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11. Juni 2010

Leihmütter in den USA: Ihr Bauch gehört mir

 Von Akiko Lachenmann
Sarah Jessica Parker hat ihr Kind von einer Leihmutter austragen lassen. Foto: afp

Sarah Jessica Parker und andere Stars haben ihre Kinder von fremden Frauen austragen lassen. Das Geschäft mit Leihmüttern boomt. Ein Besuch in der größten Vermittlungsagentur an der Ostküste. Von Akiko Lachenmann

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Rechtliche Grundlagen

Leihmütter sind Frauen, die ihre Fähigkeit, schwanger zu werden und ein Kind auszutragen, anbieten, sich dafür meist bezahlen lassen und anstelle anderer Frauen deren Kind zur Welt bringen.

In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. Nach dem Embryonenschutzgesetz von 1991 darf weder eine befruchtete Eizelle auf eine fremde Frau übertragen werden, noch eine Schwangerschaft mit der Absicht entstehen, das Kind gegen Entgelt an Dritte abzugeben. Hierzulande gilt die befruchtete Eizelle als menschliches Leben, das nicht als Objekt behandelt werden darf. Auch in der Schweiz, in Österreich, Dänemark und Schweden sind Leihmütter verboten, in Spanien nicht, aber dort sind Leihmütterverträge nichtig.

In den USA wird Leihmutterschaft immer populärer, ist aber nicht unumstritten. In einigen Bundesstaaten ist sie sogar verboten. Die rechtlichen Grundlagen der Leihverträge sind sehr unterschiedlich.

"Frozen Angels" heißt ein Film von 2005, der sich mit den emotionalen und psychischen Problemen von Leihmüttern und deren Auftraggebern beschäftigt. Er zeigt die Beziehung zwischen der (unfruchtbaren) Mutter Amy, Ende vierzig wie ihr Mann Steve, und der jungen eispendenden Leihmutter Kim. (FR)

Claire möchte ein zweites Baby. Die New Yorkerin verrät nicht ihren vollständigen Namen, jedoch dass sie alleinstehend und bald fünfzig Jahre alt ist, dass sie einen gut bezahlten Job in der Textilbranche hat, aber in der Familienplanung viele Jahre lang erfolglos war. Es ist noch etwas übrig von der ersten Samen- und Eispende, die sie vor drei Jahren für ihr erstes Baby verwendet hat. Alles, was sie für das Geschwisterchen noch braucht, ist eine Gebärmutter, denn sie selbst scheint nicht mehr schwanger zu werden. Claire wendet sich mit ihrem Wunsch, noch ein Baby zu bekommen, dorthin, wo sich fast alle New Yorker melden, wenn sie eine Leihmutter benötigen: an die Firma Reproductive Possibilities von Melissa Brisman.

Die Leihmutteragentur ist die größte an der US-amerikanischen Ostküste. Firmensitz ist Montvale, ein verschlafenes Städtchen im Bundesstaat New Jersey, mit 7000 Einwohnern, einem hohen Durchschnittseinkommen und stattlichen Einfamilienhäusern. Auf der grünen Wiese, in einem Bürogebäude mit spiegelnder Fassade und großem Parkplatz hat sich die Agentur zwischen Pharmafirmen und Finanzdienstleistern niedergelassen.

Die Büroausstattung ist brandneu, der Umzug der Agentur liegt noch nicht lange zurück. Den Wartebereich dekorieren lilafarbene Teppiche und hellgrüne Wände. Auf dem Tisch liegen Elternzeitschriften und das Kinderbuch "Der Känguruhbeutel". Hinter der Dame am Empfang sitzen fünf Telefonistinnen mit Kopfhörern, die ununterbrochen in ihre Mikros sprechen. Über allen Schreibtischen kleben Babybilder.

Mitten in dem Großraumbüro sitzt hinter schalldichten Glaswänden die Chefin der Agentur. Melissa Brisman, eine Frau in den Vierzigern, hat vor 15 Jahren als Eine-Frau-Unternehmen begonnen. Sie wirkt gar nicht wie eine Karrierefrau, eher wie ein Collegemädchen in Bluse und Rock, mit dauergewelltem Haar, fröhlichen Augen, sportlicher Figur. Sie spricht in hohem Tempo und Tonfall, liest parallel Emails und Handynachrichten. Zurzeit jagt ein Termin den nächsten. Ihre Agentur verbuchte vergangenes Jahr Rekordumsätze. Nie war die Nachfrage nach Leihmüttern in den USA so groß wie heute. Während Samenbanken dank verbesserter Befruchtungsmethoden kaum noch Geld verdienen, profitiert das Leihmuttergewerbe vom medizinischen Fortschritt.

"Die Zahl der Vermittlungen verdoppelt sich jährlich", sagt Melissa Brisman. Im vergangenen Jahr vermittelte ihre Firma allein 160 Geburten. Verbände wie die Society for Assisted Reproductive Technology schätzen die Gesamtzahl in den USA auf rund 1000 Geburten pro Jahr. Besonders seit Prominente wie Robert de Niro und Sarah Jessica Parker öffentlich bekennen, die Dienste einer Leihmutter in Anspruch genommen zu haben, steigt die Akzeptanz in der Gesellschaft. Kürzlich brachte das New York Times Magazine eine gefühlvolle Titelstory über die Beziehung zwischen einer Mutter, einer Leihmutter und deren gemeinsamen Nachwuchs. Vermittelt wurde die Story von der Agentur Brisman, die im Text mehrmals zitiert wird.

