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Leserbriefe: Wir müssen endlich aufwachen

Reaktionen der Leserinnen und Leser der Frankfurter Rundschau auf die Ereignisse von Winnenden.

Schon jetzt gibt es irreale Vorschriften

Diese Wahnsinnstat eines 17-Jährigen ist kaum zu begreifen. Es stellt sich dabei immer wieder die Frage nach den Ursachen, die eine solche Tat auslösen. Hier muss noch vieles hinterfragt werden. Leider verfallen schon wieder einige Kreise in Aktionismus und fordern eine weitere Verschärfung des Waffengesetzes, als wäre das ein Heilmittel. Schon jetzt gibt es restriktive Vorschriften über Lagerung und Transport von Waffen, die irreal sind. Leider lassen sich dadurch solche Amokhandlungen nicht verhindern. Im Falle Winnenden muss man sich aber fragen, wie es möglich ist, dass ein Minderjähriger an Schusswaffen im Elternhaus kommen kann.

Werner Langfeld, Karben

Gewalt kommt von Gewalt

Die Psychologen sagen, dass es das kaputte innere Kind war, die Schulpsychologen sagen, dass die Benotungen wegmüssen, die Familienministerin fragt sich tatsächlich, wie so was passieren konnte, die Astrologen haben ja vor Monaten schon vor dem starken Vollmond gewarnt, die Kirche freut sich über den großen Ansturm und teilt ihre Sprachlosigkeit mit, die letzte Wahlkampfstrategie wird über Bord geworfen und der Politiker hat wieder Grund, sich betroffen zu zeigen, und so weiter und so weiter. Das Puzzle hat sich geschlossen, als Tim die Waffe seines Vaters, an der er sehr gut geübt war, nach dem Frühstück in seine Obhut nahm. Die Jugendlichen, die ich kenne, um die es eigentlich geht, sagen wohl das einzig Wahre und geben die wohl einzig wahre Antwort: Gewalt kommt von Gewalt, und wo keine Liebe und Menschlichkeit ist, kann auch keine Liebe und keine Menschlichkeit wachsen.

Wir müssen uns alle an die Nase packen und endlich aufwachen. Das dachte ich mir heute Morgen auch, als im überfüllten Bus ein Teenie schrie: "Können Sie bitte die Tür hier hinten aufmachen?" und keiner diesen kleinen Hilferuf an den Busfahrer weitergab.

Nadia Doukali, Frankfurt

Überall auf der Welt verroht die Jugend

Es gibt keine Lösung für diese Art von "Unfällen", und ich sage bewusst hier "Unfall" und nicht Verbrechen. Solche jungen Leute treffen Sie überall auf der sogenannten "ersten" Welt an. Da helfen keine neuen Waffenerwerbsrestriktionen, denn dann rennen solche bedauernswerten Menschen halt mit dem Messer auf andere los. Siehe London!

Hier handelt es sich um eine Verrohung der Jugend, die überall auf der Welt geschieht. Sei es wegen Eltern, die überhaupt nicht Kinder haben dürften, sei es wegen Killerspielen, sei es wegen einer irrationalen, vom Markt provozierten Frustration (Werbung, Geltungsbewusstsein - das Ich-muss-haben-oder-nicht-Sein).

Es fängt alles bei der Basis der Erziehung an. Was verdient denn ein Hauptschullehrer? Und zwar derjenige, der am meisten verdienen müsste, eben weil er mit mehr problematischen Kindern zu tun hat als einer, der im Gymnasium lehrt? Da liegt der Hase im Pfeffer! Wenn Vater wegen Karrieredrucks nie zu Hause ist, wenn Mutter Telenovelas sieht, statt mit Sohn oder Tochter zu reden - dann stehen sie auf einmal da, diese angeblich Verrückten. Verrückt ist eine Gesellschaft, die glaubt, dass man die allerwichtigste Erziehung von allen, die Grunderziehung der Kinder, vernachlässigen kann.

Wie groß ist der Verteidigungsetat prozentual zum BNP? Wie groß der Erziehungsetat? Da kommen wir schnell auf die Gründe! Hier in Brasilien (der sog. "dritten" Welt) hat es bisher noch keinen solchen Fall gegeben, trotz aller Armut. Und warum? Weil hier die Eltern und Lehrer (trotz miserabler Bezahlung) sich meistens um ihre Kinder und Schüler wirklich kümmern. Und hier fehlt es weiß Gott nicht an Waffen, die man an jeder Ecke kaufen kann. Das Problem sind nicht die Waffen! Das Problem ist die Gesellschaft, in der solche bedauernswerte Geschöpfe leben und durchdrehen! Hans Dürrich, Taubaté (Brasilien)

Diskussion: frblog.de/winnenden

Datum:  13 | 3 | 2009
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