Rauch. In dichten, grauen Schwaden zieht er den Waldrücken hinauf. Aus den Blicken der Bauern spricht Furcht: die Kinder, die Alten, der Hof, die Tiere! Alles, woran ihr Herz hängt, in Gefahr. Heinrich Breitenberger (48) lässt die Sense ins Gras fallen. „Oh Gott!“, ruft seine Frau Ilse (36) und presst ihre Hände fest gegen die Brust. Im Ultental beginnen die Sirenen zu heulen. Der Bauer reißt seine Tasche auf, greift nach dem Handy, wählt die Nummer vom Hof, zittert, vertippt sich, „hach“, weiter. Er wählt, es surrt. Sekunden wuchern zu einer gefühlten Ewigkeit. Die sonnenverbrannten Gesichter der Bauern haben ihre Farbe verloren, über Stirn und Wangen rinnt Schweiß hinab. Haben die Buben mit Feuer gespielt? Hat sich das Heu selbst entzündet? Im vorigen Sommer war die Hitze im Stadl schon einmal auf 70 Grad geklettert, trotz neuen Gebläses.
Endlich, Großmutter Walburgas Stimme. „Und?“, ruft Ilse. Heinrich streichelt ihr über die Schulter: „Nicht unser Hof.“ Die Bauern setzen sich ins Gras, mitgenommen, erleichtert, sie schließen die Augen, atmen tief durch. Die Luft duftet nach frisch gehauenen Gräsern, Blumen und Kräutern. Grillen zirpen ringsum, unweit stürzt ein Bach ins Tal, Wind rauscht durch die Wipfel der Fichten und Tannen. Das Paradies am Berg – unten im Tal die Hölle. Die Flammen werden zwei Häuser und Ställe mitsamt dem Vieh verschlingen, die Existenz zweier Familien in Schutt und Asche brennen.
„Ein schauderhafter Wahnsinn“, sagt Ilse immer wieder. „Die armen Leute.“ Dann aber plötzlich, keine fünf Minuten sind vergangen, greift sie nach ihrer Sense, richtet sich auf. Auch ihr Mann, ihr ältester Sohn Julian (16) und Erntehelfer Rüdiger Löwegrün (63) stehen auf. Wortlos arbeiten sie weiter. Die Sonne sticht – ideales Wetter fürs Heuen, da wird jede Minute genutzt. An heißen, trockenen Sommertagen arbeiten die Breitenbergers bis zu 18 Stunden; da gibt es keinen Kirchgang und kein Beinehochlegen am Sonntag.
Ihre Gedanken sind fast immer beim Heu, dem Futter der Kühe. Das Prinzip ist einfach: Geht es den Tieren gut, kann auch die Familie leben. Mit Milch verdienen die Breitenbergers ihr Geld. Bis in den Oktober hinein mähen sie nach und nach das Gras auf ihren 13 Hektar großen Wiesen, lassen es trocknen und fahren es ein. Dabei hilft die ganze Familie.
Weil das aber nicht reicht, sind die Bauern froh über Helfer, die im Stall mitarbeiten, im Haushalt und auf den Wiesen. Manchmal betreuen die Freiwilligen auch die Kinder oder sie kochen, bügeln, putzen. Sie helfen beim Holzholen und bei der Obsternte, machen Marmeladen und Säfte. Vor allem aber werden viele kräftige Hände bei der Heuernte gebraucht, denn an den extremen Hanglagen können die Bauern kaum Maschinen einsetzen.
Rüdiger Löwegrün packt einen Monat lang mit an. Der Frührentner aus Braunschweig hat Schneid, strotzt vor Energie. „Ein zäher Bursche“, sagt Bäuerin Ilse. Er hilft freiwillig und ohne Lohn bei allen Arbeiten, die anfallen. „Ein kommoder Knecht“, lobt Altbauer Rudolf. So, wie es der 78-Jährige sagt, klingt es nicht abschätzig. Vielmehr spürt er, dass Rüdiger eine echte Stütze ist.
Der Deutsche ist einer von circa 1600 Menschen, die jedes Jahr nach Südtirol reisen, wenn Bergbauern unverschuldet in Not geraten sind. Sei es durch einen Unfall, Krankheit oder einen Todesfall. Seit 1996 schickt ein Verein aus Bozen Helfer auf inzwischen 270 Höfe. Im vergangenen Jahr brachten es die Freiwilligen auf 12.112 Einsatztage.
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