Achtung! Halt! Aber nein, schon ist es passiert: Der erhobene Zeigefinger hat auch noch Einzug in die Schriftsprache gehalten – als Ausrufezeichen. Was für ein aufdringliches Ding! Überall mischt sich dieser schnell herbeigefuchtelte Wichtigtuer ein. Er beherrscht uns als Stopper, als Entschleuniger und als Lautrufer, als Bedeutungsanzeiger und Aufmerksamkeitsgebieter. Er gibt uns Befehle und Bedenken zu verstehen: Halte ein, pass auf, denk nach. Die Neugierde und das Habenwollen macht er zum öffentlichen Akt, gibt ihm die genaue Richtung vor und stattet ihn mit dem richtigen Nachdruck aus: Das da will ich wissen und das da ist meins.
Wer den Zeigefinger aufrichtet, hat die Macht und ist im Recht. Oder erhebt zumindest einen solchen Anspruch. Das ist bei Schuldzuweisungen nicht anders als beim Vogelzeigen. Der Zeigefinger ist eine soziale Ordnungsinstanz erster Güte. Wenn er nach hinten gekrümmt wird, also jemanden auffordert, näher zu kommen, nimmt er ihn in die Pflicht; wenn er, scheinbar harmlos, in die Höhe gestreckt wird, um bekannt zu machen, dass einem eine Idee gekommen sei oder man etwas wisse, soll er andere überragen; und wenn er sich über die gespitzten Lippen legt, wird damit keine Zärtlichkeit versprochen, sondern Schweigen geboten.
Der Zeigefinger ist ein autoritärer und polemischer Charakter. Wie ein Verkehrsschild regelt er das zwischenmenschliche Für-, Mit- und Gegeneinander. Unheilvoll pendelt er hin und her und ruft zur väterlichen Ordnung. Durch ihn spricht sogar der Gottvater zu uns, schenkt sich uns und schafft uns überhaupt erst – wie auf Michelangelos berühmtem Deckenfresko „Die Erschaffung Adams“ in der Sixtinischen Kapelle. Hier fließen himmlische Kräfte durch die Glieder, ein Seele verleihender Schöpfungsakt. In seiner populärkulturellen Interpretation kündet noch der leuchtende Zeigefinger des Außerirdischen E.T. von dieser ungeheuren Macht.
Kein grüner Daumen: der Grünen-Vorsitzende Jürgen Trittin im Wahlkampf.
Foto: dapdDer Zeigefinger ist ein Transzendenzorgan. Vor allem, wenn er nach oben zeigt, was er bekanntlich häufiger tut, weist er in jenseitige Regionen, in die Götterwelten; eher selten, um die Götter herauszufordern, sondern zumeist, um von ihnen Beistand und Rechtfertigung zu erbitten. Genau das heißt es, im Namen des Vaters zu sprechen und etwa häusliche Gewalt auszuüben. Oder einfach Tyrann zu sein. Wie aber konnte es dazu kommen? Woher rührt die außerordentliche, dabei jede menschliche Ordnung erst ermöglichende Kraft? Der Zeigefinger ist doch nur ein durch einige Sehnen und Muskeln und etwas Haut zusammengehaltenes Knochenwerk.
Eine kleine Phänomenologie des Fingerns verspricht hier Aufschluss. Dabei fängt alles ganz klein an. Tatsächlich geht es um das Ordnen. Der Indexfinger vereint sowohl eine geistige und sinnliche Dimension, in etwa so, wie es auch in dem Wort Begreifen anklingt; er ist, wenn wir mit seinen elementaren Funktionen beginnen, Zeigen und Bohren zugleich, Erkennen und Stochern. Eine der ältesten Kulturtechniken ist das Sortieren, etwa wenn die sprichwörtliche Spreu vom Weizen getrennt wird oder bei der Beerenlese: Mit Hilfe des Daumens, dem druckvollen Counterpart, stöbert, pickt, schnippt und, schlussendlich, ordnet der Zeigefinger den Besitz.
Kultur heißt nichts anderes, als etwas in eine menschliche Ordnung bringen. Der Zeigefinger ist der mächtige Sortierer, er verfeinert und veredelt, er ist der große kleine Kulturschöpfer. Lassen wir uns nicht beirren von so unbedachten Weisheiten wie die von den Augen als Spiegel der Seele. Wenn etwas für die namensgebende und zugleich kulturschöpfende, die intellektuell-sinnliche Majestät des Menschen steht, dann ist es sein Zeigefinger. Er reicht immer schon über das Individuum hinaus – der Zeigefinger verbindet den Menschen mit seiner Welt. Das tut er übrigens hier und da auch noch auf Computer-Bildschirmen, per Mausklick.
Nicht die Schultern hängen lassen: Arbeitnehmer wirken viel dynamischer, wenn sie gerade sitzen. (Foto: Andrea Warnecke)
Und als sei dies der kulturgeschichtlichen Einsichten nicht schon genug, sollten wir noch auf den Gitarristen Eddie van Halen aufmerksam machen, der in den späten 1970ern die Musikwelt mit seinen furiosen Tongirlanden verzückte. Er tat dies mit dem Zeigefinger seiner Schlaghand, indem er ihn kraftvoll-filigran auf das Griffbrett hämmerte. Dazu musste er allerdings das Plektrum, das von Daumen und Zeigefinger gehalten wird, anderswo unterbringen, etwa auf die schweißnasse Stirn kleben. Andere Gitarristen fanden das zu umständlich, weshalb sie für diese auch Tapping genannte Spieltechnik gleich den Mittelfinger benutzten.
Zeige- oder Mittelfinger – ein bis heute schwelender Streit unter Gitarristen. Übrigens kein Einzelfall, denn auch unter Kontrabassisten ist umstritten, ob sie ihr Instrument mehr mit dem Zeige- oder mit dem Mittelfinger zupfen. Tja, so sehen heute Kulturkämpfe im Zeichen des Zeigefingers aus. Sie künden von der ungebrochenen Macht unseres Transzendenzorgans. Apropos Kampf und Streit: Das merkwürdige Verbot, mit dem Finger auf andere Menschen zu zeigen, ist bloß ein in Vornehmheit gekleideter Aberglaube; man dachte dereinst, böse Krankheiten übertrügen sich durch den kecken Fingerzeig.
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