Zwei Haltestellen später müssen die beiden aussteigen. Um acht Uhr beginnt Monikas Arbeitstag. Zielstrebig geht sie auf das Klassenzimmer zu, in dem sie seit fünf Jahren als Schulhelferin arbeitet. Es war Monikas Herzenswunsch, hier zu arbeiten. Sie hatte Glück. Als ein Platz frei wurde, fiel die Wahl auf sie. Seitdem hilft sie den Betreuern beim Unterrichten.
Monika geht direkt zu Uli, der im Rollstuhl angeschnallt schläft. Sein Kopf liegt auf einem Kissen, eine Decke wärmt seinen dünnen Körper. Er ist siebzehn Jahre alt, sieht aber deutlich jünger aus. Uli ist stark unterernährt und nur selten wach. "Er ist sehr schwach", sagt eine Betreuerin. Monika streichelt ihm über den Kopf, dreht ihn ein wenig zur Seite, damit er besser liegt. "Uli, aufwachen", flüstert sie ihm leise ins Ohr. Doch der Junge schläft, zum Aufwachen fehlt ihm die Kraft.
Behutsam schiebt Monika seinen Rollstuhl in den Gemeinschaftsraum, wo jeden Morgen mit allen Schülern eine Begrüßung stattfindet. Trompeten erschallen. Uli reißt die Augen auf. Monika streichelt ihm beruhigend über den Kopf und lässt ihre Hand unter Ulis Kopf liegen. "Du gibst uns die Sonne", singen Kinder und Betreuer gemeinsam. Monika schließt die Augen und singt leise mit.
Nach einer halben Stunde schiebt sie Uli zurück in sein Klassenzimmer. Er schläft wieder. Eine Betreuerin legt ihn behutsam auf eine Fläche voller Matten und Kissen. "Unsere Theaterbühne", sagt Monika. Sie versucht, den dünnen, verbogenen Körper des Jungen, der kaum noch Nahrung aufnehmen kann, bequem hinzulegen, aber es mag ihr nicht recht gelingen. Der Körper ist steif, Uli kann nicht mithelfen. Erst nach einigen Minuten ist Monika zufrieden. Eine Stunde lang wird Uli nun zusammen mit drei Mitschülern eine Geschichte nachspielen. Das machen sie seit zwei Monaten, immer die gleichen Szenen, immer in der Hoffnung, die Kinder könnten sich am nächsten Tag daran erinnern. "Die Geschichte fängt an, Uli", sagt Monika laut und versucht, ihn mit einer Rassel zu wecken. Der Lärm ist ohrenbetäubend, aber Uli wacht nicht auf. Immer wieder streichelt sie ihm mit der Rassel über den Rücken. Vergebens.
"Er muss früher sterben als wir", sagt Monika leise, "das macht mich traurig. Deswegen bin ich oft bei ihm, um ihm das Herz leichter zu machen." Nach dem Theater setzt sie sich an Ulis Seite, während über einen Tropf Nahrung in den abgemagerten Körper fließt. Monika cremt seine dünnen Hände ein. Ganz vorsichtig, Finger für Finger.
Monika Tesche und Heinz Leonberger haben keine eigenen Kinder, "ich kann keine bekommen", sagt sie. Umso mehr liebt sie ihre Arbeit. Genau wie Heinz. Seit einer Stunde drückt er Selleriepflanzen in den Boden. Meter für Meter bückt er sich immer wieder übers Feld. Er arbeitet schnell und konzentriert. Ab und zu spricht er leise vor sich hin. "Husch und rein", flüstert er und bückt sich ein ums andere Mal. Dann stöhnt er auf. "Das geht ganz schön in den Rücken", sagt der 57-Jährige und macht trotzdem unbeirrt weiter. Seit fast vierzig Jahren arbeitet er als Gärtner, seit 1991 ist er in der Gärtnerei Hangweide, die an die Diakonie Stetten angeschlossen ist, beschäftigt.
