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Leihmütter in den USA: Ihr Bauch gehört mir

Sarah Jessica Parker und andere Stars haben ihre Kinder von fremden Frauen austragen lassen. Das Geschäft mit Leihmüttern boomt. Ein Besuch in der größten Vermittlungsagentur an der Ostküste. Von Akiko Lachenmann

Sarah Jessica Parker hat ihr Kind von einer Leihmutter austragen lassen.
Sarah Jessica Parker hat ihr Kind von einer Leihmutter austragen lassen.
Foto: afp

Claire möchte ein zweites Baby. Die New Yorkerin verrät nicht ihren vollständigen Namen, jedoch dass sie alleinstehend und bald fünfzig Jahre alt ist, dass sie einen gut bezahlten Job in der Textilbranche hat, aber in der Familienplanung viele Jahre lang erfolglos war. Es ist noch etwas übrig von der ersten Samen- und Eispende, die sie vor drei Jahren für ihr erstes Baby verwendet hat. Alles, was sie für das Geschwisterchen noch braucht, ist eine Gebärmutter, denn sie selbst scheint nicht mehr schwanger zu werden. Claire wendet sich mit ihrem Wunsch, noch ein Baby zu bekommen, dorthin, wo sich fast alle New Yorker melden, wenn sie eine Leihmutter benötigen: an die Firma Reproductive Possibilities von Melissa Brisman.

Die Leihmutteragentur ist die größte an der US-amerikanischen Ostküste. Firmensitz ist Montvale, ein verschlafenes Städtchen im Bundesstaat New Jersey, mit 7000 Einwohnern, einem hohen Durchschnittseinkommen und stattlichen Einfamilienhäusern. Auf der grünen Wiese, in einem Bürogebäude mit spiegelnder Fassade und großem Parkplatz hat sich die Agentur zwischen Pharmafirmen und Finanzdienstleistern niedergelassen.

Rechtliche Grundlagen

Leihmütter sind Frauen, die ihre Fähigkeit, schwanger zu werden und ein Kind auszutragen, anbieten, sich dafür meist bezahlen lassen und anstelle anderer Frauen deren Kind zur Welt bringen.

In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. Nach dem Embryonenschutzgesetz von 1991 darf weder eine befruchtete Eizelle auf eine fremde Frau übertragen werden, noch eine Schwangerschaft mit der Absicht entstehen, das Kind gegen Entgelt an Dritte abzugeben. Hierzulande gilt die befruchtete Eizelle als menschliches Leben, das nicht als Objekt behandelt werden darf. Auch in der Schweiz, in Österreich, Dänemark und Schweden sind Leihmütter verboten, in Spanien nicht, aber dort sind Leihmütterverträge nichtig.

In den USA wird Leihmutterschaft immer populärer, ist aber nicht unumstritten. In einigen Bundesstaaten ist sie sogar verboten. Die rechtlichen Grundlagen der Leihverträge sind sehr unterschiedlich.

"Frozen Angels" heißt ein Film von 2005, der sich mit den emotionalen und psychischen Problemen von Leihmüttern und deren Auftraggebern beschäftigt. Er zeigt die Beziehung zwischen der (unfruchtbaren) Mutter Amy, Ende vierzig wie ihr Mann Steve, und der jungen eispendenden Leihmutter Kim. (FR)

Die Büroausstattung ist brandneu, der Umzug der Agentur liegt noch nicht lange zurück. Den Wartebereich dekorieren lilafarbene Teppiche und hellgrüne Wände. Auf dem Tisch liegen Elternzeitschriften und das Kinderbuch "Der Känguruhbeutel". Hinter der Dame am Empfang sitzen fünf Telefonistinnen mit Kopfhörern, die ununterbrochen in ihre Mikros sprechen. Über allen Schreibtischen kleben Babybilder.

