Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

16. August 2012

Konflikt in Syrien: Schätze der Menschheit

 Von Martina Doering
Die Omajjaden-Moschee. 

Aleppo gilt als eine der ältesten Kulturstätten der Welt. Nun ist die syrische Stadt ein Schlachtfeld. Der Krieg bedroht die Einwohner – und auch historische Kostbarkeiten

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Die Aleppiner gelten als nüchtern und wendig. Sie handeln, kaufen und verkaufen, aus politischen Turbulenzen halten sie sich nach Möglichkeit heraus. Die vorsichtige Haltung der Bürger hat Aleppo – im Arabischen: Haleb – in seiner langen Geschichte nicht vor Krieg und Zerstörung bewahrt. Von den Kämpfen nach Ausbruch des Aufstandes in Syrien im März 2011 aber schienen die Aleppiner verschont zu bleiben. Bis Mitte Juli. Da drängten die Regierungstruppen die Aufständischen in Damaskus zurück, und die oppositionelle Freie Syrische Armee verkündete die Operation Vulkan zur Eroberung von Aleppo.

Jetzt wollen alle für diese Stadt sterben: „Wir siegen oder geben unser Leben hin“, erklärte ein Kommandeur der Rebellen einer Handvoll ausländischer Journalisten in Aleppo. Und die Staatszeitung Tischrin von Präsident Baschar al- Assad titelt: „Das ist die Mutter aller Schlachten.“ In Syrien sollen seit Beginn des Aufstandes bereits Tausende Menschen gestorben sein. Wie viele Tote es in Aleppo sind, weiß man nicht. Die Stadt ist zum Schlachtfeld geworden.

Quelle des Stolzes

Revolutionen zerstören Systeme und bauen neue Gesellschaften auf Toten und den Trümmern der alten Gesellschaft auf. Das mit den Trümmern ist wörtlich zu nehmen: Von den Kämpfen sind in Aleppo offenbar noch immer nur die Außenbezirke und neuen Viertel der in den letzten Jahren wild nach allen Seiten wuchernden Stadt betroffen. Doch über der Zitadelle im Zentrum fliegen Militärhelikopter und Kampfflieger, eine Granate der Rebellen traf das Eingangstor. Die Straßenschlachten mit Granaten, Haubitzen, Mörserraketen und Panzern nähern sich angeblich der Innenstadt.

Seit dem Jahr 1986 gehört die Altstadt zum Weltkulturerbe der Unesco, seit 2006 ist sie Kulturhauptstadt des Islam. „Wir drängen alle Parteien, das große syrische Erbe der Vergangenheit zu respektieren und zu schützen. Es stellt eine Quelle der Identität und des Stolzes für das Volk dar“, flehte gleich nach Beginn der Rebellen-Operation Vulkan im Juli die Unesco-Generaldirektorin Irina Bokova. Alle Parteien sollten internationale Verpflichtungen einhalten.

Viel Hoffnung, dass die Generaldirektorin erhört wird, gibt es nicht. Menschen fallen Kriegen und Bürgerkriegen zum Opfer und zwangsläufig auch die Zeugnisse der Vergangenheit. Historische Gebäude, Monumente und Anlagen werden zerstört, Museen und archäologische Stätten geplündert. So geschah es in jüngster Zeit in Afghanistan, im Irak, in Mali. Jetzt bahnt sich eine solche Zerstörung in Aleppo und in vielen Teilen Syriens an, und es drohen wie im Irak und in Afghanistan auch Raubgrabungen und Plünderungen.

Kreuzung wichtiger Karawanen- und Schifffahrtswege

Viele Städte im Orient nehmen für sich in Anspruch, zu den ältesten bis heute besiedelten Metropolen der Welt zu gehören. Aleppo behauptet dies zu Recht. Der Ort ist schon mindestens seit 5 000 Jahren bewohnt, etwa 1 000 Jahre vor der Gründung von Rom und Byzanz soll es bereits die Residenzstadt eines eigenständigen Königreichs gewesen sein. Die ersten Bauten entstanden auf dem natürlichen Berg im heutigen Zentrum, wo sich weithin sichtbar und mächtig die Zitadelle erhebt. Großflächige Ausgrabungen sind dort nicht möglich. Doch 1929 hat man dort erste Hinweise auf einen Tempel für den Wettergott Hadad gefunden, Teile durften seit 1996 durch ein syrisch-deutsches Archäologen-Team Teile freigelegt werden. Der Fund gilt als eine Sensation und als einer der wichtigsten des 20. Jahrhunderts. Datiert wird der Tempel auf das dritte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, seine vermutete Ausdehnung könnte alles übertreffen, was bisher im Alten Orient entdeckt worden ist.

Was diese Stadt zu allen Zeiten so attraktiv machte, war die Lage: Haleb/Aleppo befand sich in der Antike im Grenzbereich mehrerer Großreiche, knapp zwei Jahrtausende lang verliefen hier die wichtigsten Handelsrouten, kreuzten sich Karawanen- und Schifffahrtswege: aus Mesopotamien, dem heutigen Irak, aus dem Süden bis Indien, aus Anatolien und dem Westen jenseits des Meeres. Über Haleb, so schrieb der deutsche Reisende Carsten Niebuhr noch im 18. Jahrhundert, „gehen alle Waren, die über das Mittelländische Meer und aus türkischen Häfen durch die Wüste nach Mosul, Bagdad, Basra und auch nach Indien und Persien gesandt werden“.

