Karriere zu ernst, um ständig darüber zu reden
Es ist Vormittag geworden, Graner steht seit zwei Stunden mit getönter Brille und Fünf-Tage-Bart, Jeans und Jackett im Regieraum und wippt zur Musik, die nebenan eingespielt wird: Leandra singt das von ihm geschriebene "Moonlight", der Berliner Pianist Robert Matt, 42, begleitet sie, den Blick entrückt auf sie fixiert. "Das ist mega", murmelt Graner, als der Pianist das Klavier vor dem Refrain anschwellen lässt, "da geht das Himmelstor auf!"
In seinem Kopf hört er schon die Frauenchöre, die Orgelteppiche, die im Endmix hier einsetzen werden. Graner hat Leandra 15 Songs auf den Leib geschrieben, die im Herbst auf ihrem ersten Album "Indian Giver" erscheinen. Es sind wuchtige Popsongs, aber auch eher chansonhafte, leicht jazzige, teils fast an Musicals erinnernde Stücke. Leandra singt sie alle mit viel Ernst und Anspruch. "Wir wollten keinen Girlie-Pop machen. Das hätte nicht zu ihrer erwachsenen Stimme gepasst", sagt Graner. Er habe einen eigenen Stil für sie kreieren wollen: "Le pop nouveau!"
Leandra erzählt, dass sie jedes Lied lange mit ihm bespricht, ihm sagt, mit welchen Melodien, Klangfarben, Texten sie sich wohlfühlt; überhaupt rede sie viel mit ihm, damit er sich in ihren Alltag hineindenken kann. Aber weiter als mit einem Song über einen "First Kiss" wollte er nicht gehen, sagt Graner. "Die Songs sollen nicht nur Teenies ansprechen, sondern alle, die anspruchsvollen Pop mögen."
Leandra kommt aus dem Aufnahmeraum und wird sofort von allen umringt. "Super!", ruft ihr der Toningenieur zu, sie blickt lächelnd zu Boden: "Danke." Gegen Abend sieht Leandra unruhig zur Uhr. Zwar ist sie heute am Gymnasium entschuldigt, sie will aber trotzdem noch mal hin: Heute probt das Jazzorchester, in dem sie Saxophon spielt. Immerhin fing ihre Lieblingssängerin Amy Winehouse ihre Karriere auch mit 16 im Jazzorchester an. Und nicht etwa in einer Fernsehshow.
19.30 Uhr. Leandra kommt eine halbe Stunde zu spät zur Probe, sie entschuldigt sich, "ein Termin" habe länger gedauert. Sie meint es zu ernst mit ihrer Karriere, um ständig darüber zu reden, wie manche Mitschülerinnen, die mit Auftritten bei irgendwelchen TV-Castings prahlen. Leandra erzählte sogar vom Videodreh zur Single nur den engsten Freundinnen - dabei "war es total aufregend, bei so einer Profi-Produktion im Mittelpunkt zu stehen", sagt sie.
Die Band probt heute den Standard "Night in Tunisia" von 1942, Leandra hat ihn sich vorher auf YouTube angehört und fand ihn gleich toll. Doch während die anderen mit ihren Klarinetten, Gitarren, Posaunen mitschunkeln, sitzt Leandra konzentriert und gerade, nur ihr Fuß tippt den Takt. Wenn es neben Talent, Kontakten und Förderung auch die richtige Mischung aus Leidenschaft und Fleiß bräuchte, um Popstar zu werden - Leandra hätte wohl auch die.
Daheim erwartet die Mutter Leandra mit dem Abendbrot. Beim Essen sprechen sie über ein Fernsehinterview, das Leandra am nächsten Tag geben soll. Sie hat morgens extra einen Friseurtermin, sie hat mit ihrem Agenten dafür geübt, aber sie hat immer noch Angst. Was, wenn sie ins Stottern gerät? Ihr keine Antworten einfallen? Heißt das dann, dass ihr das letzte Stück von dem fehlt, was einen Star ausmacht? Die Mutter verspricht, sich freizunehmen, um bei ihr zu sein.
Am nächsten Tag baut das TV-Team gerade die Technik auf, als Leandra den Raum betritt. Sie halten das Mädchen mit der grünen Jeansjacke erst gar nicht für die Sängerin, wegen der sie da sind. Skeptisch verkabelt sie der Toningenieur; der Journalist nickt ihr aufmunternd zu, als der Kameramann ruft: "Läuft!" Doch das wäre gar nicht nötig gewesen: Kaum richtet sich das Licht auf sie, fangen Leandras Augen schlagartig an zu leuchten, auf ihrem Mund, ihrem ganzen Gesicht liegt ein entspanntes Lächeln, alle Zweifel, alle Nervosität sind verschwunden.
Was auch immer Leandra aufblühen lässt, sobald sie im Rampenlicht steht - es ist gut möglich, dass es genau das ist, was einen Teenie mit Talent von einem Popstar von Morgen unterscheidet.
Schräge Kandidaten, internationale Musik: Das ist der Eurovision Song Contest in Baku. Wegen der politischen Zustände in Aserbaidschan wird er dieses Jahr heftiger Kritik begleitet. Mehr dazu im Spezial.
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.
Werben auf dem iPad
Das iPad als Werbeform bietet besonders viele Möglichkeiten. Gerne beraten wir Sie persönlich.