Aktuell: Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

15. Januar 2016

Kulturhauptstadt 2016: Aus dem Schatten von Krakau

 Von Jan Opielka
Breslau – hier der historische Marktplatz – ist nicht nur kulturell, sondern auch architektonisch interessant.  Foto: dpa

Das polnische Breslau ist Europas Kulturhauptstadt 2016. Trotz turbulenten Zeiten in Polen möchte die Stadt Werbung in eigener Sache betreiben und aus dem Schatten des touristisch beliebteren Krakau treten.

Drucken per Mail

Vielleicht ist es ein Streich der Geschichte, dass in diesen turbulenten Zeiten, in denen sich Europa wegen der Flüchtlinge befindet, das polnische Breslau die diesjährige Kultur-Kapitale des Kontinents ist. Wohl kaum eine andere Stadt Europas kann von sich behaupten, dass sich die nationale Zusammensetzung ihrer Einwohnerschaft innerhalb kürzester Zeit zu fast 100 Prozent verändert hat – wegen Flucht, Vertreibung, Heimatverlust. Davon konnten nach 1945 jahrzehntelang sowohl die alten deutschen Breslauer, als auch die neuen polnischen ‚Wroclawiacy‘, die meist aus ehemals polnischen Ostgebieten stammten, viel berichten. Ihre Erzählungen waren erfüllt von Leid, Verletzungen, Hass, Nostalgie.

Gut 70 Jahre nach dem Tod Breslaus und der Geburt Wroclaws können sich die Stadtverantwortlichen inzwischen trauen, vom „Erbe der Multikulturalität“ Wroclaws zu sprechen. Das müssen sie derzeit gegen den herrschenden nationalen Zeitgeist tun, der sich seit dem Regierungswechsel vor knapp drei Monaten, von Warschau kommend, ausbreitet.

So wartet Breslau im Kulturjahr nicht nur mit polnischen Personal auf: „Am 17. Januar um 16 Uhr wird Wroclaw explodieren“, kündigt Charles Baldwin an. Der britische Regisseur, Kurator für den Themenbereich Performance, wird am Sonntag auf dem Marktplatz den finalen Höhepunkt des Eröffnungswochenendes unter dem Titel „Erwachen“ leiten. Was dabei explodieren wird, verrät Baldwin zwar nicht. Jedenfalls sollen vier „Geister“, die zuvor aus vier Außenbezirken der Stadt mitsamt Künstlern, Einwohnern und Besuchern losziehen, am historischen Marktplatz zusammentreffen. Die Geister heißen „Wiederaufbau“, „Innovation“, „Hochwasser“ – und eben „Multikonfessionalität“. Denn einst lebten in der heute überwiegend katholischen Stadt auch Protestanten und Juden.

Die Eröffnung des Kulturjahres hat am Freitag begonnen und erstreckt sich über das gesamte Wochenende. Mehr als 100 Veranstaltungen gibt es an diesen ersten drei Tagen. Darunter das „Museum der Träume“ am Samstag mit Performances im Nationalmuseum. Oder das dreitägige Projekt „Mercouri/Xenakis“, in dem mit Konzerten und Veranstaltungen das Werk des griechischen Architekten und Musikers Iannis Xenakis gewürdigt wird.

Hinzu kommen die Architekturschau „Made in Europe“ zu 170 der besten Bauten des Kontinents, Konzerte unterschiedlicher Genres, künstlerische Workshops oder Lichtinstallationen auf der zentrumsnahen Kleininsel Slodowa. Die meisten Veranstaltungen sind kostenlos, die Eintrittspreise zu den kostenpflichtigen Events zumindest für westliche Besucher überschaubar.

Nicht nur Auftakt ist von der Fülle der Veranstaltungen her imposant. Bis zum Endes des Jahres sollen rund 1000 Einzelevents ein breites Publikum ansprechen, Stadtpräsident Rafal Dutkiewicz hofft auf sechs Millionen Besucher. Mitunter werden in dem Programm thematische Brücken geschlagen zum spanischen San Sebastián, das parallel Kulturhauptstadt ist. An Höhepunkten mangelt es in Breslau nicht. Acht thematische Kuratoren für Musik, über Theater und Film bis hin zu Architektur und Literatur zeichnen für ihre Bereiche verantwortlich. Die Macher setzen vor allem auf Internationalität: Das Spielfilmfestival „Welt ohne Freiheit“ etwa zeigt Werke über Länder, die im 20. Jahrhundert unter Diktaturen litten. Musikalisch will der italienische Komponist Ennio Morricone der Stadt im Februar „eine Überraschung anbieten“. Und bei einer Theater-Olympiade im Herbst werden Theatergrößen wie Robert Wilson neue Werke präsentieren.

