Es ist erst kurz vor elf, aber vor der Tür des Speisesaals im Münchener Seniorenstift Augustinum warten bereits die ersten Mittagsgäste. Viele Frauen, wenige Männer. Auch Hans-Jochen Vogel ist nicht da. Mein Mann hat noch zu tun, sagt Liselotte Vogel und geht schon mal ins Café, wo das Interview stattfinden soll, über Gänge, an Türen mit Namenschildern vorbei. Hinter so einer Tür wohnen auch der SPD-Politiker und seine Frau seit drei Jahren. Liselotte Vogel hat ein Buch darüber geschrieben, warum sie sich zu diesem Schritt entschlossen haben. Als sie es auf den Tisch legt, steht ihr Mann plötzlich in der Tür, im Jackett und gut gelaunt. Er sieht immer noch so aus, als könnte er gleich eine Rede halten, macht aber darauf aufmerksam, dass er das ganz und gar nicht vorhat.
Hans-Jochen Vogel: Meine Frau ist heute die Hauptperson, nicht ich.
Liselotte Vogel wurde 1927 geboren, studierte 1946 bis 1951 Germanistik und war lange Jahre in München ehrenamtlich in der Sozialberatung tätig. Seit 1972 ist sie verheiratet mit Hans-Jochen Vogel.
Hans-Jochen Vogel, 1926 geboren, war von 1960 bis 1972 Oberbürgermeister von München, von 1972 bis 1974 Bundesbauminister und dann bis 1981 Bundesjustizminister. Im gleichen Jahr wurde er Regierender Bürgermeister von Berlin. Von 1987 bis 1991 war er SPD-Vorsitzender, von 1983 bis 1991 zugleich Chef der SPD-Bundestagsfraktion.
Das Ehepaar zog 2006 gemeinsam in das Seniorenstift Augustinum in München. Liselotte Vogel hat über ihre Erfahrungen ein Buch geschrieben: "Ich lebe weiter selbstbestimmt! Für einen mutigen Umgang mit dem eigenen Alter", Fackelträgerverlag 2009, 17.95 Euro.
Aber Sie sind ja mit ins Altersheim gezogen, Sie haben sicher auch was zu erzählen.
Liselotte Vogel: Mitgezogen ist gut. Das haben wir schon zusammen beschlossen.
Hans-Jochen Vogel: Mitgefangen, mitgehangen.
Sie, Herr Vogel, sollen es sogar gewesen sein, der gesagt hat, na gut, dann gehen wir eben in ein Wohnstift. Stimmt das?
Hans-Jochen Vogel: Ja, zu irgendeinem Zeitpunkt habe ich das wahrscheinlich gesagt. Meine Frau zitiert es jedenfalls in ihrem Buch.
Hatten Sie keine Angst? Es heißt ja immer, dass Altersheime ganz schrecklich sind.
Liselotte Vogel: Das war der Anlass für das Buch. Wir waren in eine Maischberger-Sendung eingeladen und mussten uns die ganze Zeit dafür verteidigen, dass wir in ein Altenheim gezogen sind. Blacky Fuchsberger hat gesagt, er stirbt mal auf der Bühne. Eine Dame hat berichtet, dass sie gleich wieder aus dem Heim ausgezogen ist, weil es ihr nicht gefallen hat. Und eine andere Teilnehmerin hat sich auch sehr kritisch über Heime geäußert. Daraufhin kamen viele Reaktionen von Jüngeren, die sagten: "Wenn ich doch mit meinen Eltern darüber reden könnte!" Mich hat erstaunt, wie häufig diese Themen verdrängt werden und man darauf wartet, irgendwann mal tot umzufallen. Das wünscht sich jeder, das ist die Luxusvariante, aber leider sterben so die wenigsten Menschen. Die meisten werden krank und müssen dann schnell einen Heimplatz suchen.
Wann haben Sie das erste Mal darüber gesprochen, in ein Heim zu ziehen?
Hans-Jochen Vogel: Das muss so um die Jahrtausendwende gewesen sein.
Gab es einen Anlass?
Liselotte Vogel: In dem Haus, in dem wir wohnten, lebte eine alte Dame. Sie war nicht krank, aber sie hat furchtbar unter Ängsten gelitten. Wenn ihre Tochter nur in den Keller ging, stand die alte Frau schon am Treppenabsatz und rief: "Wo bist du? Wo bist du?" Und die Tochter hat sich darauf eingelassen. Sie hat die Mutter bis zu ihrem Ende gepflegt und sich dabei fast selbst ruiniert.
