"Höchste Managerin der Schweiz macht Babypause" jubelten Schweizer Boulevardblätter. "16 Wochen Selbstverwirklichung" polemisierte die Weltwoche. "Vorübergehender Führungswechsel bei ABB Schweiz" nannte es der Konzern schlicht in einer internen Nachricht. In dieser wurde zur allgemeinen Überraschung kurz mitgeteilt, dass Jasmin Staiblin, Vorsitzende der Geschäftsleitung, für vier Monate den in der Schweiz üblichen Mutterschaftsurlaub angetreten habe.
Mit 39 Jahren ist Jasmin Staiblin zwar keineswegs zu alt, um Mutter zu werden - aber offenbar hatte niemand erwartet, dass sie eine Babypause machen würde. Nicht einmal diejenigen, die sie bei einer von der Presse begleiteten Grundsteinlegung für eine Fabrik des international tätigen Technologiekonzerns einen guten Monat zuvor hochschwanger erlebt hatten.
Jasmin Staiblin, 39, sorgt in der Schweiz für Debatten. Die Vorsitzende der Geschäftsleitung des Technologiekonzerns ABB Schweiz hat kürzlich ihren 16-wöchigen Mutterschaftsurlaub angetreten - und damit eine Diskussion entfacht, ob eine Konzernlenkerin in Krisenzeiten einfach zu Hause bleiben darf.
Die Deutsche studierte Elektrotechnik und Physik an der Universität Karlsruhe und an der Königlich-Technischen Hochschule Stockholm. 1997 wurde sie Forschungsassistentin bei der ABB Schweiz. 2006 war sie bis in die oberste Führungsebene aufgestiegen und wurde Landeschefin der Schweizer ABB.
Es erschien den Menschen in der Umgebung der Wirtschaftskapitänin wohl allzu unwahrscheinlich. Der Anteil an Frauen in der Geschäftsleitung liegt in der Schweiz zurzeit bei mageren fünf Prozent. Und die meisten bleiben kinderlos.
Außerdem gehört Staiblin zu den Wirtschaftsgrößen, die Berufliches und Privates strikt zu trennen vermögen. Sie trug weder demonstrativ ihren Bauch zur Schau noch erklärte sie in einer Homestory, wie sie Betreuung und Erziehung zusammen mit ihrem Partner organisieren wolle. Ebensowenig nahm sie ihre Schwangerschaft zum Anlass, um auf Seiten der Frauenbewegung für die Vereinbarkeit von Beruf und Mutterschaft zu kämpfen. Enttäuscht stellte die Schweizer Presse fest: noch nicht mal Geschlecht, geschweige denn der Name des Neugeborenen seien bekannt. Auch wisse niemand, wer der Vater sei.
"General" lässt seine "Armee" nicht alleine
Anfangs interessierte sich auch niemand dafür. Bis die Weltwoche - Jasmin Staiblin war zu dieser Zeit erst wenige Tage im Mutterschaftsurlaub - Wirtschaft mit Krieg, ein Unternehmen mit einer Armee und den Unternehmensführer mit dem General verglich: "Würden Sie Ihre Armee einem General anvertrauen, der sich im Krieg aus familiären Gründen beurlauben lässt?", fragte Verleger und Chefredaktor Roger Köppel.
Darf es also sein, dass die Chefin der ABB Schweiz, verantwortlich für vier Milliarden Franken Umsatz und 6300 Mitarbeiter, einfach in den Mutterschaftsurlaub geht? Die Antwort der Weltwoche: "Wenn die ABB Schweiz in der schwierigsten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg während 16 Wochen auf ihren Chef verzichten kann, dann ist es der falsche Chef." Nach dem Kind war jetzt der Skandal geboren - und nun wollten alle auch alles über Jasmin Staiblin wissen.
Kaum ein Medium, das sich nicht bei der Medienstelle der ABB Schweiz gemeldet hätte. Jeder wollte ein Interview mit der jungen Mutter. Keiner bekam es. Die freundliche, aber bestimmte Auskunft lautete: "Frau Staiblin ist in Mutterschaft und gibt keine Interviews." Das ist nur konsequent für eine Frau, die schon immer über ihr Privatleben geschwiegen hat. Aber ist es auch verantwortungsvoll? Gelassen antwortete auf diese Frage Peter Smits, der Stellvertreter Jasmin Staiblins während deren Mutterschaftsurlaubs: "Kein Chef führt eine Firma ganz allein."
Er muss es wissen, ist er doch verantwortlich für ABB Zentraleuropa, wozu auch die Schweiz gehört. Die Stabsübergabe war also gut vorbereitet, ABB schien mit der Situation zurecht zu kommen.
Inzwischen waren die im Vergleich zu Deutschland sonst nicht gerade polemikbegabten Schweizer in Rage: "Maul halten, Köppel" hieß es, oder "Bravo, weiter so, Frau Staiblin". Und die, die so sprachen, wurden in den folgenden Leserbriefdebatten als "Rabenmütter" und "Pol-Pot-Emanzen" beschimpft. Die Weltwoche legte mit einem weiteren Editorial nach. Diesmal widmete sich Roger Köppel dem Lob der Frauen. Nicht aller Frauen natürlich. Sondern nur derjenigen, die bei den Kindern zu Hause bleiben.
Denn keiner könne besser ein Kind erziehen und pflegen als eine Frau, schrieb Köppel. "Frauen" - diese Ungerechtigkeit der Natur wurde nun endlich auf den Punkt gebracht - "haben gegenüber Männern einen eindeutigen, unerreichbaren Wettbewerbsvorteil, wenn es um die Erziehung und Pflege der eigenen Kinder geht." Kurzum: "Auf Väter kann man verzichten. Mütter sind unersetzlich." Ein begeisterter Leser kommentierte: "Pflichtlektüre vor jeder Trauung."
Der Vorwurf, den sich Frau Staiblin gefallen lassen musste, lautete nun nicht mehr, wie sie es verantworten könne, ihre Firma für vier Monate Mutterschaftsurlaub zu verlassen, sondern wie sie es verantworten konnte, nach Ablauf dieser vier Monate wiederum ihr Kind für ihre Arbeitsstelle zu verlassen. Was sagt Frau Staiblin zu dieser neuen Provokation? Sie schweigt und ist weiterhin nicht zu sprechen. Mutterschaftsurlaub bleibt Mutterschaftsurlaub. Ein weiterer Anruf bei dem Leiter der Medienstelle der ABB Schweiz: "Wird Frau Staiblin für Interviews zu ihrer Mutterschaft bereit sein, wenn sie zurück sein wird?" - "Ich vermute, eher nicht."
Vielleicht will Jasmin Staiblin einfach nur als Chefin eines Industriekonzerns wahrgenommen werden - wie ihre männlichen Kollegen. Alles andere geht nur Staiblin und ihre Familie etwas an. Auch das ist Professionalität.
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