute bin ich eine von ihnen. Mein Mann und ich sind kinderlos. Ungewollt.

Wickeln lernen mit Buddy

Wir sind eines von etwa 500.000 Paaren bundesweit – grob geschätzt. Wie viele es tatsächlich sind, weiß niemand so genau. Wer betroffen ist, schweigt meist, weil die ungewollte Kinderlosigkeit als Makel empfunden wird. Zwar wünscht sich unsere Gesellschaft seit vielen Jahren nichts sehnlicher als mehr Kinder. Aber kein Ministerium startet eine Aufklärungskampagne über ungewollte Kinderlosigkeit und über mögliche Hilfen.

Um es deutlich zu sagen: Ich habe Kinderkriegen oder Muttersein nie als meine Daseinsberechtigung als Frau empfunden. Ich halte ein kinderloses Leben für gerechtfertigt, und ich verurteile Menschen nicht, die kinderlos bleiben möchten. Ich bin eine Abtreibungsbefürworterin. Jede Frau hat das Recht so zu leben, wie sie möchte.

Aber ich wollte immer Kinder. Und ich bin inzwischen ungemein verletzlich, sensibel und dünnhäutig, wenn es um das Thema geht. Vielleicht, weil ich mich nach all den Behandlungen der vergangenen Jahre verändert habe; vermutlich aber vor allem, weil ich nicht das werden kann, was die Evolution jeder Frau zugedacht hat: Mutter.

Das erste Wesen, das ich gewickelt habe, war etwa 50 Zentimeter groß, hatte ein gelbes Fell, Knopfaugen und große, abstehende Ohren. Als ich in den Besitz von Buddy kam – so hieß der große Teddy – war ich fünf Jahre alt. In den Folgemonaten lernte ich all das, was Mädchen von ihren Müttern beizeiten lernen: Dass Kinderköpfe so schwer sind, dass man sie stützen muss. Dass selbst kleinste Babys einen Greifreflex haben. Und dass sie die Zunge rausstrecken, wenn man sie an der Unterlippe kitzelt.

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