"Haben Sie von dem Amoklauf gehört", fragt der Mann neben mir in der Kaffeebar. "Sind wir denn im Kino? Im falschen Film?" Man wird diesen Satz wohl häufiger gehört haben am Mittwochmittag. Wenn es schon keine Erklärung gibt für die Tragödie von Winnenden, dann vielleicht doch wenigstens eine Referenz. Warum die Tat geschah, wird man vielleicht nie erfahren. Aber woher der Amoklauf in einer so grausamen Dimension in die deutsche Wirklichkeit hineinplatzt, das glaubt der Mann sofort zu wissen. Er kommt aus dem Kino.
Und wenn es schon keine Bilder gibt wie an diesem Mittwochmittag, dann doch immerhin die Nachbilder unbestimmter Filmerinnerungen.
Gerade erst vor einer Woche startete in deutschen Kinos ein kleiner Hochschulfilm aus München, der in allen Einzelheiten eine Mordnacht in Polen nachstellt. Aus bloßer Neugier fallen darin zwei arbeitslose Jugendliche über einen Passanten her, und als der schwer verletzt entkommt, ermorden sie einfach den nächsten. "Sieben Tage Sonntag": Schon der Titel bietet eine einfache Erklärung für das Unfassbare an, die Langeweile.
Das ist mehr als Gus van Sant in seinem Film "Elephant" anzubieten hatte. Und doch kam er gerade durch die Abwesenheit von Motiven dem Phänomen am nächsten. In klaren, unverstellten Bildern zeigt der Regisseur den Alltag an einer amerikanischen High School. Nichts kündigt das Massaker an, bis ein Jugendlicher seine Waffentasche packt. Bevor er mit einem Gleichgesinnten, ohne mit der Wimper zu zucken, sein schreckliches Werk verrichtet, geht er noch einmal duschen. In Cannes wurde dieser Film seinerzeit zu Recht mit einer Goldenen Palme geehrt, denn er widerspricht radikal den Erwartungen an ein Kinodrama, das mit Erklärungen schnell zu Hand ist.
Das klassische Erzählkino lebt von der Psychologie. In jedem Drehbuchseminar lernt man, dass jede Figur ihre eigene Geschichte besitzt, die ihr Handeln motiviert. Selbst Vampire in einem Horrorfilm tun selten etwas ohne Grund. Und sieht einmal, wie im gleichnamigen Action-Drama mit Charles Bronson, ein Mann "rot" und wird zum blinden Rächer, dann weil vorher Frau und Tochter geschändet wurden. Abel Ferrara münzte dieses Motiv in seinem Film "Die Frau mit der 45er Magnum" um, indem er eine vergewaltigte Frau selbst zur Rächerin werden ließ. Martin Scorseses Klassiker "Taxi Driver" folgte minutiös den Spuren einer krankhaften Persönlichkeitsstörung, wenn ein Mann aus enttäuschtem Eifer erst zum Eiferer wird, schließlich zum Amokläufer.
In Joel Schumachers Film "Falling Down" entwickelt sich Michael Douglas als Arbeitsloser aus aufgestauter Wut zum Schießwütigen. Tatsächlich kündigen viele Amokläufer ihre Taten an, doch es wäre ein Kurzschluss zu glauben, mit etwas mehr gesellschaftlicher Aufmerksamkeit würden sie vorhersehbar oder gar vermeidbar.
Diesen Eindruck weckte der im vergangenen November ausgestrahlte Sat-1-Fernsehfilm "Der Amokläufer - aus Spiel wird ernst". Anja Kling spielt darin eine Lehrerin an einer ostdeutschen Schule. Zufällig nimmt sie die anonyme Ankündigung einer Amoktat entgegen, erhält aber vom Schulleiter aber wenig Aufmerksamkeit. Schließlich verliebt sie sich - im Schatten der Ereignisse - in den Einsatzleiter der Polizei.
Dieses Beispiel ist typisch für den voyeuristischen Umgang mit dieser Form von Gewaltverbrechen in vielen populären Filmen. Einerseits leben sie von den Schauwerten der Gewalttaten und der oft theatralischen Selbstinszenierung durch die Täter. Andererseits lindern sie die kalkulierte Verstörung wieder durch sehr einfache psychologische Erklärungsmuster. Der Täter von Winnenden trug einen Kampfanzug wie die Täter in Gus van Sants Film "Elephant". Oder wie die tatsächlichen Mörder von Columbine, auf deren Taten der Film basiert. Ob Tim K. das Kino oder die Realität motiviert hat, wird man wohl niemals erfahren.
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