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Rätselhafte Zeitungsannoncen: Koslovskis Geheimnis

Eine Serie von rätselhaften Anzeigen im Bremer Weser-Kurier hat zahlreiche Hobbykommissare im Internet beschäftigt. Die Lösung offenbarte sich erst Monate später.

Das Logo von Aldi Nord.
Das Logo von Aldi Nord.
Foto: dpa

Im wahren Leben geht es manchmal zu wie im Krimi. Vor neun Monaten startete im Bremer Weser-Kurier eine Serie rätselhafter Zeitungsannoncen.

Nur wenigen fiel im Mai zunächst diese Familienanzeige auf: „Wir danken allen, die uns bei der Pflege unserer Mutter „ERNA KOSLOVSKI“ so aufopfernd geholfen haben. Besonders danken wir Herrn Michael Schmitz. Bitte melden Sie sich bei uns. Familie Koslovski. K 612877550901.“

Eine skurrile Anzeigenserie weckte die Neugier der Leser des Weser-Kuriers.
Eine skurrile Anzeigenserie weckte die Neugier der Leser des Weser-Kuriers.

Kaum zu übersehen waren aber die Annoncen im Juni: Mehrere Tage hintereinander dankte Familie Koslovski gleich fünf Freunden aus ganz Deutschland für ihre Hilfe. Sie wurden mit Namen, Postleitzahl ohne Ortsnamen, Straße und Hausnummer aufgelistet. Die Personen waren offenbar erfunden, aber laut Internet-Kartendienst Google-Maps gibt es vier der fünf Adressen tatsächlich. Am Fuß der Anzeige dann wieder die lange Zahl, diesmal als „Notfall-Tel.-Nr.“ bezeichnet. Jetzt häuften sich die Spekulationen in Internet-Foren: War das der Beginn einer Werbekampagne? Wollten sich Terroristen verabreden? Oder waren es Botschaften an einen Entführer oder einen Erpresser? Steckte hinter den Zahlen vielleicht eine Kontonummer? Oder waren darin die Längen- und Breitengrade für die Lösegeldübergabe verborgen? Einer machte sich die Mühe, die Buchstaben von „Erna Koslovski“ neu zusammenzuwürfeln.

Mit Computerhilfe kam er auf 1182 Kombinationen, darunter „Inkasso Volker“ und „Kassler Konvoi“. Sogar im Internetnetzwerk Facebook wurde eine Seite „Der Fall Koslovski“ eingerichtet; fast 450 Hobbykommissare rätselten dort mit. Besonders aufmerksame Leser entdeckten auch noch kleinere Anzeigen, in denen zum Beispiel ein Grillfest angekündigt wurde – mit dem Zusatz: „wir warten auf Eure Nachricht.“

Hilfe von Kommissar Zufall

Auf Nachrichten von der Polizei mussten auch anfragende Journalisten warten: Ja, es gehe um eine Erpressung, raunten Polizisten im Juni 2010. Mehr verrieten sie nicht. Die Medien sollten bitte nichts schreiben, weil der Fall noch nicht abgeschlossen sei. So ging das monatelang weiter: Jede Anfrage wurde abgeblockt. Auch dann noch, als der mutmaßliche Täter inzwischen längst gefasst war und in Untersuchungshaft saß. Diesmal wurde die (inzwischen womöglich rechtswidrig gewordene) Auskunftssperre damit begründet, dass die erpresste Firma geschützt werden solle.

Erst eine Terminankündigung des Landgerichts Essen lüftete weitgehend das Geheimnis: Am heutigen Dienstag, 1. Februar, beginne ein Prozess gegen den mutmaßlichen Erpresser eines „weltweit operierenden Discount-Handelsunternehmens“ – nach FR-Informationen ist es Aldi-Nord in Essen. Ein 66-Jähriger aus dem niedersächsischen Oldenburg habe seit März 2010 unter dem Pseudonym „Koslovski“ 800 000 Euro verlangt und von dem Unternehmen Antworten per genau vorgegebenen Zeitungsannoncen gefordert. Als Druckmittel habe er „manipulierte Flaschen Apfelschorle“ in zwei genau beschriebenen Filialen platziert und in einer Bremer Niederlassung Textilwaren mit Schwefelsäure unbrauchbar gemacht.

Nach „zahlreichen weiteren Drohungen“ habe der Konzern zweimal vergeblich eine Geldübergabe versucht. Im September sei der Mann ermittelt und festgenommen worden.

Die meisten Internet-Spekulanten hatten also recht: Dem Erpresser sollten Botschaften übermittelt werden, zum Beispiel zu den Umständen der Geldübergabe. Welche Verschlüsselung dabei angewendet wurde, bleibt aber weiter im Dunkeln. Gefasst wurde der Angeklagte übrigens mit Hilfe von Kommissar Zufall: Nach Informationen der FR durchsuchte die Polizei seine Wohnung wegen Erschleichens eines Kredits – und fand dabei Hinweise auf Erna Koslovski.

Was Aldi zu dem Fall sagt? Nichts - wegen des laufenden Verfahrens. Dabei hätte der Konzern durchaus Beruhigendes mitzuteilen: Seine Kunden seien nicht in Gefahr geraten, sagte ein Gerichtssprecher zu unserer Zeitung, denn die mit Lösungsmitteln versetzten Apfelschorle-Flaschen hätten beim Öffnen stark gerochen und wären deshalb bestimmt nicht ausgetrunken worden.

Autor:  Eckhard Stengel
Datum:  31 | 1 | 2011
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