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Landwirt Uwe Trede: „Ohne Bauern kein Wacken“

Auf dem Acker von Landwirt Uwe Trede steht die Hauptbühne des Wacken-Open Air. Ein FR-Gespräch über Bombenleger, Schafsköpfe und vollgepinkelte Wälder.

Wacken
Das WOA hat sich nach Angaben der Veranstalter zum größten Heavy Metal-Ereignis der Welt entwickelt.
Foto: dpa

Herr Trede, die Band „The Devil’s Blood“ ist ja derzeit schwer angesagt, am Samstag spielt sie auf dem Wacken Open Air. Wie groß ist da die Vorfreude?

Vorfreude? Na, ja. Ich glaube, die waren schon mal hier, aber sicher bin ich mir nicht. Ich kann mir die ganzen Bandnamen nicht merken, außer Iron Maiden vielleicht. Ich erkenne nicht, wer da gerade spielt, oder welche Band besser oder schlechter ist. Ich bin Bauer. Ich habe mit Musik nichts zu tun.

Ein Song auf ihrem neuen Album heißt „Christ or Cocaine“. Wofür würden Sie sich entscheiden?

Für keins von beidem.

„The Devil’s Blood“ schmieren sich vor den Auftritten mit Schweineblut ein. Sie sind Landwirt. Können Sie da aushelfen?

Das muss nicht sein. Es gab auch mal eine Gruppe, die hat was mit Schafsköpfen gemacht, aber das habe ich mir nicht angeguckt. Das ist mir irgendwie suspekt.

Sie klingen jetzt nicht so, als ob sie in der ersten Reihe headbangen würden, dabei stellen sie seit 1990 einen Teil des Festivalgeländes. Sie sind kein Heavy Metal-Fan geworden?

Nein, ich spiele Skat. Trotzdem gehöre ich irgendwie dazu und ab Freitag auch richtig. Ich durfte ja in vergangenen Tagen nichts trinken. Hier ist so viel Polizei und es herrscht absolutes Alkoholverbot. Aber ab morgen lasse ich das Auto in der Garage und feiere mit den jungen Leuten.

Was ist für Sie einzigartig am Wacken Open Air?

Wissen Sie, ich habe hier noch keine Schlägerei erlebt. Nicht eine. Wenn hier 100 Leute zum Feuerwehrfest kommen, prügeln sich die Einheimischen auch mal. Aber die Gäste beim Open Air, die sind ganz friedlich. Die sehen mit ihren langen Haaren alle aus wie die Bombenleger, aber das sind keine wilden Typen. Das sind ganz liebe Leute. Die kommen, um zu feiern.

Wie war das damals, in den ersten Jahren?

Das fing ganz klein an, erst ein paar Hundert, dann ein paar Tausend. Es wurde immer größer und die Veranstalter brauchten immer mehr Flächen. Mir gehört die Fläche, auf der die Hauptbühne steht. Der Hübi (Festivalmitbegründer Holger Hübner, Anm. d. Red.) kommt aus dem Dorf. Der hat sogar bei mir gearbeitet. Zuerst habe ich ihm die Fläche noch kostenlos zur Verfügung gestellt.

Aber seit 1993 nicht mehr.

Wenn man sieht, dass es eine Möglichkeit gibt, Geld zu verdienen, muss man dabei sein. Geld regiert die Welt. Ich habe den Kontakt zu den anderen Bauern hergestellt. Jetzt gibt es mit allen Pachtverträge über mehrere Jahre, denn sie müssen ja entschädigt werden. Ohne Bauern kein Wacken Open Air.

Zur Person
Uwe Trede

Uwe Trede, 70, Landwirt aus Holstenniendorf, stellt seit 1990 das Gelände, auf dem die Hauptbühne des Wacken Open Air (WOA) steht.

Seinen guten Kontakten zu den Bauern der Region, die gemeinsam das inzwischen 200 Hektar große Festivalgelände verpachten, verdankt Trede den Titel „heimlicher Bürgermeister von Wacken“. Bundesweit bekannt wurde der passionierte Kettenraucher durch seine Rolle in „Full Metal Village“, einem prämierten Dokumentarfilm.

Laut Veranstalter ist das WOA mit geschätzten 75.000 Besuchern das größte Heavy Metal-Festival der Welt. Es steigt an jedem ersten Wochenende im August, von Donnerstag bis Samstag, wobei viele Metalfans bereits seit Anfang der Woche die provisorischen Campingplätze bevölkern. (geh)

Und heute...

... stehen sogar Geldautomaten auf der Koppel, das muss man sich mal vorstellen. Ich habe ja eine Theke auf dem Festivalgelände. Heute schicke ich die Leute ein paar Meter weiter zum Geldholen schicken. Das war früher undenkbar.

Sie spielten auch eine Hauptrolle in dem Wacken-Dokumentarfilm „Full Metal Village“. Sind Sie jetzt ein Star auf dem Festival?