Eroberer und Gäste hinterließen Spuren

Die Stadt profitierte davon, war reich und deshalb auch immer begehrt: Hethiter, Assyrer und Babylonier, Perser, Griechen und Römer eroberten sie. Die Araber besetzten sie kampflos im 7. Jahrhundert, unter einem Enkel Dschingis Khans fielen die Mongolen ein, die Kreuzritter standen vor ihren Mauern. Später gehörte Aleppo zum Osmanischen Reich, dann zum Herrschaftsbereich der Franzosen. Alle diese Völker – ob ungebetene Gäste wie die Eroberer oder willkommene Besucher wie die Venezianer, die Franzosen und die Engländer als Handelspartner vom 16. Jahrhundert an – nahmen Einfluss auf die Bürger. Die Aleppiner gelten noch immer als die weltoffensten im ganzen Orient. Aber Eroberer wie Gäste hinterließen auch ihre Spuren, verewigten sich mit Bauten, Denkmälern und Staturen, veränderten und prägten das Bild der Stadt.

Ihr Zauber nahm Reisende zu allen Zeiten gefangen. Sie kamen auf Kamelen oder Pferden, später mit Automobilen oder der Bagdad-Bahn. Sie waren überfallen und ausgeraubt worden, hatten sich wochenlang durch Sand oder tagelang über unbefestigte Straßen dorthin gequält, in verwanzten Herbergen und Karawansereien geschlafen. „Aleppo ist unstreitig die bestgebaute Stadt im Türkenreich“, schreibt der Schweizer Orientreisende Johann Ludwig Burkhardt, der im Auftrag der britischen African Association als Geheimagent unterwegs ist und 1809 Aleppo erreicht. Für den deutschen Carsten Niebuhr ist Aleppo 1766 „eine der schönsten Städte im Türki-Reich“, also im Osmanen-Reich.

Die Omajjaden legten den Grundstein für den überdachten Suk, das Marktviertel mit seinen heute insgesamt zwölf Kilometer langen Ladenstraßen. Es ist der größte Basar der Welt und der „schönste und größte, den ich je gesehen habe“, wie der arabische Reisende Ibn Battuta im 14. Jahrhundert schwärmt. Groß und schön ist das Marktviertel bis auf den heutigen Tag geblieben mit seinen endlosen Ständen, an denen die berühmte Olivenseife aus Aleppo verkauft wird; mit seinen Straßen der Gold- und Silberschmiede, dem sich die Gassen der Stoff-Verkäufer anschließen. Sie bieten noch immer die berühmten syrischen Seidenbrokate an, aber vor allem billige Polyester-Ware aus China.

Agatha Christie auf Expedition

Der Basar, die Karawansereien und Moscheen, die Badehäuser, die Islamschulen und die palastartigen Kaufmannsvillen der Altstadt mit ihren Holz-Erkern und den Innenhöfen mit Brunnen und Gärten wurden durch die behutsame Altstadtsanierung in den vergangenen zwei Jahrzehnten in alt-neuer Schönheit wiedergeboren. Die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit restaurierte dort in den vergangenen Jahren nicht nur 70 Prozent des Trinkwasser- und Kanalsystems, sondern in Kooperation mit den Bewohnern und dem Aga Khan Trust for Culture auch die Bürgerhäuser.

Und jetzt droht Chaos. Für Diebe, deren Abnehmer und internationale Sammler kann das interessant und lukrativ werden. Syrien ist eine Schatzkammer für antike Artefakte, Statuen, Keramiken und Keilschrifttafeln, für Juwelen und Figuren aus Gold und Edelstein. Aleppo und seine weitere Umgebung sind dabei besonders interessant. Die Stadt war nicht nur ein Tor zum Norden für Händler und Geschäftsreisende, es war in den vergangenen Jahrhunderten und bis noch vor einigen Monaten auch die Ausgangsbasis für viele Archäologen. Von hier aus brachen sie zu den Ausgrabungsstätten im Norden auf.

Bürger- und Kaufmannshäuser in der Altstadt aus der Zeit der Osmanenherrschaft.
Bürger- und Kaufmannshäuser in der Altstadt aus der Zeit der Osmanenherrschaft.
Foto: imago stock&people

