„Sie hatten noch ihr ganzes Leben vor sich – Geburtstage, Schulabschlüsse, Hochzeit, eigene Kinder“, sagt Präsident Präsident Obama mit leicht monotoner Stimme. Dann kann er für einen Moment nicht weiter sprechen. Der Massenmord an 20 Kindern und sechs Erwachsenen in einer Schule in Newtown (Connecticut) erschüttert ihn sichtlich. Was soll der Präsident auch sagen, das den Eltern der ermordeten Mädchen und Jungen oder den Familien der anderen Opfer hilft? Er kann lediglich sein ehrliches Mitgefühl zeigen.
Obama weiß das. Schon etliche Male musste er als Trauerredner der Nation sprechen. Im Juli nach dem Massaker in einem Kino in Aurora, dem 20 Menschen zum Opfer fielen, im August nach dem Überfall auf einen Tempel der Sikh in Oak Creek, bei dem der Mörder sechs Menschen tötete und drei verletzte, im September nach einem Amoklauf in Minneapolis, bei dem ebenfalls sechs Tote und drei Verletzte zu beklagen waren.
Und nun kurz vor Weihnachten schon wieder. In jedem Jahr seiner Amtszeit war er wenigstens einmal mit einem Massaker konfrontiert, dem zahlreiche Menschen zum Opfer fielen und das noch viel mehr traumatisierte. Und jedes Mal hat der Präsident verlangt, dass endlich etwas gegen diese Form von Gewalt getan werden müsse. Vergebens.
„Wir als Nation haben in den letzten Jahren zu viele dieser Tragödien erlebt“, sagt Obama dennoch erneut am Samstag und fordert, dass nun „bedeutsame Maßnahmen ergriffen werden, um weitere Tragödien wie diese künftig zu verhindern – ungeachtet der Politik.“ Ungeachtet der Politik? Das klingt gut und ist zugleich vollkommen unrealistisch. Das Thema Waffenrecht ist hoch politisiert. Die Konservativen betrachten jede Einschränkung als einen verfassungswidrigen Eingriff in ein Grundrecht der Amerikaner, das im zweiten Verfassungszusatz festgeschrieben sei. Und der Supreme Court hat diese Sicht 2010 sogar bestätigt.
Propaganda der Waffenlobby wirkt
Dieses Urteil und zuvor schon die stets massive Propaganda der enorm einflussreichen Waffenlobby NRA (National Riffle Association) haben in den vergangenen 20 Jahren zu einer deutlichen Änderung der öffentlichen Meinung geführt. War in den Neunzigerjahren noch eine klare Mehrheit von fast 80 Prozent für strengere Waffengesetze, fand eine Umfrage des Pew Center im April diesen Jahres heraus, dass nun 49 Prozent der Amerikaner das Recht auf Waffenbesitz stärker geschützt sehen wollen und nur noch 45 Prozent eine Verschärfung des Waffenrechts unterstützen. Kein Wunder, dass die Demokraten und Obama während der vergangenen Jahre (besonders während des Wahlkampfes) das Thema nicht offensiv angingen.
Doch der Amoklauf von Newtown könnte, ja muss endlich ein Wendepunkt sein. Denn er führt noch drastischer als die letzten Massenmorde von Amokläufern vor Augen, das ein zu laxes Waffenrecht für den Tod von so vielen Kindern mitverantwortlich ist. Der Täter gelangte problemlos an Waffen, die legal von seiner Mutter erworben worden waren. Darunter ein Bushmaster .223 Sturmgewehr, also wie bei zahlreichen anderen Amok-Massakern eine halbautomatische Waffe, mit der sich in schneller Folge tödliche Schüsse abgeben lassen. Wer einen kleinen Eindruck von dem Gewehr gewinnen will, schaue sich dieses harmlose Home-Video an:
Was also müsste geschehen? Zuallererst müssten die Käufer von Waffen intensiver überprüft werden – und zwischen dem Kauf und der Aushändigung der Waffe sollte eine Frist von mindestens einer Woche oder länger liegen, um spontane Taten zu erschweren. Auch wäre es sinnvoll, dass Waffenkäufer Bürgen benennen, wie es in Kanada üblich ist. Außerdem müsste endlich gewährleistet werden, dass alle Waffenhändler eine Lizenz haben und sich die Verkäufe genau kontrollieren lassen. Erstaunlicherweise ist das bisher nicht so, da zumal auf Waffenmessen auch unlizenzierte Händler Waffen verkaufen dürfen. Ihr Anteil am Waffenhandel beläuft sich auf sage und schreibe etwa 40 Prozent. Vom Handel gänzlich ausgeschlossen werden müssten auf jeden Fall halbautomatische Waffen und die dazu gehörigen großen Munitionsmagazine. Auf diese Weise könnte kein Täter mehr in Sekunden zig Menschen töten. Zudem gälte es die Zahl der Waffen und der Munition zu begrenzen, die ein Bürger besitzen darf. Und, und, und – die Liste sinnvoller Maßnahmen ließe sich noch eine Weile fortsetzen.
Australien zeigt, dass es funktioniert
Sicher, schärfere Waffengesetze werden Gewalttaten ebenso wenig verschwinden lassen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen verhindern, dass Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen. Es würde sicher noch Amokläufe geben. Doch es würden weit weniger sein als in den vergangenen Jahren. Australien ist dafür ein guter Beleg. Nach einem Massenmord mit 35 Toten im Jahr 1996 verschärfte das Land sein Waffenrecht deutlich und kaufte von Privatleuten unzählige Waffen zurück. Das Ergebnis: Hatte es in den 18 Jahren vor der Reform 13 Amokläufe gegeben, ist es seitdem nur zu einem einzigen weiteren Massaker gekommen. Und die Zahl der Morde durch Schusswaffen ist um 40 Prozent zurückgegangen.
Newtown versammelt sich am Sonntag zu einer zentralen Gedenkfeier.
Foto: AFPDoch selbst wenn das Waffenrecht gründlich reformiert würde, bliebe immer noch die Frage, warum die Gewalttätigkeit in der amerikanischen Gesellschaft erheblich größer ist als etwa in Kanada oder westeuropäischen Staaten. Diese Frage trieb zu Recht Michael Moore in seinem Film „Bowling for Columbine“ um, als er versuchte, die Motive für den Amoklauf in Littleton zu ergründen. Zu einem überzeugenden Ergebnis kommt er leider genauso wenig wie viele andere.
Mit der Frontier-Mentalität lässt sich die Neigung zu Gewalt jedenfalls wohl kaum noch erklären. Es scheint jedoch klar, dass die USA das Ausmaß der Gewalttätigkeit erst vermindern werden, wenn sie deren Ursachen besser ergründen und bekämpfen. Und das wird noch weit schwerer als neue Waffengesetze zu erreichen.
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