Um 16 Uhr hat Monika Feierabend. Wenn die Kinder mittags Schulschluss haben, hilft Monika noch in der Hauswirtschaft der Schule mit. Danach nimmt sie den Bus und fährt die zwei Haltestellen bis zur Gärtnerei alleine. Jeden Tag holt sie ihren Mann von der Arbeit ab. Dann fahren sie gemeinsam in ihre Wohnung. Heute ist Einkaufstag. Betreuerin Sabine Bröckmann wartet schon vor der Haustür auf das Paar. Der Supermarkt ist nur wenige Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt. Jeder Einkauf wird vorher besprochen. Das Geld, das Heinz und Monika verdienen, verwaltet Sabine Bröckmann, "damit die zwei den Überblick nicht verlieren". Was später auf den Abendbrotstisch kommt, entscheidet das Paar eigenständig. Alle Produkte, die sie brauchen, haben sie zusammen mit ihrer Betreuerin fotografiert. Heinz sortiert Karte für Karte in ein kleines Plastikalbum ein, während Monika den nächsten Arztbesuch mit Sabine Bröckmann bespricht.
Monika ist sauer: "Ich will das nicht, ich geh da nicht hin", sagt sie mit Tränen in den Augen. "Es ist aber wichtig für dich", versucht die Betreuerin sie zu beruhigen. "Ich geh da nicht hin", sagt Monika resolut. Monika hatte epileptische Anfälle. Das hat sie aus der Bahn geworfen. Es geschah ganz plötzlich im Unterricht in der Schule, dann später erneut im Badezimmer ihrer Wohnung. Seitdem fürchtet sie sich davor, erneut die Kontrolle über ihren Körper zu verlieren. Die Medikamente, die ihr verschrieben wurden, nimmt sie nur widerwillig ein. "Beruhige dich!", sagt Heinz hilflos, seine Lachfalten werden Sorgenfalten. Doch Monika Tesche beruhigt sich nicht. "Nein, ich will das alles nicht", wiederholt sie immer wieder. Erst nach einigen Minuten wird sie ruhiger. Heinz Leonberger kennt das schon und lässt das Thema auf sich beruhen. Monika wirkt erleichtert.
"Wir können uns gegenseitig viel helfen, stimmts Schatzerl?", fragt sie Heinz leise. Der nimmt ihre Hand und drückt sie fest. Die beiden haben schon einige Krisen gemeinsam gemeistert. Wie jedes Paar. Erst vor einigen Wochen musste Monika operiert werden. Eine Narbe am Hals erinnert sie täglich daran. Heinz zeigt die Fotos aus dem Krankenhaus. Natürlich hat er seine Frau dort besucht. "Ich hatte große Angst", sagt der schlanke Mann mit den durchtrainierten Armen. Doch lieber erinnern sie sich an die schönen Zeiten. An Urlaube, Ausflüge und an ihren Hochzeitstag vor fast sieben Jahren.
Ein gerahmtes Hochzeitsbild steht auf der Kommode, neben zahlreichen anderen Bildern. In unzähligen Fotocollagen, die an den Wänden hängen oder, weil es schon zu viele sind, in Ecken herumstehen, wird das Leben des Paares widergespiegelt. Sie lachen viel. Und auf fast allen Fotos sind sie gemeinsam zu sehen. "In dem Urlaub hier wollten uns die Betreuer nicht gemeinsam in einem Zimmer schlafen lassen. Wir waren damals noch nicht verheiratet und ich sollte im Frauenzimmer schlafen", sagt Monika Tesche und ihre Stimme wird lauter, "aber das haben wir uns nicht gefallen lassen. Da hab ich vielleicht Ärger gemacht." Jetzt lässt Monikas Lachen, wie so oft, ihr Gesicht strahlen, "am Ende haben wir uns aber durchgesetzt - wie immer".
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