Die namhaftesten Zeitungen und Nachrichtensender hatte Melissa Brisman bereits im Haus. Die beste Werbung ist jedoch ihre eigene Biografie. Die Chefin selbst hat aufgrund einer Krankheit keine Kinder bekommen können und dann jahrelang verzweifelt nach einer Leihmutter gesucht. Mitte der 90er Jahre geriet sie an eine windige Vermittlerin, die ihr für eine Leihmutter im Bundesstaat Maine ein Vermögen abknöpfte. Angespornt vom Kinderwunsch begab sich die damalige Steueranwältin Brisman auf juristisches Neuland und lernte dabei sämtliche Fallstricke kennen: Welche Versicherung bezahlt die Schwangerschaft, wer entscheidet über eine mögliche Abtreibung, was ist, wenn die Leihmutter das Kind auf einmal behalten möchte? Sie entwarf ein pfundschweres Vertragswerk und erstritt sich vor dem Bundesgericht das Recht, ihren Namen auf die Geburtsurkunde zu setzen - der Auftakt zu einer ganzen Serie von Petitionen.

Ihren ursprünglichen Schwerpunkt, nämlich Steuerangelegenheiten, ließ die Harvard-Absolventin bald links liegen. Gleich nach der Geburt ihrer Zwillinge Andrew und Benjamin baute sie ein Zimmer im Erdgeschoss ihres Hauses in ein Büro um. Sie begann damit, in Gemeindeblättchen und Lokalzeitungen Inserate mit der Überschrift "Leihmütter verzweifelt gesucht" zu setzen. Obwohl diese Praxis in den 90er Jahren noch mit Misstrauen beäugt wurde, war Melissa Brisman optimistisch, genügend Kunden zu finden. "Wer Kinder will, tut alles dafür." Das wusste sie aus eigener Erfahrung.

Schon ein Jahr nachdem sie ihre kleine Agentur gegründet hatte, musste sie Personal einstellen, um die Arbeit bewältigen zu können. Seitdem ist ihr Unternehmen zwei Mal aus Platzmangel umgezogen. Sechs Frauen arbeiten inzwischen für sie. Kürzlich hat sie den juristischen und finanziellen Aufgabenbereich ausgelagert und eine zweite Firma mit Namen "Reproductive Lawyer" gegründet. Sie befindet sich eine Tür weiter. "So haben die Kunden kurze Wege", sagt Brisman.

Es sind viele berufstätige Frauen wie die New Yorkerin Claire, die sich für eine Leihmutterschaft entscheiden. Sie werden im Volksmund auch "single moms by choice" bezeichnet, weil sie die Familienplanung allein in die Hand nehmen. Melissa Brisman betont, dass bei diesen Frauen immer ein medizinisches Problem vorliege. Ihr sei noch keine begegnet, die aus Karrieregründen, Bequemlichkeit oder Sorge um die Figur eine Leihmutter engagiert habe.

Eine weitere Kundengruppe sind schwule Paare. "Sie sind am unkompliziertesten", sagt die Agenturchefin. Weder hätten sie eine traurige Vorgeschichte noch gemischte Gefühle, ihr Kind im Leib eines anderen Menschen wachsen zu sehen. Auch Paare aus dem Ausland gehören zur Kundschaft, darunter drei aus Deutschland, die "in guter Hoffnung sind", sagt Melissa Brisman.

Die Befürworter dieser Praxis zitieren gerne das erste Buch Mose, Genesis 30, in dem es heißt: "Als Rahel sah, dass sie Jakob keine Kinder gebar, sagte sie zu Jakob: Verschaff mir Söhne. Wenn nicht, sterbe ich. Da ist meine Magd Bilha. Geh zu ihr! Sie soll auf meine Knie gebären, dann komme auch ich durch sie zu Kindern." Heutzutage ist jedoch eine Leihmutter selten auch die genetische Mutter. Die meisten Agenturen bestehen auf eine Eizellenspende, wenn die Wunschmutter keine Eizellen produzieren kann. "Sonst wäre das Band zwischen Leihmutter und Baby zu stark", erklärt Melissa Brisman.

Das Auswahlverfahren ist streng

In Deutschland ist jede Form von Leihmutterschaft verboten. Befruchtete Eizellen dürfen auch nicht auf Erbkrankheiten untersucht werden, während in den USA nur die besten Exemplare in die Gebärmutter übertragen werden. Dadurch steigt die Erfolgsquote. Wer sich seit Jahren nach Kindern sehnt, stößt in US-Kliniken unweigerlich auf das Angebot, eine Leihmutter zu engagieren.

