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Kurt Beck: Das sterbende Tier

Kurt Beck stellt in Berlin seine Autobiografie vor - mit Sätzen, die eine gewisse Komik in sich bergen. Die Journalisten kritzeln eifrig in die Blöcke, um dann fast zeitgleich aufzuhören und sich irritiert anzuschauen. Von Mely Kiyak

Kurt Beck hat eine Schuldige für seine Misserfolge gefunden.
Kurt Beck hat eine Schuldige für seine Misserfolge gefunden.
Foto: ap

Berlin - Rheinland-Pfälzische Landesvertretung in den Berliner Ministergärten. Vorne auf dem Podium hat man einen Spalt zwischen den Gardinen offen gelassen. Dazwischen klemmt überlebensgroß das Werbeplakat zu Kurt Becks Buch "Ein Sozialdemokrat." Die Berliner Herbstsonne umschmeichelt sein lächelndes Cover-Gesicht gleich einem Hoffnungsschimmer. Man muss wissen, drei Tage vor dem pikanten Sonntag, sollte das Buch in Druck gehen.

Unter dem Plakat sitzt der echte Kurt Beck. Sein Anblick lässt keinen Zweifel daran, hier handelt es sich um einen ehemaligen SPD Parteivorsitzenden. Grauer Anzug, fahler Teint, eingefrorenes Lächeln, einziger Farbklecks eine Krawatte, trotzig in rot gebunden.

Zur Person
Unsere Autorin

Kurt Beck (59) ist der dienstälteste deutsche Ministerpräsident. Er regiert Rheinland-Pfalz seit 1994. Anfang September trat er als Vorsitzender der Bundes-SPD zurück.

Der Pfälzer pflegt sein Image als volksnaher, bodenständiger Politiker. Beck ist seit 1968 verheiratet und hat einen Sohn. Nach der Schulzeit absolvierte er eine Lehre und holte auf dem zweiten Bildungsweg seinen Realschulabschluss nach.

Seine Autobiografie "Ein Sozialdemokrat" ist im Verlag Pendo erschienen.

Fotostrecken und Abstimmungen finden Sie in dieser Übersicht.

Mely Kiyak schreibt für die Frankfurter Rundschau aus Berlin.

Völlig klar, dass vorher abgesprochen wurde, das Unangenehme gleich zu Anfang hinter sich zu bringen. Trotzdem stockt Kurt Beck auf Heiner Brehmers Feststellung: "Ich bin nicht Gerhard Schröder!" Ganz kurz schaut Beck ihn an. "Warum sitzt der eigentlich nicht hier?" Brehmer spricht aus, was alle Journalisten sich im Raum fragen. Kurt Beck stammelt: "Wir müssen Distanz wahren. Danke, dass Sie es machen."

Das vorgestellte Werk ist eine Autobiografie, das zu zwei Dritteln um sein Leben und seine Ideale geht. Natürlich interessiert das niemanden. Die Fragen, denen der n-tv Moderator erfolglos nachgeht, sind die Ereignisse der drei Tage, bevor Kurt Beck seinen Parteivorsitz abgab.

Es folgen Sätze, die eine gewisse Komik in sich bergen: "Ich hatte nicht den Eindruck, dass es ein Putsch war. Ich habe bloß zitiert, dass ARD und ZDF meldeten, dass Gerhard Schröder in den Kreis der Intriganten mit einzubeziehen sei." Kurzes einatmen, um dann mit voluminöser Stimme empört aufzurufen: "Das ist natürlich völliger Quatsch!"

Dabei wirbelt er kurz mit den Handflächen nach außen, dicht vor seinem Bauch. Die Journalisten kritzeln eifrig in die Blöcke, um dann fast zeitgleich aufzuhören und sich irritiert anzuschauen. Er spricht so spektakulär unverständlich, dass man selbst beim Mitschreiben den Faden verliert.

Auf Nachfrage, wer hinter der Intrige steckt, immerhin stammt der Ausdruck von ihm, antwortet er in seltsam verschachtelten Gedanken: "Mein ehrlicher Eindruck ist der, den ich hatte. Wäre es nicht mein Eindruck, hätte ich ihn nicht in meine Überlegungen einbezogen, dies ist meine feste Überzeugung." Aha.

Und was waren die Eindrücke, worauf gründeten sie sich? Gleiche Antwort nur in anderer Wortreihenfolge. Dann spricht er von der bitteren Macht, als er eigentlich die Nacht meinte. Ein anderes Mal macht er darauf aufmerksam, dass er stets für einen anderen Politikstil plädierte und deshalb nicht vorhabe, süffisant zu dilettieren. Er meinte duellieren.

Auf das Stichwort Franz Müntefering, kommt ein Zögerliches: "Ich habe respektvolle Empfindungen für ihn." So spricht man normalerweise von seiner geschiedenen Ehefrau, wenn man sich das Abgezockt werden im Nachhinein schön reden will, weil Kinder im Spiel sind.

Das eigentlich Interessante spielt sich derweil im Hintergrund ab. Wolfgang Thierse wird am gleichen Tag in der Süddeutschen Zeitung damit zitiert, dass der "Rudel-Journalismus" Kurt Beck keine Chance ließ. Die wichtige Hauptstadt-Journaille steht bei der Buchpräsentation abseits der Stuhlreihen und kommentiert live flüsternd mit.

Becks Gesprächsart sei ein einziger Coitus Interruptus. Anfangen und den Satz nicht zu Ende bringen. Eifriges dazwischen Getuschel, nein, nein, das sei Taktik, das ist die Politik der gezielten Nadelstiche, damit die geheimnisvollen Intriganten die Nerven verlieren und sich selbst demaskieren.

Ein anderer Medienvertreter gar zeichnet zum Beweis eine schwer nachvollziehbare Grafik der Ereignisse an. Mit dem Kugelschreiber tippt er in die Kreise und sagt, die müsse er nur noch füllen, dann sei alles klar, wie es gelaufen sei. Ein weiterer Journalist kommt dazu und bemerkt nur hämisch, dass vorne ein Provinzjournalist und ein Provinzpolitiker säßen, das werde gerade ganz deutlich.

In dem Moment fragt Heiner Brehmer, ob Kurt Beck nicht erleichtert sei, dass er von der Aufgabe der Parteiführung entbunden sei und wie er all die Beleidigungen, etwa "Pfälzer Waldschrat" ertragen habe. Beck verzieht keine Miene, "in Bezug auf mich selbst hatte ich noch nicht die Zeit, mich mit mir selbst zu beschäftigen." Nein, keine Erleichterung, er fühle sich wie Jemand, dem die Aufgabe genommen wurde, bevor er sie erfüllen konnte. Doch er habe nicht vor, sich wie ein waidwundes Tier zu verhalten.

Was dort vorne allerdings sitzt und um Fassung kämpft, sieht nicht wie ein leichtfüßig springendes Reh aus, sondern eher wie ein sterbendes Tier, umringt vom mitleidlosen Rudel.

Autor:  MELY KIYAK
Datum:  25 | 9 | 2008
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