Aus Sicht der Stadt soll das Kulturjahr nicht nur kurzzeitig begeistern, sondern auch längerfristig Früchte tragen. „Die Europäische Kulturhauptstadt 2016 ist ein Prozess, kein Projekt und kein Ereignis. Und sicher auch kein Event“, schreibt Irek Gren, als Kurator für das Thema Literatur zuständig. So werden etwa beim Thema Bücher Workshops und Foren für Kinder und Erwachsene angeboten, mit dem Programm „Bibliopolis“ soll der öffentliche Raum für das gedruckte Wort rückerobert oder deutsche und polnische Rezepte zu einem „schlesischen Kochbuch“ verschmolzen werden. Und weil Breslau in diesem Jahr zugleich auch Welt-Buch-Stadt der Unesco ist, wird im Rahmen eines Wettbewerbs für Komponisten eine Welthymne des Buches entstehen und an einem Tag in verschiedenen Städten der Welt gesungen werden.

Doch auch jenseits der Veranstaltungen zum Kulturjahr ist die 640 000-Einwohner-Stadt, wegen der vier Oder-Zuflüsse und der malerisch anmutenden Kleininseln im Zentrum einst als „Venedig des Ostens“ bezeichnet, einen Besuch wert. Die Architektur im und rund ums Zentrum vermengt vor allem habsburgische Barock-Einflüsse, preußischen Klassizismus und den Modernismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Jahrhunderthalle, 1913 erbaut, wurde wegen ihrer imposanten Kuppelkonstruktion 2006 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. In den Außenbezirken der Stadt dominiert sozialistischer Realismus, der die tausendjährige Geschichte der Stadt architektonisch zwar nur mit einzelnen Bauten bereichert, aber eben doch komplettiert.

Denn Breslaus tausendjährige Geschichte, mit polnischen, böhmischen und seit dem 18. Jahrhundert bis 1945 mit preußisch-deutschen Einflüssen geprägt, ist nicht nur architektonisch widerspruchsvoll. Die Deutschen, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs fast die komplette Einwohnerschaft stellten, kamen ums Leben, flohen oder wurden vertrieben. Doch die neu hinzugezogenen Einwohner, die meist aus den für Polen verlorenen Ostgebieten, der heutigen Ukraine, hierherkamen, waren zunächst nicht sicher, ob die bis zum 6. Mai 1945 verteidigte „Festung Breslau“ nun dauerhaft Wroclaw heißen würde. Eine Ausstellung im städtischen Museum der Moderne thematisiert bis zum Februar in der Schau „Die Deutschen sind nicht gekommen“ die Ängste jener Zeit.

Auch Studentenstadt

Heute gilt Breslau weithin nicht nur als wirtschaftliche Boom-Stadt, sie ist, neben Warschau und Krakau, mit ihren über 100 000 Studierenden auch eines der wichtigsten Bildungs- und Forschungszentren Polens. Bereits vor dem Zuschlag als Kulturhauptstadt hatte sie eine rege Kulturszene, die rechte Tendenzen, die von den in der Stadt und Region starken nationalistischen Gruppen ausgehen, bislang deutlich übertönte.

So kann es für Besucher zumal in diesem Jahr spannend werden, wie sich die Kulturereignisse in der historisch multikulturell, heute weitgehend durch ethnische Homogenität geprägten Stadt vor der sich ausbreitenden nationalen Kulisse der Republik Polen anfühlen. Erfahren kann man dies von den Einwohnern, am besten auf Polnisch oder Englisch. Aber auch mit der deutschen Sprache kommt man hier viel weiter als noch vor nicht allzu langer Zeit.

Informationen zum Programm sind unter www.wroclaw2016.pl auch auf Deutsch verfügbar.

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2016: 26. Juli

Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind. Foto: dpa

Das aktuelle Kalenderblatt für den 26. Juli 2016 Mehr...

Globetrotter weltweit

Welche Nation nicht ohne eigenes Handtuch verreist

Nur mit eigenem Handtuch an den Hotelpool? Für viele Chinesen ein Muss im Urlaub.

Für die einen ist es das Handtuch, für die anderen die Fotokamera: Jeder Mensch legt im Urlaub auf ganz bestimmte Ding wert. Oftmals hängt das auch von der Kultur ab. Eine neue Umfrage hat ermittelt, wie die Welt 2016 verreisen will. Mehr...

Videonachrichten Panorama

Anzeige

Videonachrichten Leute