An fruchtbaren Frauen, die aushelfen wollen, mangelt es nicht. Seit Monaten kann sich die Agentur Brisman vor Bewerberinnen kaum retten. "Immer wenn die Arbeitslosigkeit im Land steigt, kriegen wir massenhaft Anfragen", sagt die Managerin Virginia Walker, die für die Leihmüttersuche zuständig ist. Dabei kommen nur Frauen aus Ohio, Texas, Illinois, Tennessee und Massachusetts in Frage. Dort gestattet der Gesetzgeber, dass der Name der Wunschmutter und nicht der Name der Gebärenden auf der Geburtsurkunde steht. Woanders müssen die Kinder adoptiert werden, was rechtliche Nachteile mit sich bringt.

An diesem Morgen liegen bereits sechs Bewerbungen auf dem Schreibtisch von Virginia Walker. Das Auswahlverfahren ist streng. Von 100 Bewerberinnen werden 20 zum Gespräch eingeladen. In die Kartei schaffen es am Ende höchstens vier. Sie umfasst zurzeit 70 Profile, die möglichst alle Rassen, Religionen und Gesellschaftsschichten abdecken sollen. Viele Kundinnen suchten ihr Pendant, so Virginia Walker. Die Auswahl an Afroamerikanerinnen und Lateinamerikanerinnen sei groß, Asiatinnen und Jüdinnen meldeten sich hingegen selten. "Eine Frage der Mentalität und des Glaubens", sagt Virginia Walker.

Sie zieht das Profil von Anna aus Ohio aus der Kartei. Das Foto auf der ersten Seite zeigt eine lachende Familie mit zwei kleinen Kindern, die auf dem Schoß der Eltern sitzen. Die Mutter ist jung und blond, ihr Haar an der Seite gescheitelt, die Bluse gestärkt. "Eine gute Kandidatin, professionell, unkompliziert", sagt Virginia Walker.

Anna bringt alle notwendigen Voraussetzungen mit. Sie ist verheiratet, finanziell unabhängig und hat eigene Kinder. Zwar schreibt sie in ihrer Bewerbung, dass sie keine homosexuellen Eltern wünsche und kein farbiges Kind austragen wolle. Auch Drillinge lehne sie ab. Sie würde jedoch einer Teilabtreibung zustimmen. Die Eltern dürften während der Schwangerschaft jederzeit vorbei schauen und auch bei der Entbindung dabei sein. Anna würde 24 000 US-Dollar für ein Kind bekommen, für Zwillinge gäbe es 36 000 US-Dollar. Die Wunscheltern kommen außerdem für Schwangerschaftskleider und Ernährungsergänzung auf. Zusätzliches Geld gibt es nach der Entbindung für abgepumpte Muttermilch, die tiefgefroren geliefert wird.

Zusammen genommen ergeben sich Summen, die rein finanziell interessierte Frauen von einer Bewerbung abhalten dürften. "Unsere Leihmütter machen das, weil sie damit ihrem Leben einen Sinn geben", sagt Melissa Brisman. "Sie können etwas Wertvolles für andere tun und erfahren dafür große Dankbarkeit. Das bietet nicht jeder Job."

Die Kunden bezahlen weitaus mehr als den Leihmuttertarif. Die Agentur kriegt allein bis zu 20.000 US-Dollar, die Juristen, die das Vertragswerk ausarbeiten, bis zu 6000 US-Dollar. Die Ärzte erhalten je nach Verlauf und Art der Leihmutterschaft (ein oder mehrere Anläufe, mit oder ohne Eizellenspende, ein Kind oder Mehrlinge) bis zu 15.000 US-Dollar. Wer es billiger haben will, kann sich mittlerweile auch in Indien eine Leihmutter für 10.000 US-Dollar besorgen.

Drei Kinder von verschiedenen Leihmüttern

Melissa Brisman braucht die ausländische Konkurrenz jedoch nicht zu scheuen. Die Zahlungsbereitschaft ist hoch in den USA, wenn es um Kinder geht. Der Dollar rollt, sie könnte die Hände in den Schoß legen. Doch die kampflustige Juristin gibt sich noch nicht zufrieden mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Im Jahr 2003 setzte sie in New Jersey erstmals durch, zwei Frauen auf eine Geburtsurkunde zu setzen. Im Jahr 2005 gelang ihr dasselbe mit zwei Männern im Bundesstaat Pennsylvania. Zurzeit hat Melissa Brisman im Staat New York zu tun, der Leihmutterschaft grundsätzlich verbietet. Eine Frau habe ihre Schwester darum gebeten, ein Kind für sie auszutragen, schildert Melissa Brisman den Fall. Wieder wolle sie erreichen, dass der Name der Wunscheltern auf die Geburtsurkunde kommt.

Für Melissa Brisman gehören die ethischen Debatten der Vergangenheit an. "Der Mensch hat ein Recht darauf, sich fortzupflanzen", viel mehr sagt sie zu dem Thema nicht. Die Bedenken der Europäer führt sie auf eine "übertriebene Religiosität" zurück, die dem medizinischen Fortschritt auf Dauer nicht standhalten werde.

Melissa Brisman ist verheiratet und hat mittlerweile drei Kinder von verschiedenen Leihmüttern.

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