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20. Juli 2010

Kryonik: Eiskalte Zukunft

Mathematiker Torsten Nahm will seinen Kopf einfrieren lassen.  Foto: Lia Venn

Der Mathematiker Torsten Nahm hat sich das ewige Leben organisiert. 75.000 Dollar zahlt er einem US-Unternehmen, das seinen Kopf einfrieren soll – in der Hoffnung auf eine Wiederbelebung in besseren Zeiten.

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Der Mathematiker Torsten Nahm hat sich das ewige Leben organisiert. 75.000 Dollar zahlt er einem US-Unternehmen, das seinen Kopf einfrieren soll – in der Hoffnung auf eine Wiederbelebung in besseren Zeiten.

Lia Venn –  

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Torsten Nahm rechnet fest damit. Der 33-jährige Mathematiker hat in einem seitenlangen Vertragswerk geregelt, dass sein Kopf nach dem letzten Seufzer in flüssigem Stickstoff eingefroren wird – um in vielleicht 200 Jahren wieder aufgetaut zu werden – „wiederbelebt, wie wir sagen“. Wir, das sind die rund 40 Kryoniker in Deutschland, überwiegend Männer, fast nur Naturwissenschaftler. Das griechische Wort Kryos bedeutet Kälte. In diesem Fall Eiseskälte: exakt minus 196 Grad Celsius.

Nahms Rechnung: In 200 Jahren könnte der Fortschritt so weit sein, ihm einen Körper zu klonen – falls man dann noch einen braucht – und eventuelle Krankheiten zu heilen, um quasi optimiert weiterzuleben. „Nimmt man nur den Kopf, erreicht man eine bessere Qualität beim Vitrifizieren“, sagt Nahm.

Dabei geht es um den Austausch des Blutes gegen eine Organschutzlösung, eine Art Frostschutzmittel, das Schäden durch Eiskristalle verhindern soll. „Im Gehirn sitzen meine Persönlichkeit, meine Erinnerungen, das, was mich als Mensch ausmacht. Mein Körper dagegen dürfte ohne großen Verlust erneuerbar sein.“

„Kryonik ist das Zweitschlimmste, was einem passieren kann. Das Schlimmste ist, beerdigt zu werden“, sagt Torsten Nahm in seiner Wohnung im Münchner Stadtteil Sendlingen. Vor dem Fenster steht mächtig und sonnenbeschienen die Margaretenkirche. Mit Religion hat Nahm nichts am Hut. „Noch nie“, sagt der ungetaufte Mann.

Auf die Welt kommt er 1977 in der Schweiz, wo der Vater, mathematischer Physiker, am Kernforschungszentrum Cern arbeitet. Nahm ist bald „Fischertechnik-Fan“, hat einen elektronischen Baukasten. „Rechnen, Zahlen, das mochte ich schon immer.“ Die zweite Klasse überspringt der gute Schüler; zwischen der fünften und siebten ist die Familie in Kalifornien, der Vater arbeitet dort am physikalischen Prinzip der Supersymmetrie mit. „In der Schule habe ich mich manchmal etwas gelangweilt, auch viel selbst überlegt, aber mein Vater war immer eine gute Anlaufstelle.“ 1995 macht Nahm in Bonn Abitur und studiert dann Mathematik.

Seine Mutter, die noch in Bonn lebt, erinnert sich an ein Ereignis, als er noch „ein ganz kleiner Junge“ war. „Wir gingen spazieren und auf dem Weg lag eine tote Maus. Mein Sohn war so schockiert“, erzählt Ingeborg Nahm. „Ich glaube, damals wurde ihm zum ersten Mal klar, dass es den Tod gibt.“ Nein, für sie sei die Kryonik keine Option. „Das ist nichts, was ich will, ich fühle mich als Teil der Natur und das heißt Werden und Vergehen.“ Vielleicht verdränge ihr Sohn weniger als andere, was Altern bedeutet und dass am Ende der Tod steht. „Als Mutter“, formuliert sie, „hoffe ich nur, dass die Beschäftigung damit ihn nicht davon abhält, das Leben zu leben, das so schön ist.“

Nahm arbeitet in der Wirtschaftsprüfung mit Schwerpunkt Banken. In der Nacht ist er von einem Projekt in Oldenburg zurückgekommen. Vor seinem Umzug nach München hat er in Frankfurt gearbeitet, ist im Januar mit der Freundin nach Bayern gezogen, auch wegen des „Freizeitwerts“, wegen Wandern und Klettern. Im Flur stehen Inline-Skater. Nahm ist normal größe, wirkt kompakt, trainiert. Im Gespräch liegen seine Unterarme meist auf der leeren Tischplatte, ab und zu spielen die Finger ruhig miteinander. Auf eine Frage hin überlegt er einen Moment, als führe er einen inneren Dialog. Wenn er antwortet, sagt er einleitend „genau.“ Als schließe er so die Überlegung ab, habe sich im Selbstgespräch auf die richtige Antwort geeinigt. Im Bücherregal versammelt sich Science-Fiction.

