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Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

04. Februar 2014

Kindesmisshandlung: „In Deutschland sterben Kinder für Geld“

 Von 
Michael Tsokos in der Pathologie an der Berliner Charité.  Foto: imago stock&people

Deutsche Behörden schützen Kinder nicht ausreichend vor Gewalt, sagt Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité. Im Interview sagt er, was sich seiner Meinung nach ändern muss.

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Michael Tsokos erhebt in seinem neuen Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“, das er gemeinsam mit seiner Kollegin Saskia Guddat geschrieben hat, schwere Vorwürfe. Sozialarbeitern, Ärzten und Richtern wirft er systematisches Versagen vor, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche vor Gewalt in der Familie zu beschützen oder Misshandlungsfälle zu ahnden. Eine „Kultur des Täterschutzes“ will er in Deutschland ausgemacht haben.

Herr Tsokos, Sie haben zuletzt bundesweit mit der vermeintlichen Entdeckung von Rosa Luxemburgs Leichnam im Keller der Charité für Schlagzeilen gesorgt. Wie kommen Sie jetzt auf das Thema Kindesmisshandlung?
Dieses Thema begleitet mich seit fast 20 Jahren. Als ich in Hamburg in der Rechtsmedizin angefangen habe zu arbeiten, sind mir die ersten Fälle untergekommen und ich dachte: Das ist ja furchtbar, aber das sind Einzelfälle. Aber es hat sich in der Praxis gezeigt: Es sind keine Einzelfälle, sie haben sich mit grausamer Regelmäßigkeit wiederholt. Und alle Fälle gleichen sich. Sie bekommen ja nur die prominenten mit, über die die Presse berichtet. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs, es gibt weitere Fälle, bei denen würden Ihnen die Haare zu Berge stehen, wenn Sie wüssten, was da ablief. Ich habe mir gedacht, ich kann nicht länger warten und muss das völlige Versagen des Systems und des Staates aufzeigen.

Was werfen Sie dem Staat vor?
Die Idee unseres Kinderschutzsystems an sich ist gut. Der Staat kann nicht alles übernehmen, sondern überwacht. Die tägliche Arbeit dagegen wird outgesourct an Träger, die damit Geld verdienen. Aber das System ist einseitig und überaltert. Es schützt die Täter. Denn es geht davon aus, dass die Eltern die Familie sind und nicht die Kinder. Die Träger verdienen nur Geld, solange die Kinder in den Familien sind, also in den Händen ihrer Peiniger. Sie aus der Familie herauszunehmen, gilt als ultima ratio. Mit diesem System verdienen die Träger, auch kirchliche wie die Caritas, Millionen. In Deutschland sterben die Kinder für Geld.

Von wie vielen Fällen sprechen wir?
In Deutschland sterben drei Kinder pro Woche an ihren Misshandlungen. 200.000 Fälle im Jahr hat mir der Kinderschutzbund bestätigt. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer. Die Zahl der Inobhutnahmen von Kindern steigt in Deutschland jedes Jahr im zweistelligen Prozentbereich.

Michael Tsokos

Michael Tsokos, 1967 geboren, ist Professor für Rechtsmedizin und international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Forensik. Seit 2007 leitet er das Institut für Rechtsmedizin der Berliner Charité. Seine Bücher über spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin sind Bestseller. Im Herbst 2012 erschien der Thriller „Abgeschnitten“, den er gemeinsam mit dem Erfolgsautor Sebastian Fitzek verfasst hat.

Gemeinsam mit Jan Josef Liefers stand Tsokos Anfang Februar 2013 für die Verfilmung des Krimis von Elisabeth Herrmann „Die letzte Instanz“ vor der Kamera. In der in Berlin spielenden TV-Produktion spielte Tsokos sich selbst.

Michael Tsokos und Saskia Guddat: Deutschland misshandelt seine Kinder, Droemer Verlag, München, 256 Seiten,
19,99 Euro.

Dann könnte man ja argumentieren, dass der Kinderschutz greift.
Dann müsste aber auch die Zahl der getöteten Kinder abnehmen. Laut Polizei bleiben die Todesfälle durch Misshandlung allerdings auf einem konstant hohen Niveau. In der Prävention funktioniert wenig.

Sie sind Rechtsmediziner. Dann kommen Sie doch eigentlich erst hinzu, wenn es buchstäblich zu spät ist.
Da haben Sie Recht. Aber so nah dran wie wir ist niemand. Wir sehen das tote Kind, wir lesen in seiner Akte die Vorgeschichte, wir sitzen als Sachverständige vor Gericht. Wir sind also an allen Schnittstellen beteiligt. Und immer öfter werden wir bei überlebenden Kindern hinzugezogen, die blind sind, halbseitig gelähmt, die nie zur Schule gehen werden, da sie auf dem Entwicklungsstand eines Säuglings stehengeblieben sind. Alles, weil sie heftig geschüttelt wurden.