Der britische Diplomat Lawrence von Arabien kam zwischen 1911 und 1914 immer wieder nach Aleppo, als er an den Ausgrabungen in Karkemisch teilnahm. Die britische Krimi-Schriftstellerin Agatha Christie und ihr Archäologen-Gatte reisten in den Dreißigerjahren von hier aus in Richtung türkische Grenze, um die sogenannten Tells zu erforschen und einen geeigneten Ausgrabungsplatz zu finden. Max von Oppenheim machte in Aleppo in den Zwanzigerjahren Station. Der deutsche Diplomat und Archäologe grub ab 1911 am Tell Halaf einen Tempel aus und machte dabei spektakuläre Funde: monumentale Götterstatuen, Reliefplatten, Keramiken. In der antiken Stadt Ebla am Tell Mardikh, etwa 55 Kilometer südwestlich von Aleppo, arbeitete in den Sechziger- und Siebzigerjahren ein italienisches Team und fand dort eine Bibliothek von über 20 000 Keilschrift-Tontafeln aus dem 3. Jahrtausend vor unserer Zeit. Erst im Jahr 2009 entdeckten Tübinger Wissenschaftler westlich von Aleppo unter dem Königspalast von Qatna aus dem 14. Jahrhundert vor unserer Zeit eine 3 500 Jahre alte Felsengruft, mit Goldbeigaben, Keramiken und Steinplastiken. Und am Tell Halaf, wo Max von Oppenheim einen Tempel entdeckte, gräbt seit 1996 wieder ein deutsch-syrisches Archäologenteam.

Erste Bilanz der Schäden

Schon die für Herbst angesetzten Grabungen mussten sie wegen des Aufstandes absagen, berichtet Lutz Martin, Mitarbeiter des Vorderasiatischen Museums in Berlin und Leiter dieser Ausgrabung. Ein Wächter wird bezahlt, der die Ausgrabungsstätte, die Depots mit den Fundstücken – zumeist Keramikscherben – sowie die Gerätschaften schützt. Über Telefon halten Martin und seine deutschen Kollegen zu ihren syrischen Mitarbeitern Kontakt. Obwohl Tell Halaf nahe der türkischen Grenze liegt, machten sich dort bisher weder Raubgräber zu schaffen, noch sei das Gebiet unmittelbar von Kämpfen betroffen. „Aber es wird immer schwieriger, den Lohn an die Antikenverwaltung zu transferieren, die das Geld dann weiterleitet“, sagt Lutz Martin. Bisher klappt es noch. „Doch wenn Assad stürzt, die öffentliche Ordnung zusammenbricht und die Beamten in der Verwaltung kein Gehalt mehr bekommen“, vermutet der Archäologe, „dann wird es damit vorbei sein.“ Der Wächter und die rund hundert Einwohner aus den umliegenden Ortschaften, die bei den Grabungen bisher beschäftigt wurden, würden sich dann wohl andere Einkommensquellen erschließen.

Erste Meldungen über Zerstörungen und Raubgrabungen gibt es bereits. Doch verhält es sich damit so wie mit den Nachrichten über die Zahl der Toten, der eroberten Territorien, der Verantwortung für Massaker oder andere Gräueltaten – die Informationen lassen sich nicht überprüfen. Aus Video-Berichten von Syrern und Informationen syrischer Archäologen und Museumsmitarbeiter, aus Meldungen der Facebook-Gruppe „Patrimoine Archeologique Syrie en danger“ hat der Global Heritage Fund immerhin eine erste Bilanz zusammengetragen: Das Gelände um die Zitadelle bei Apameia – eine antike Stadtanlage – sei im Frühjahr diesen Jahres bombardiert worden, berichtet die Archäologin Mathilde Gelin vom französischen Orient-Institut aus Beirut. Bulldozer brachen Schneisen in die Mauern. In Homs wurden bei den Bombardements historische Viertel beschädigt oder zerstört, in Daraa nahm eine Moschee aus dem 7. Jahrhundert Schaden. In den Mauern der Kreuzritterburg Krak des Chevaliers klaffen Breschen, in Palmyra gibt es erste Raubgrabungen. In Ebla wird nach Keilschrifttafeln gesucht.

Zerstörte Götterstatuen

Wie im Irak sind auch die Museen in Syrien in Gefahr. In Idlib wurde das kleine Museum gestürmt und geplündert. Mitte April berichtete die Polizei in Tartus, sie habe in einem Bus rund 1 300 Antiken beschlagnahmt. Gesichert ist der Bericht über einen Raub aus dem Museum in Hama vor gut einem Jahr, bei dem eine rund 10 000 Jahre alte Gold-Statue verschwand. Die Diebe wurden gefasst, das Kleinod blieb verschwunden.

In Aleppo ist vor allem das Nationalmuseum wegen seiner unschätzbaren Exponate gefährdet. Das 1928 eröffnete Museum besitzt eine der größten altorientalischen Sammlungen der Welt. Seine Eingangstore werden von mächtigen, schwarzen Kolossen flankiert, Kopien jener Götterstatuen, die Max von Oppenheim bei seinen Ausgrabungen am Tell Halaf fand. Die Originale der Statuen brachte er nach Berlin, wo sie ab 1930 in einer zum Museum umfunktionierten Maschinenhalle in Berlin-Charlottenburg ausgestellt waren – bis sie im November 1943 in einer Bombennacht völlig zerstört wurden.

Nun ist der Krieg nach Syrien gewandert. Nun sind auch die in ihrer Heimat verbliebenen, bisher unversehrten Teile dieser einzigartigen Sammlung bedroht. Weil der Krieg Menschen tötet. Und immer auch ihre Kultur zerstört.

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