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Liselotte & Hans-Jochen Vogel im Interview: "Hier wird viel gestorben"

Wenn Ihr Mann unterwegs ist wie heute, sitzen dann nur Frauen am Mittagstisch?

Liselotte Vogel: Beim Essen sind wir dann alleine. Das ist eigentlich schade.

Hans-Jochen Vogel: Was? Das ist ja ein Kompliment!

Liselotte Vogel: Es ist nicht langweilig, es entbehrt nur eines gewissen Pfiffs, weil du Themen mitbringst, die zu angeregten Diskussionen führen.

Reden Sie über Politik?

Liselotte Vogel: Ab und an, aber nicht über Parteipolitik.

Und über Krankheiten?

Lieselotte Vogel: Nein, bei Tisch nicht. Ich weiß von der einen, dass sie einen niedrigen Blutdruck hat und morgens nicht in die Gänge kommt und von der anderen, dass sie ein Herzflimmern hat, aber das ist kein Thema, es wäre nicht gut, wenn man jeden Mittag über Krankheiten reden würde.

Sie sprechen also weder über Krankheiten, noch über Parteipolitik? Worüber reden Sie dann?

Liselotte Vogel: Sarkozy war lange ein Thema, wir haben eine Dame am Tisch, die hört leider sehr schwer, aber ihr Mann war bei der OECD in Paris, und über Sarkozy steht ja immer irgendwas Ulkiges in der Zeitung. Über die Wahlen oder die Regierungsbildung haben wir natürlich auch geredet, aber nicht sehr lange. Denn wenn mein Mann in seine politische Leidenschaft kommt, dann ist es, wie soll man sagen, kein Gespräch mehr.

Bremsen Sie ihn dann?

Liselotte Vogel: Ich beginne, von was anderem zu reden.

Siezen Sie sich am Tisch?

Hans-Jochen Vogel: Ja.

Liselotte Vogel: Es gibt Freundschaften im Haus, aber auch Leute, die kein einziges Wort miteinander wechseln wollen. Wir haben einen Herrentisch, da wird gar nicht gesprochen. Du hast gerade auf die Uhr geschaut, musst du gehen?

Hans-Jochen Vogel: Wenn Sie noch eine ganz spezielle Frage haben …

Kennen Sie das Buch von dem Sozialphilosophen André Gorz: Geschichte einer Liebe?

Hans-Jochen Vogel: Nein, worum geht es da?

André Gorz’ Frau war schwer krank, die beiden haben sich 2007 gemeinsam das Leben genommen. Können Sie das nachvollziehen?

Liselotte Vogel: Nachvollziehen kann ich’s, aber ich würde das nicht machen wollen.

Hans-Jochen Vogel: Das, was Sie da geschildert haben, respektiere ich. Es ist seine Entscheidung, die er auch selber verantworten muss. Aber ich denke, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist, dass wir durch eine enge Pforte gehen in einen neuen Abschnitt, von dem man keine konkrete Vorstellung hat, nur, dass man sich wieder begegnet, in welcher Form auch immer.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Liselotte Vogel: In meiner jetzigen Lage nicht, ich will nicht ausschließen, dass es mich erwischt, wenn ich in der konkreten Situation bin. Meine Mutter hat nie Angst gehabt und dann in den letzten zwei Tagen vor ihrem Tod hat es sie gepackt. Das kann man nicht vorhersagen.

Hans-Jochen Vogel: Also, ich habe keine Angst vor dem Lebensende, auch weil man ja ein erfülltes Leben schon hinter sich hat. Ich bin besorgt, wie das Ende sich gestaltet, ob das mit langen Schmerzen verbunden ist. Aber das Ende selber macht mir keine Angst. Da spielt wohl auch eine gewisse Rolle, ob man mit sich einigermaßen im Reinen ist.

(Hans-Jochen Vogel zieht sich an und geht zum Mittagessen ins Rathaus.)

Liselotte Vogel: Bis heute Abend.

Hans-Jochen Vogel: Wiederschau’n.

Frau Vogel, wie ist das, wenn an Ihrem Tisch plötzlich ein Stuhl leer ist, weil jemand gestorben ist?

Liselotte Vogel: Ja, der Platz von meiner Freundin, die gerade gestorben ist, der bleibt leer.

Sie lassen ihn ganz bewusst frei?

Liselotte Vogel: Sie saß zwischen meinem Mann und mir auf der Bank, da hätte außer meiner sehr schmalen Freundin kaum jemand Platz.

War Ihre Freundin Ihretwegen hierher gezogen?

Liselotte Vogel: Ja. Sie hat vorher alleine in ihrem Haus gewohnt, mit 86, ist auch noch Auto gefahren. Der ganze Bekanntenkreis hat sich große Sorgen gemacht. Dann habe ich sie einmal zum Kaffeetrinken eingeladen, wir wohnen im 12. Stock, es war ein schöner Tag, und man sieht von uns aus die gesamte Alpenkette. Als wir da so saßen, sagte sie, das könnte sie sich auch gut vorstellen. Aber dann hat sie sich nicht mehr eingewöhnt. Sie hat ihr Haus vermisst, ihre täglichen kleinen Arbeiten. Sie hatte nichts mehr zu tun, und dann machte sie einfach nichts mehr. Sie hat einfach aufgehört zu essen und sich mehr oder weniger zu Tode gehungert.

Ihre Freundin ist hier im Heim gestorben?

Liselotte Vogel: Sie hatte eine Patientenverfügung, und das war ein Glück, sie musste nicht künstlich ernährt oder ins Krankenhaus gebracht werden. Sie ist friedlich eingeschlafen. Danach wurde eine Aussegnung gemacht, in ihrem Zimmer. Das habe ich das erste Mal miterlebt, es war sehr eindrucksvoll. Da kamen auch alle Pflegerinnen, die mit ihr zu tun hatten und natürlich die Stiftspfarrerin.

Wäre es für ihre Freundin letztlich besser gewesen, zu Hause zu bleiben?

Liselotte Vogel: Das habe ich mich manchmal gefragt. Ich fürchte, irgendwann wäre sie die Treppe runtergefallen und hätte da gelegen, bis sie jemand gefunden hätte.

Wird man trauriger, wenn man so oft mit dem Tod in Berührung kommt wie Sie oder gewöhnt man sich daran?

Liselotte Vogel: Man geht damit um wie mit etwas Selbstverständlichem, das ist richtig. Ich möchte aber nicht, dass ich mich daran gewöhne. Wir haben am letzten Samstag einen Gedenkgottesdienst für alle Verstorbenen des Jahres gehabt. Letztes Jahr waren es 58, diesmal 66. Es gibt Musik und für jeden Verstorbenen wird eine Kerze angezündet.

Interview: Anja Reich

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Datum:  8 | 1 | 2010
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