Vor zweieinhalb Jahren hat sich das Leben von Rike Drust schlagartig verändert. Vor zweieinhalb Jahren ist ihr Sohn Oskar auf die Welt gekommen und die 35-Jährige war auf einmal Mutter. Über ihr neues Leben hat sie ein Buch geschrieben.
Doch „Muttergefühle. Gesamtausgabe“, so der Titel, unterscheidet sich von vielen anderen Büchern übers Kinderkriegen. Hier geht es nicht um die richtige Temperatur der Fläschchen oder das beste Holz für Spielzeug. „Muttergefühle“ ist ein Antiratgeber-Ratgeber. Die Kapitel tragen Überschriften wie „Mein Bauch gehört mir. Und der Rest auch.“ oder „Der Hass auf Verwandtschaft ohne Feingefühl“. Die Werbetexterin und Journalistin schreibt deftig, pointiert, aber vor allem sehr ehrlich darüber wie es war, als ihr Mann und sie mit dem Kind auf einmal eine Familie waren. Sie legt dar, wie sich der Rest der Welt verhalten, aber vor allem eingemischt hat und schreibt über die eigenen Probleme eine neue Rolle zu finden. Sie erzählt, wie sie auf einmal ständig das Gefühl hatte alles falsch zumachen: Das Essen ist nicht Bio genug, sie hat zu früh abgestillt und überhaupt scheint jeder, von den fremden Müttern auf dem Spielplatz bis zu den Experten in Zeitschriften, besser zu wissen, was gut für ihren kleinen Oskar ist.
Langeweile beim Füttern
Die ganze Last der Mutterrolle liegt auf einmal auf ihren Schultern: Sie geriet in Panik, weil sie die Gefühle des weinenden Babys nicht immer deuten kann, hat ein schlechtes Gewissen, weil ihr der schreiende Sohn schon mal auf die Nerven geht oder sie sich beim Spielen, Füttern und Windelnwechseln langweilt. In ihrem Buch schreibt sie schonungslos über negative Gefühle und die Einsamkeit als Mutter. „Mein Mann hat auch abends oft lange gearbeitet und ich war quasi alleinerziehend“, erzählt sie am Telefon. „Ich war vollkommen überfordert mit dem Kind.“
Rike Drust wurde 1975 geboren, ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie auf einem norddeutschen Bauernhof. In Münster und in Bristol studierte sie Frauenforschung. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn Oskar in Hamburg.
Sie arbeitet als Werbetexterin und Journalistin. Sie schreibt unter anderem für das Stadtmagazin „Szene“, das Lifestylemagazin „Sleaze“ und das Popkulturheft „Missy Magazin“. Auf ihrem Blog „Infemme unterstellt “ antwortet sie auf Franz Josef Wagners Briefe aus der „Bild“-Zeitung oder nimmt sich den Möglichkeiten beziehungsweise Unmöglichkeiten eines modernen Alltagsfeminismus an.
Ihr Buch „Muttergefühle. Gesamtausgabe“ ist im C. Bertelsmann Verlag erschienen, es kostet 14,99 Euro. Ihr Blog findet man unter infemme.twoday.net.
Sie stellt sich die Frage, ob eine Mutter solche negativen Gefühle überhaupt haben darf und beantwortet sie in ihrem Buch mit einem eindeutigen Ja. Die Gespräche mit Freundinnen haben ihr bei dieser Erkenntnis geholfen. Eine solche Freundin möchte Rike Drust jetzt für ihre Leserinnen und Leser sein. Gleichzeitig versucht sie aber, andere Mütter nicht zu belehren, denn die ständige Besserwisserei irgendwelcher Fremden und der Konkurrenzkampf, den vor allem Mütter untereinander führen, haben sie überhaupt erst so verunsichert.
„Muttergefühle“ erscheint genau zum richtigen Zeitpunkt. Mütter können im 21. Jahrhundert eigentlich nur noch alles falsch machen: Gehen sie wieder arbeiten, sind sie Rabenmütter, bleiben sie bei ihren Kindern, sind sie reaktionäre Vertreterinnen eines altertümlichen Familienmodells. Genauso umkämpft sind alle anderen Fragen der Mutterschaft; sei es die Betreuung, die Ernährung oder sogar die Spielzeugfrage. All das wird auf den Rücken der Mütter ausgetragen. Umso wichtiger ist, dass sich Mütter wie Rike Drust zu Wort melden.
Schockierend war für Rike Drust aber darüber hinaus, wie schnell es mit der Gleichberechtigung vorbei ist, wenn erstmal ein Kind auf der Welt ist. Nicht, weil Männer dann gemein und Frauen unterwürfig werden, sondern weil praktische Entscheidungen getroffen werden müssen. Eine solche haben auch Rike Drust und ihr Mann getroffen: Da er mehr verdient, bleibt sie erst mal beim Kind. „Ich war plötzlich nicht mehr selbstständig und finanziell unabhängig, sondern musste mein Leben einem Vier-Kilo-Pflegefall und der gut bezahlten Berufstätigkeit meines Mannes unterordnen. Ich war Hausfrau und Mutter, fand diese Berufsbezeichnung ungefähr so attraktiv wie einen Blazer mit Schulterpolstern.“#
Kampf um die Freiheit
Rike Drust beschreibt, wie sie, als Oskar älter wurde, langsam wieder angefangen hat zu arbeiten. Damals hat sie für ihren Sohn einen Tagesvater und eine Krabbelgruppe gefunden, sich einen Büroplatz gemietet und angefangen ihr Buch zu schreiben.
Zur gleichen Zeit ging ihr Mann in den kurzen Vaterschaftsurlaub und hat sich zu Hause um den Kleinen gekümmert: „Mir war es wichtig, dass wir wirklich komplett die Rollen tauschen, dass er nicht nur aus meinen Erzählungen, sondern am eigenen Leib erfährt wie es mir geht.“ Mittlerweile arbeitet ihr Mann wieder voll, sie hat sich für halbe Tage entschieden.
Doch auch diese kleinen Freiheiten wurden vom Umfeld nicht kritiklos hingenommen, besonders am Tagesvater haben sich manche gestoßen: „Man darf ja nur ins Kino, wenn die Oma oder ein anderes Familienmitglied aufpasst. Es ist geradezu verpönt, jemanden zu bezahlen nur um Zeit alleine zu verbringen.“
Anfangs ist es ihr nur darum gegangen, sich Freiheit und Selbstständigkeit zurückzuerkämpfen. Sie wollte gerne noch andere Rollen als die der Hausfrau und Mutter besetzen. „Ich hatte das Buch zu Beginn nur für mich geschrieben und habe darüber nachgedacht, es im Internet hochzuladen.“ Dann hat sie einen Verlag gefunden, und so könnte „Muttergefühle. Gesamtausgabe“ durchaus zum Standardwerk für junge Eltern werden. Für die könnte es befreiend sein, das Buch zu lesen.
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