Jeder Dritte erkennt mich. Wenn ich über die Koppel fahre, halten sie mich an und sagen: „Sie müssen Bauer Uwe sein“. Und dann muss ich Autogramme geben, da komme ich nicht mehr vom Fleck. Ich fahre auch ein Trabbi Cabriolet, als Bauer muss man etwas besonderes haben. Wenn die Festivalbesucher mich darin entdecken, ist der Teufel los. Wenn es aber regnet, bleibt der Trabbi in der Garage

Wünschen Sie sich Regen? Die Schlammschlachten von Wacken sind legendär.

Also, dass es auch mal regnet ist mir lieber, als wenn tagelang die Sonne bei 36 Grad brennt. So ein ordentlicher Schauer kühlt die Leute ab und es staubt nicht mehr so sehr. Außerdem kann es nicht schaden, wenn zwischendurch der Wald so richtig durchgespült wird, weil da doch viele reinpinkeln.

Haben Sie sich eigentlich durch das Festival verändert?

Gut, ich bin jetzt 70 geworden, aber ich sage immer: Ich bin nicht zu alt, ich bin nur 30 Jahre zu früh geboren. Ich laufe auch immer noch in meinen alten Klamotten rum. So kennen mich doch alle. Da kann ich jetzt nicht mit Schlips und Kragen rumlaufen. Das habe ich nicht nötig.

Im Film rauchen Sie mehr Zigaretten als alle teilnehmer zusammen. Hat sich das auch nicht verändert?

Ich rauche meine drei Schachteln am Tag, aber da komme ich kaum noch mit hin. Es sind ja immer weniger Zigaretten in einer Schachtel. Zu den jungen Leuten, zu denen sage ich schon, dass sie nicht so viel rauchen sollen. Ich aber bin 70, da kann man sich nicht mehr tot rauchen. Da stirbt man sowieso irgendwann.

Haben sich die Besucher verändert?

Jünger werden einige nicht. Die kommen schließlich seit fast 20 Jahren und sind nun teilweise 50. Da denkt man manchmal auch: Mensch ist der alt geworden. Aber bei so einer Masse erkennt man die wenigsten wieder. Vergangenes Jahr hält plötzlich eine Gruppe aus Bayern neben mir und einer ruft aus dem Auto: „Mensch Uwe.“ Ich rufe: „Du Seppl, bist du auch wieder da?“ Da dreht er sich zu seinen Kumpels um und sagt: „Die Runde Bier gehört mir, der hat mich wiedererkannt.“ Aber das war ein Glückstreffer. In Bayern heißen doch alle irgendwie Seppl.

Haben Sie nie daran gedacht, an diesem Tagen aus Wacken zu flüchten, wie das andere Bewohner regelmäßig tun?

Früher gab es einige, die dagegen waren, aber heute fährt kaum einer mehr weg. Es gibt doch kaum einen Wackener, der an dem Festival kein Geld verdient. Jeder hat vor seinem Haus eine Bude, die Kinder sammeln Müll und selbst der letzte Dachboden wird vermietet. Ich selbst genieße das. Ich bin ja jetzt Rentner. Und wenn dann die ganzen Fernsehteams und Reporter kommen, da wird man mit der Zeit schon ein kleiner Medienprofi. Aber als jetzt der MDR-Hörfunk morgens um 6.50 Uhr ein Interview führen wollte, denen hab ich erst mal was erzählt. Das ist mir zu früh. Ich stehe zwischen acht und neun Uhr auf. Jetzt nehmen sie das Gespräch Abends auf und senden es morgens.

Was haben Sie gedacht, als Sie die Bilder von der Massenpanik in Duisburg gesehen haben?

Das kann bei uns nicht passieren. Ich sage nicht, dass bei uns überhaupt nichts passieren kann, das kann man nicht. Aber wir haben so viele Ausweichplätze, wenn wir die Tore aufmachen, kann sich die Masse auf 20.000 zusätzlichen Quadratmetern verteilen. Und wir können, dadurch, dass wir Eintrittskarten verkaufen, die Besucherzahl kontrollieren. Die Loveparade war kostenlos, da wissen sie natürlich nicht, wie viele Leute kommen.

Sie sind Jahren bei den Lagebesprechungen dabei, wenn die Ordner eingewiesen werden. Spürt man nach so einer Tragödie, welche Verantwortung auf einem lastet?

Unter den Ordnern gibt es jedes Jahr gut 30 Prozent, für die das Open Air eine Premiere ist. Der Rest ist zum Teil schon seit Jahren dabei, viele kommen aus dem Ort. Die kennen sich aus und leiten eine Gruppe von Ordnern. Das haben wir schon gut im Griff.

Sind Ihnen die 75.000 Metalfans manchmal unheimlich?

Nein. Ich freu mich vielmehr, wenn ich da mitten drin bin.

Interview: Sebastian Gehrmann

Datum:  4 | 8 | 2010
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