Was war das für ein Geschrei: Von "Grabraub" war die Rede, von "Entführung". Der Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) kochte: "Ein Affront". Eine "Nacht-und-Nebel-Aktion", schimpfte der Chef des Landesmuseumsverbandes. Magdeburgs Domprediger war außer sich.
Was war geschehen in Sachsen-Anhalt, dem selbst ernannten "Land der Frühaufsteher"? Anstatt in Freude auszubrechen, war es in den vergangenen Tagen zu einem heißen und seltsamen Streit gekommen. Auslöser war ein Häuflein tausend Jahre alter Knochen. Im November hatten Archäologen im Magdeburger Dom bei Ausgrabungen einen außergewöhnlichen Fund gemacht: Sie entdeckten eine Bleikiste und darin mit hoher Wahrscheinlichkeit die Gebeine der deutschen Königin Editha, die von 910 bis 946 lebte.
Bislang wusste kein Mensch, wo das Grab der Königin war, die aus England nach Magdeburg gezogen war und den deutschen König Otto I. geheiratet hatte. "Der Fund ist eine Sensation", sagte Landesarchäologe Harald Meller am Mittwoch bei der Präsentation des Sarges in Halle.
Weil Kiste und Knochen zerbröselten, schafften die Forscher den Fund im November umgehend ins Landesmuseum Halle, das über moderne Labors verfügt. Und weil Archäologen, geübt im stillen Umgang mit Schäufelchen und Pinselchen, wenig von Politik und sachsen-anhaltinischer Seelennot verstehen, verschwiegen sie erst einmal ihre Sensation.
Niemand wusste etwas, Edithas Reste, ein paar Langknochen und etwas Kiefer, lagen in Halle. In der falschen Stadt.
Ende Januar kam die Sache raus. Magdeburgs Oberbürgermeister hob sofort ab: "Ein Vorgang, der jeden Respekt vor der Geschichte Magdeburgs vermissen lässt", zürnte der Mann. Der Fall schien klar: Editha war entführt worden. Magdeburg, das arme Magdeburg, stand leer da.
Ob sich die Gebeine der Editha im Bleisarg umdrehten, ist nicht überliefert. Der Sensationsfund verwandelte sich in null Komma nichts in ein Politikum und Sachsen-Anhalt in ein Land der Frühaufreger.
Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Sachsen-Anhalt auch im Jahr 20 der Einheit noch immer ohne richtige Identität dasteht. Ein Bindestrichland mit Harz-Anteil und einem knorrigen Regierungschef Wolfgang Böhmer, wirtschaftlich eher dritte Liga, auf der Suche nach sich selbst. Sachsen war immer Musterland, Meck-Pomm Urlaubsziel, Thüringen malerisch. Dresden prächtig, Potsdam herrlich, Erfurt angenehm, Schwerin verschlafen schön, Weimar bedeutend, Görlitz ein Schatzkästchen. Aber Sachsen-Anhalt? Und vor allem Magdeburg? Was fällt einem zu Magdeburg ein?
Die Magdeburger leiden unter der Unscheinbarkeit ihrer Stadt. Im Dreißigjährigen Krieg geschleift, im Zweiten Weltkrieg zerbombt - und jetzt auch noch die Entführung des Editha-Sarges nach Halle. Das war zu viel. "Wir haben doch gerade in den Zeitungen gelesen, wie sich Ostdeutsche fühlen - zwanzig Jahre nach der Einheit", sagte Oberbürgermeister Trümper am Mittwoch mit leichtem Jammerton. "Identität ist für ostdeutsche Städte von zentraler Bedeutung." Und weil Magdeburg offensichtlich ein Loch hat, wo andere Selbstbewusstsein oder Heimatgefühl tragen, muss jetzt die Einwanderin aus Wessex, seit 1063 Jahren tot, ran und die Gemütslücke füllen: "Editha muss identitätsstiftend sein", forderte Trümper von der Verblichenen.
Bis sie das Amt antritt, wird sie nun erst einmal untersucht, gründlich und monatelang. Die Archäologen wollen herausholen aus dem Gebein, was geht: "Man kann feststellen, ob sie Stress oder südenglisches Wasser getrunken hatte", sagte ein Forscher. All das sei möglich.
Am Ende aber kommt sie wieder zurück in den Magdeburger Dom. Dort wird sie ruhen in Frieden. Wenn sie nicht gerade mit Identitätsstiftung beschäftigt ist.
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