Waren Sie damals noch gesund?
Liselotte Vogel: Einigermaßen. Es ist ja hier in München so, dass die Heime zumeist stark belegt sind und man einen Vorvertrag machen muss. Bei uns kam dann nach fünf Jahren das Angebot, genau für diese Wohnung, die ich im Kopf hatte.
Was ist das für eine Wohnung?
Liselotte Vogel: Eine Drei-Zimmer-Wohnung mit einem großen Wohnraum, einer kleinen Essdiele davor und zwei Zimmern. Loki Schmidt sagt immer, das Geheimnis einer guten Ehe sind getrennte Schlafzimmer, und auch wir wollten getrennte Zimmer behalten, das ist für meinen Mann ganz wichtig, weil er nachts immer noch an seinem Schreibtisch sitzt.
Hans-Jochen Vogel: 81 Quadratmeter haben wir.
Wie viel hatte Ihre alte Wohnung?
Liselotte Vogel: Das Doppelte.
Das ist aber schon eine Ausnahme, dieses Heim? Mit der Ausstattung, den Angeboten und einem Restaurant, in dem auch Wein angeboten wird?
Liselotte Vogel: Man muss sagen, das ist ein Wohnstift gehobener Klasse.
Wie teuer ist es denn?
Liselotte Vogel: Ein Einzimmer-Apartment einschließlich Mittagessen und Reinigung kostet hier ab 1316 Euro, ein Zweizimmer-Apartment 1897 Euro, unser Dreizimmerapartment 3850 Euro.
Übernimmt das Sozialamt einen Teil der Kosten, wenn Menschen sich das nicht leisten können?
Liselotte Vogel: Das hängt von den Umständen ab. Im konkreten Fall entscheidet das die Sozialbehörde.
War es für Sie ungewohnt, plötzlich auf engerem Raum leben zu müssen?
Liselotte Vogel: Überhaupt nicht, für mich hat es einen ganz großen Vorzug. Wenn mein Mann weg ist, fülle ich diese Wohnung ganz aus.
Hans-Jochen Vogel: Das Problem der leeren Zimmer tritt nicht mehr auf.
Liselotte Vogel: Da gibt es kein Esszimmer, das wochenlang nicht benutzt wird, weil man zu zweit dann lieber schnell in der Küche isst. Man braucht gar nicht soviel Platz, wie man sich einbildet.
Sie mussten sich sicher von vielen Ihrer Sachen trennen. Ist Ihnen das schwer gefallen?
Hans-Jochen Vogel: Ich musste mich von der Hälfte oder zwei Drittel meiner Bücher trennen. Die sind jetzt in der Universitäts- oder Stadtbibliothek.
Liselotte Vogel: Hat dir das mehr ausgemacht, als dich von Birnbach zu trennen?
Hans-Jochen Vogel: Ich würde sagen, ungefähr genauso. Birnbach war unser Refugium, ein kleines Waldarbeiterhaus in der Nähe von Birnbach.
Liselotte Vogel: Das ist ein Verlust, den ich immer noch nicht verwinden kann.
Warum haben Sie es dann aufgegeben?
Liselotte Vogel: Weils nicht mehr zu bewältigen war. Wenn wir ankamen, habe ich die Ärmel aufgekrempelt und geputzt. Das kann man, wenn man Ende 70 ist, nicht mehr bedenkenlos leisten, zumal wir einen großen Garten hatten und einen Obstanger und wir aus der Generation stammen, die ungern einen Apfel liegen lässt. Das kommt noch aus dem Krieg.
Was haben Ihre Kinder zu Ihrer Entscheidung gesagt, in ein Heim zu ziehen?
Liselotte Vogel: Keiner hat gesagt: Um Gottes Willen.
Hans-Jochen Vogel: Ich glaube, die Kinder haben erfreut zur Kenntnis genommen: Das haben die beiden alleine entschieden und nicht vor sich hergeschoben.
Liselotte Vogel: Es hat ja auch keine Sekunde einen Dissens gegeben. Das ist nicht immer so. Ich habe einen Brief von einer Dame bekommen, die schreibt, ihr Mann will an das Thema nicht ran.
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