In Ihrem Buch stellen Sie die These auf, aus den Vornamen der Kinder ließe sich ihr Gefährdungspotenzial ablesen. Die Täter rechnen Sie der „Generation Kevin“ zu. Klingt etwas nach Vorurteil.
Das ist natürlich überspitzt formuliert und bewusst verallgemeinert. Kevin war vor 20 Jahren durch den Film „Kevin allein zu Haus“ ein Modename. Das heißt, früher hießen die Opfer Kevin. Und diese Opfer von damals sind die Täter von heute. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass nicht Max, Anton und Julius bei mir auf dem Tisch landen, sondern Kinder mit spinnerten amerikanischen Vornamen wie Jayden oder Tyler Reese, die auf ein bestimmtes soziales Niveau hindeuten.

Ein Malte oder Maximilian sind Ihnen nicht untergekommen?
Sehr selten. Was nicht bedeutet, dass im Akademikermilieu nicht geprügelt wird. Dort aber eher auf Körperstellen, an denen man es nicht sofort sieht. Oder es wird durch seelische Grausamkeit wie Ignorieren misshandelt. Aber dieses Thema haben wir genau wie den sexuellen Missbrauch im Buch bewusst ausgeklammert.

Stimmt Ihr pauschales Urteil überhaupt: Wer früher Opfer war, der wird später Täter?
Es gibt Gewaltstudien, die wir zu Rate gezogen haben, die besagen, wer Kinder misshandelt, wurde früher auch als Kind misshandelt.

An Ihrem Buch gibt es bereits viel Kritik. Der Deutsche Richterbund, der Kinderschutzbund, selbst die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin halten Ihr Buch für populistisch.
Das Buch ist gerade erst erschienen, ich bezweifle, dass es alle, die sich dazu äußern, gelesen haben. Dass sich der Richterbund darüber aufregt, ist klar. Die Justiz versagt ja auch gehörig. Und den Präsidenten der Gesellschaft für Rechtsmedizin würde ich gerne fragen, ob er denn in den letzten Jahren noch in der Praxis tätig war oder nur hinter dem Schreibtisch gesessen hat.

Aber populistische Thesen stellen Sie schon auf. Etwa, dass Kindesmisshandler geisteskranke Serientäter seien, Sie sprechen auch vom „Säuglingsmassaker“.
Natürlich ist das Buch auch populistisch. Allein der Titel ist bewusst provokant gewählt. Aber da steckt keine Werbestrategie hinter. Wir möchten eine Debatte anregen. Die Verantwortlichen sollen sich stellen. Wir reden über nichts weniger als die Würde unserer Gesellschaft. Allein aus purem Egoismus sollten wir dieses Thema nicht länger ignorieren. Wir züchten uns eine Generation von Gewalttätern heran, die wir irgendwann nicht mehr in den Griff bekommen.

Gegenüber diesen Gewalttätern fordern Sie „Null Toleranz“. Was genau soll das denn bedeuten?
Ich kenne aus meinen 20 Jahren Praxis nur einen Fall, in dem Eltern wegen Mordes verurteilt wurden. Ansonsten kenne ich fast nur Freisprüche und erlebe im Gerichtssaal, wie Kinder ihren Peinigern zurückgegeben werden. Die Justiz muss sich intensiv mit den Verantwortlichen auseinandersetzen und genau schauen, wer an welcher Stelle involviert war und wie versagt hat. Denn im Moment haben wir eine Kultur des Wegschauens.

Die neue Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat bereits eine „Kultur des Hinschauens“ gefordert.
Was soll das denn sein? Das ist eine hohle Floskel, purer Zynismus. Wir brauchen eine Kultur des Handelns und nicht des Täterschutzes. Wir brauchen jetzt den Druck auf die Politiker.

Man merkt, dass Sie als fünffachen Vater dieses Thema besonders bewegt.
Zum ersten Mal in meiner beruflichen Laufbahn nimmt mich ein Thema mit. Und es wird mit jedem toten Kind schwieriger. Ich bin es einfach leid, dass alle alles richtig gemacht haben wollen. Jeder dieser Fälle hat irgendwie Spuren bei mir hinterlassen. Es ist nicht so, dass ich ein psychisches Wrack bin. Aber mir ist jeder Fall in Erinnerung geblieben.

Welcher Fall hat Sie besonders mitgenommen?
Der von Nadine Küstritz, die offiziell an Lungenentzündung gestorben ist. Sie lag bereits zwei Tage sterbend zu Hause. Nach ihrem Tod bin ich in die Wohnung der Eltern und habe ihre fünf Geschwister untersucht. Sie wiesen allesamt Spuren von Misshandlung auf. In der Wohnung waren die Fenster mit schwarzen Tüchern verhangen, die Kinder mussten auf den nackten Lattenrosten schlafen, die mit Kot verschmiert waren. Der Vater war Pfleger und hat die Kinder immer mit Medikamenten betäubt, wenn die Betreuerin vom Jugendamt kam. Die war völlig entsetzt nach Nadines Tod, weil sie das Kind noch zwei Tage zuvor quietschlebendig herumspringen gesehen hatte. Aber die Eltern hatten ihr stets eine andere Tochter vorgeführt. Nadine hatte Klumpfüße und konnte gar nicht laufen. Sie sehen also, diese spezielle Klientel ist mit allen Wassern gewaschen, die lässt sich von gar nichts beeindrucken. Es wird belogen, betrogen und vorgetäuscht. Wir müssen uns von dem Gedanken trennen, dass wir es mit empathischen Menschen zu tun haben.

Interview: Arne Leyenberg

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