Am 11. Oktober 2010 bekommt Christine Bergmann einen Brief. Es ist ein zweiseitiges Schreiben, eng bedruckt und mit Ausrufezeichen gespickt. Einzelne Worte sind in die Länge gezogen oder in Großbuchstaben geschrieben, als seien kleine zu zerbrechlich, um den Inhalt zu ertragen. Drei Wochen, schreibt die Verfasserin, habe sie für den Brief benötigt. Es ist der Abriss eines zerstörten Lebens. Es ist ein Hilferuf aus der Hölle.
Die Frau, die den Brief geschrieben hat, ist 48 Jahre alt. Sie schreibt: „Bei mir und meiner Schwester hat der sexuelle Missbrauch sehr früh angefangen.“ Sie schreibt: „Wir waren höchstens 3 Jahre alt.“ Sie schreibt: „Wir wurden über Jaaahre nicht nur von EINEM missbraucht. Wir wurden systematisch zu sexuellen Diensten ,abgerichte' und zu diesem Zwecke auch ,verkauft´.“
Dann schildert sie, wie sie mehr 30 Jahre lang in sich gefangen war, wie sie mühsam lernte, wieder zu reden; wie sie erschrak, als sie sich zum ersten Mal lachen hörte; wie sie in ihrem Kampf um Entschädigung von Amtsärzten angezweifelt wurde, weil die Täter von damals „mir leider keine Visitenkarte in die Pampers gesteckt haben“. Und ganz am Ende schreibt sie: „Ich möchte Ihnen genügend Kraft wünschen, das alles aushalten zu können.“
Sieben Monate später sitzt Christine Bergmann in ihrem Büro und sagt: „Ich dachte immer, ich weiß viel über das Thema. Ich habe mich getäuscht.“
Sie hat 2000 Briefe bekommen in 14 Monaten. Sie hat alle gelesen. Sie verwahrt sie in einem schlichten Stahlschrank im vierten Stock des Familienministeriums in Berlin. Bislang stehen dort 38 Aktenordner voller alphabetisch geordnetem Horror. Und täglich kommen neue Briefe dazu.
„Wir gehen hier alle ganz schön auf dem Zahnfleisch“, sagt Christine Bergmann. Sie ist jetzt 71 Jahre alt, aber das sieht man ihr nicht an. Sie hat noch immer diesen leicht sächselnden Unterton, mit dem sie bekannt wurde, als sie unter Gerhard Schröder zuständig war für „Gedöns“. Sie ist jetzt wieder zuständig. Es war am 23. März 2010, als sie am Darßer Bodden, in Höhe des Friedhofs, der Anruf der Familienministerin ereilte. Ob sie, die Sozialdemokratin, sich vorstellen könne, „Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs“ zu werden. 150, vielleicht auch 200 ehrenamtliche Arbeitsstunden würden auf sie zu kommen.
Bergmann sagte ja. Dann machte sie sich an die Arbeit. Die Stunden hat sie nicht gezählt. Ein paar tausend werden es jetzt wohl sein. Und wenn sie am Dienstag, nach 14 Monaten, in Berlin ihren Abschlussbericht vorlegen wird, dann ist ihre Arbeit noch lange nicht getan. „Das hier war nur ein erster Schritt.“
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.