Nahm ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Angewandte Biostase. Der Begriff meint „die potenziell reversible Konservierung von Organismen“, also dass man beispielsweise einen leblosen Körper so präparieren kann, dass er sich wiederbeleben lässt. Er ist seit der Gründung 2006 dabei, „weil ich einen praktischen Beitrag zur Förderung von Lebensverlängerung leisten will“.

Transhumanismus
Posthumane
Kryonische Dienstleister

Kryonik, vom griechischen "kryos", "kalt", bezeichnet die posthume Konservierung des Körpers oder des Gehirns bei minus 196 Grad Celsius – mit der Option, bei entsprechendem Fortschritt in der Zukunft "wiederbelebt" werden zu können. Die Kryonik ist für sogenannte Transhumanisten eine Möglichkeit der Lebensverlängerung.

Transhumanisten wollen, grob zusammengefasst, nicht sterben. Weil sie mehr tun, lernen und erfahren wollen, als sie es in einer normalen Lebensspanne könnten.

Transhumanisten empfinden sich als geistig-kulturelle Bewegung, die sich durch Vernunft statt durch Glauben für menschlichen Fortschritt engagiert. Sie wollen – mit Technik und Chemie – die intellektuellen, physischen und psychischen Kapazitäten des Menschen steigern. So beschreibt es die 1998 gegründete Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus (DeTrans).

Viele Transhumanisten streben einen "posthumanen Status" an. Posthumane sind laut DeTrans Weiterentwicklungen, also keine Menschen mehr. Das soll etwa mithilfe molekularer Nanotechnologie erreicht werden, mit Gentechnologie oder künstlicher Intelligenz.

Cryonics Institute, Michigan – ohne Erstversorgung kostet die Ganzkörper-Kryostase 28.000 Dollar. Bei Alcor in Arizona kostet die Neuro-Krystase (nur Kopf) inklusive Erstversorgung 105.000 Dollar, für den ganzen Leib zahlt man 175.000 Dollar. Mit Erstversorgung ist der Austausch des Blutes gegen eine Art Frostschutzmittel und das langsame Runterkühlen von Körper oder Gehirn gemeint.

Die Deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase (DGAB) plant auch ein deutsches Angebot mit Lagerung in den US-amerikanischen Instituten. Die DGAB organisiert für die Zeit vom 1. bis 3. Oktober in Goslar ein wissenschaftliches Symposium zur Kryonik.

Weitere Informationen unter www.biostase.de und www.detrans.de. (ave)

Auf das ewige Leben kam Nahm 1997 über einen Artikel im Computermagazin CT. „Darin ging es um den amerikanischen Transhumanismus und ich dachte: Huch, das bin ja ich.“ Transhumanisten sind Menschen, die unter anderem die Unvermeidbarkeit des Alterns, die Grenzen des menschlichen Verstandes und künstlicher Intelligenz, eine nicht selbst gewählte Psyche, menschliches Leiden und das Gebundensein an den Planeten Erde überwinden wollen – mittels Technik und Chemie. „Ich war mal in Dresden im Hygienemuseum, da haben sie einen Alterssimulator, das war echt schlimm.“ Nahm lächelt, lässt aber keinen Zweifel daran, dass diese Erfahrung für ihn mit Grauen verbunden war. „Noch erscheint diese Debatte manchen komisch, aber später sagen die Menschen vielleicht mal, grausam, dass man an Krankheiten sterben musste.“

Auf „medizinischer Zeitreise“ sind bereits knapp 190 „Patienten“ aus aller Welt, wie Kryoniker die tiefgekühlten Leichname nennen. Sie warten in zwei US-Unternehmen auf bessere Zeiten; in Deutschland ist das Lagern von Toten wegen des Friedhofzwangs verboten. Das Cryonics Institute in Michigan hat zurzeit 95 Leichen im Keller, der Physiker Robert Ettinger hat es 1976 gegründet – und dort seine Mutter und beide Ehefrauen auf Eis gelegt. Ettinger schrieb 1962 „The Prospect of Immortality“ („Die Aussicht auf Unsterblichkeit“) – womit er die Visionen der Kryoniker belebte. Er geht davon aus, dass Mutter und Gattinnen einst aufgetaut werden können. Beim zweiten Unternehmen, Alcor in Arizona, sind es aktuell 93 Patienten. Dort hat auch Nahm seinen Vertrag unterschrieben. „Optimal wäre, sollte ich mal eine tödliche Diagnose bekommen, gleich in die USA überzusiedeln, denn wenn ich tot bin, zählt jede Minute“, sagt Nahm. Sobald also sein Herz aufhört zu schlagen, muss ihn ein Arzt unverzüglich für tot erklären, dann wird der Kopf abgetrennt, in eine Eiswanne gelegt, das Blut gegen sogenannte Kryoprotektiva, eben jene Art von Frostschutzmittel, ersetzt. „Dann folgt ein tagelanger Prozess, in dem mein Kopf auf die minus 196 Grad Celsius kommt.“ Sämtliche kryonische Prozeduren laufen unter Aufsicht eines Bestatters ab, den rechtlichen Rahmen liefert bisher das Bestattungsrecht.

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