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21. April 2012

Kino-Hit aus Frankreich: Das Geheimnis von „Ziemlich beste Freunde“

 Von Rudolf Novotny
Omar Sy (l; Driss) und François Cluzet (Philippe) in einer Szene aus "Ziemlich beste Freunde". Foto: dpa

Acht Millionen Menschen in Deutschland haben „Ziemlich beste Freunde“ gesehen. Dabei fehlt dem Film eigentlich alles, was einen Erfolg ausmacht. Wieso wird er trotzdem mit leuchtenden Augen nacherzählt? Während andere schon während des Abspanns vergessen werden?

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Berlin –  

An einem Samstagabend, kurz bevor die Vorstellung beginnt, wird Nicole Grambow von einem der größten Erfolge der Filmgeschichte überrollt. Nicole Grambow steht hinter der Kinokasse im Filmtheater am Friedrichshain und versucht eine Karte auszudrucken, da verweigert der Computer plötzlich seinen Dienst. Systemabsturz. Eine halbe Stunde lang geht nichts mehr, genauso wenig wie in einem knappen Dutzend anderer Kinos, die zu derselben Kette gehören.

Es ist das erste Wochenende im Januar, jenes, an dem die Erfolgsgeschichte des französischen Films „Ziemlich beste Freunde“ in Deutschland beginnt. Eine Erfolgsgeschichte, die heute, nach drei Monaten und acht Millionen Zuschauern, immer noch nicht beendet ist. Und so wird das Werk auch die nächsten Freitag stattfindende Verleihung des Deutschen Filmpreises überstrahlen, dieses Klassentreffen der nationalen Kinobranche. Bereits die Vorführungen der dort nominierten Werke wurde in der Pressemitteilung unter dem Motto „Ziemlich beste Filme“ angekündigt.

Nicole Grambow ist stellvertretende Theaterleiterin, zuständig für Sonderveranstaltungen und die Personalplanung von 23 Mitarbeitern. Seit sechs Jahren arbeitet sie in diesem Kino, sie hat schon einige Filmwochenenden erlebt, an denen Massen von Zuschauern ins Kino drängten. Aber so wie diesmal war es noch nie.

„Normalerweise haben wir mit einem starken Start den Markt abgegrast, doch bei ,Ziemlich beste Freunde‘ kamen immer mehr Leute.“ Es kamen Pärchen und Familien, Junge und Alte, Cineasten und Menschen, die sonst nie ein Kino betreten. Es gab Vorstellungen, in denen viel gelacht wurde und solche, in denen die Leute Tränen in den Augen hatten. Ziemlich häufig gingen die Menschen nach dem Film zu Nicole Grambow und ihren Mitarbeitern und bedankten sich.

Erstaunlich simpel

Eine Wolke aus Popcorngeruch erfüllt das Filmtheater. In einer Stunde beginnt die Abendvorstellung, es ist die letzte für „Ziemlich beste Freunde“, ab morgen läuft der Film nur noch nachmittags – nach 14 Wochen. „Im Schnitt laufen Filme hier zwei bis drei Wochen“, sagt Grambow. „Aber für ,Ziemlich beste Freunde‘ habe ich heute schon wieder 39 Tickets verkauft. An einem Mittwoch.“ Grambow schüttelt fassungslos den Kopf, als wäre sie gerade Zeugin eines filmischen Wunders geworden. Und irgendwie stimmt es ja auch.

Das Original: Abdel Sellou, ehemaliger Kleinkrimineller und Krankenpfleger.
Das Original: Abdel Sellou, ehemaliger Kleinkrimineller und Krankenpfleger.
Foto: Berliner Zeitung/Pablo Castagnola

Die Geschichte, die dieses Filmwunder ausgelöst hat, ist erstaunlich simpel: Der aus dem Senegal stammende Kleinkriminelle Driss bewirbt sich pro forma um einen Job als Pfleger, damit ihm das Amt weiterhin Arbeitslosenunterstützung zahlt. Um an die notwendige Unterschrift zu kommen, geht er zu einem Bewerbungsgespräch, das in einer schlossähnlichen Villa stattfindet. Es ist der Hauptwohnsitz des vom Hals abwärts gelähmten, verwitweten Millionärs Philippe. Philippe findet Gefallen an dem respektlosen jungen Mann und stellt Driss gegen dessen ursprünglichen Plan und gegen alle Warnungen als Pflegekraft ein.

Damit beginnt eine Freundschaft, in der Philippe seinem Pfleger die Hochkultur nahebringt, während dieser ihn mit Marihuana und Prostituierten vertraut macht. Nach Autorennen, Gleitschirmfliegen, diversen Tanzeinlagen und einer Menge Gags verkuppelt Driss seinen Freund schließlich. Es ist ein Happy End, zumindest für einen der beiden.

Am Premierenwochenende sahen sich 290.000 deutsche Zuschauer diese Geschichte an, am Wochenende darauf 468.000. Am dritten Wochenende hatte der Film 614.000 Zuschauer. Am fünften knackte „Ziemlich beste Freunde“ die Vier-Millionen-Marke und war damit der erfolgreichste französische Film in Deutschland seit über zwanzig Jahren.

Am siebten Wochenende stieg die Gesamtzuschauerzahl auf über fünf Millionen, am neunten auf über sechs Millionen. Wie in vielen anderen europäischen Ländern lag „Ziemlich beste Freunde“ wochenlang auf Platz eins der Kinocharts. Bis heute haben fast acht Millionen Deutsche den Film gesehen. Das ist die Einwohnerzahl von Köln und Berlin und Hamburg und München – zusammengerechnet. „Dreiviertelmond“, von den für den Bundesfilmpreis nominierten Spielfilmen der erfolgreichste, sahen nur 334.682.

Auch das Buch ist ein Bestseller

Mittlerweile haben der Soundtrack von „Ziemlich beste Freunde“ und die dazugehörigen Bücher die Charts und Bestsellerlisten erobert. Aus dem Filmphänomen ist ein multimediales Phänomen geworden. Und als dann irgendwann Angela Merkel eine Vorstellung besuchte, demonstrativ begleitet von ihrem querschnittgelähmten Finanzminister Wolfgang Schäuble, da war der Film auch in der Politik angekommen.

Dabei fehlt ihm eigentlich alles, was einen Film zum Erfolg macht. Die Hauptdarsteller Omar Sy und Francois Cluzet sind hierzulande unbekannt, der Film ist weder ein Mehrteiler, noch die Adaption eines gefeierten Buchheldens wie Harry Potter, und auch ein großes Werbebudget hatte er zu Beginn nicht. Der Senator-Filmverleih, der die deutschen Rechte gekauft hatte, gab anfangs nur 170 Kopien des Films aus. Hollywood-Blockbuster wie Star Wars 2 starten mit mehr als tausend.

Ein Phänomen, ein Rätsel, ein Wunder! Und gerade deshalb prädestiniert für die Frage, die schon immer Heerscharen von Regisseuren, Produzenten und Drehbuchschreibern bewegt: Was macht einen Film erfolgreich? Warum gehen manche unter? Wieso wird der eine Film von Menschen mit leuchtenden Augen am Arbeitsplatz nacherzählt? Und wieso ist der andere vergessen, noch während der Abspann läuft?

++ Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was der Original-Pfleger über den Erfolg des Filmes denkt ++

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