Mitten in dem Großraumbüro sitzt hinter schalldichten Glaswänden die Chefin der Agentur. Melissa Brisman, eine Frau in den Vierzigern, hat vor 15 Jahren als Eine-Frau-Unternehmen begonnen. Sie wirkt gar nicht wie eine Karrierefrau, eher wie ein Collegemädchen in Bluse und Rock, mit dauergewelltem Haar, fröhlichen Augen, sportlicher Figur. Sie spricht in hohem Tempo und Tonfall, liest parallel Emails und Handynachrichten. Zurzeit jagt ein Termin den nächsten. Ihre Agentur verbuchte vergangenes Jahr Rekordumsätze. Nie war die Nachfrage nach Leihmüttern in den USA so groß wie heute. Während Samenbanken dank verbesserter Befruchtungsmethoden kaum noch Geld verdienen, profitiert das Leihmuttergewerbe vom medizinischen Fortschritt.

"Die Zahl der Vermittlungen verdoppelt sich jährlich", sagt Melissa Brisman. Im vergangenen Jahr vermittelte ihre Firma allein 160 Geburten. Verbände wie die Society for Assisted Reproductive Technology schätzen die Gesamtzahl in den USA auf rund 1000 Geburten pro Jahr. Besonders seit Prominente wie Robert de Niro und Sarah Jessica Parker öffentlich bekennen, die Dienste einer Leihmutter in Anspruch genommen zu haben, steigt die Akzeptanz in der Gesellschaft. Kürzlich brachte das New York Times Magazine eine gefühlvolle Titelstory über die Beziehung zwischen einer Mutter, einer Leihmutter und deren gemeinsamen Nachwuchs. Vermittelt wurde die Story von der Agentur Brisman, die im Text mehrmals zitiert wird.

Die namhaftesten Zeitungen und Nachrichtensender hatte Melissa Brisman bereits im Haus. Die beste Werbung ist jedoch ihre eigene Biografie. Die Chefin selbst hat aufgrund einer Krankheit keine Kinder bekommen können und dann jahrelang verzweifelt nach einer Leihmutter gesucht. Mitte der 90er Jahre geriet sie an eine windige Vermittlerin, die ihr für eine Leihmutter im Bundesstaat Maine ein Vermögen abknöpfte. Angespornt vom Kinderwunsch begab sich die damalige Steueranwältin Brisman auf juristisches Neuland und lernte dabei sämtliche Fallstricke kennen: Welche Versicherung bezahlt die Schwangerschaft, wer entscheidet über eine mögliche Abtreibung, was ist, wenn die Leihmutter das Kind auf einmal behalten möchte? Sie entwarf ein pfundschweres Vertragswerk und erstritt sich vor dem Bundesgericht das Recht, ihren Namen auf die Geburtsurkunde zu setzen - der Auftakt zu einer ganzen Serie von Petitionen.

Ihren ursprünglichen Schwerpunkt, nämlich Steuerangelegenheiten, ließ die Harvard-Absolventin bald links liegen. Gleich nach der Geburt ihrer Zwillinge Andrew und Benjamin baute sie ein Zimmer im Erdgeschoss ihres Hauses in ein Büro um. Sie begann damit, in Gemeindeblättchen und Lokalzeitungen Inserate mit der Überschrift "Leihmütter verzweifelt gesucht" zu setzen. Obwohl diese Praxis in den 90er Jahren noch mit Misstrauen beäugt wurde, war Melissa Brisman optimistisch, genügend Kunden zu finden. "Wer Kinder will, tut alles dafür." Das wusste sie aus eigener Erfahrung.

Schon ein Jahr nachdem sie ihre kleine Agentur gegründet hatte, musste sie Personal einstellen, um die Arbeit bewältigen zu können. Seitdem ist ihr Unternehmen zwei Mal aus Platzmangel umgezogen. Sechs Frauen arbeiten inzwischen für sie. Kürzlich hat sie den juristischen und finanziellen Aufgabenbereich ausgelagert und eine zweite Firma mit Namen "Reproductive Lawyer" gegründet. Sie befindet sich eine Tür weiter. "So haben die Kunden kurze Wege", sagt Brisman.

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Autor:  Akiko Lachenmann
Datum:  11 | 6 | 2010
Seiten:  1 2 3
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