Es dauert gar nicht mehr so lange, dann kann man auf Madonna stehen. Nur hat das nicht unbedingt etwas mit ihrem neuen Album zu tun, das am Freitag in den Handel kommt. Sondern damit, dass sie eine Damenschuhkollektion herausbringt, ab Herbst sollen die rund 60 Modelle zunächst nur in den USA erhältlich sein. Es gibt, zu Preisen von umgerechnet 70 bis 260 Euro, Plateau-Pumps und Ballerinas mit spitzer Metallkappe, Overknee-Stretch und schweren Nietenbeschlag, dem Vernehmen nach ein Best-Of jener Kreationen, die sie bislang auf der Bühne getragen hat.
Das qualitative Gefälle zwischen diesen Schuhen und jenen geschmeidigen Sonderanfertigungen, die die Füße der Großkünstlerin zieren, könnte größer nicht sein. Doch wenigstens bei dieser Konfektionsware für den Massenmarkt beweist Madonna ein Gespür für Vielfalt, das sich in ihrer neuen musikalischen Unternehmung so nicht unbedingt finden lässt.
So wird Madonna Ende der 80er zum Superstar: Mit Marilyn-Frisur und spitzem Bustier bei einem Konzert 1990.
Foto: picture-alliance/ dpaIhr zwölftes Studio-Album ist schon jetzt in 50 Ländern auf Platz 1 der iTunes-Charts, derart oft wurde es zum Download vorbestellt. „MDNA“ heißt es, so eine Auslegung, weil es Madonnas musikalische DNA enthalten soll: schlicht das Erbgut des Dancefloors, für das sie sich unterdessen als Lehrstuhlinhaberin sieht. Auf dem Cover erscheint sie, gebrochen durch in bunte Neonfarben getauchte Scheiben, in jener lasziven, gleißend ausgeleuchteten Arroganz, die man aus ihrer „Vogue“-Phase der frühen Neunziger kennt.
In diese Zeit führt „MDNA“ denn auch ganz entschieden zurück, inklusive trockener, mächtiger Bässe, allgegenwärtiger Vocoder, die aus jeder Stimme Schlumpf-Gepiepse machen, und des nervösen Stakkatos der Tasteninstrumente. Vielleicht hätte das vor 20 Jahren modern und aufregend geklungen, wer weiß. Anno 2012 wirkt es mehr wie der Versuch, verbriefte Erfolge, von „Music“ bis „Like A Prayer“, aufzuarbeiten, mit der Annahme, das sei eine sichere Bank und als Reminiszenz im geschlossenen System Madonna ohnehin unangreifbar.
Wer sich ins Internet begibt, der kann das Album schon heute umfassend kennenlernen. Vorab wurden von jedem der zwölf Titel sogenannte Snippets, rund einminütige Ausschnitte, mit Billigung der Künstlerin verbreitet, außerdem Videoschnipsel, auf denen sie den Fußboden energisch mit einem Schwamm abwischt.
Geboren am 16. August 1958 in Bay City, Michigan, ist Madonna Louise Veronica Ciccone heute der vielleicht letzte Superstar im Popmusik-Gewerbe. Bislang hat sie weltweit gut 350 Millionen Tonträger verkauft, außerdem dreht und produziert sie Filme, arbeitet als Schauspielerin und neuerdings auch als Designerin von Schuhen.
In der Highschool-Zeit wurde bei ihr ein IQ von 140 ermittelt. Nach dem Abschluss begann sie zunächst eine Tanzausbildung, zog dann aber nach New York und verdiente ihr Geld mit Kellnern.
Sie hatte Engagements als Tänzerin bei Alvin Ailey und sang in Bands wie Breakfast Club. Danach ging sie dazu über, in den Clubs zu ihren eigenen Demos zu tanzen. Eins davon war „Everybody“, ihre erste veröffentlichte Single. Ihr Debütalbum „Madonna“ erschien 1983.
Madonna war zweimal verheiratet, mit dem Schauspieler Sean Penn und dem Regisseur Guy Ritchie. Sie hat zwei leibliche Kinder, Lourdes Maria, 15, und Rocco John, 11, und zwei Adoptivkinder aus Malawi.
Am Freitag erscheint „MDNA“, das zwölfte
Studioalbum, es ist ganz dem Dancefloor-Pop ihrer frühen Jahre gewidmet.
Ihre Tournee führt sie auch nach Berlin (28.6., 30.6.) und Köln (10.7.).
Aber keine Sorge, das ist keine Einkehr, sondern bloß Material aus einer alten Werbekampagne für Dolce & Gabbana. Noch weitere vier neue Lieder sind auf der Deluxe-Version von „MDNA“ zu finden, darunter auch balladeske, rumpelnde Abrechnungen mit dem Ex-Mann, von denen eine den einsichtigen Titel „I F*cked Up“ trägt und das „I’m Sorry“ im Refrain wiederholt. „I Don’t Give A“ handelt ebenfalls von Verfehlungen und zu großen Erwartungen: „Ich versuchte ein gutes Mädchen zu sein/ Ich versuchte deine Frau zu sein ...“
Abgesehen von diesen überraschenden privaten Einlassungen ist es eine erstaunlich grobschlächtige Platte geworden, wovon schon Stücke wie „Gang Bang“ künden; zu pumpenden House-Rhythmen wird darin en passant ein Liebhaber per Kopfschuss erledigt. Man fühlt sich eigentlich die ganze Zeit über, als habe man eine New-Yorker-Filiale betreten oder eine andere Boutique jener knallheiteren Fast-Fashion-Ketten, in der einem die typische Euro-Dance-Musik mit stumpfem Duff-Duff-Duff und Synthesizer-Sirenen erwartet, so brachial wie im Bierzelt.
Einer der diversen hier beschäftigen Produzenten, William Orbit, mit dem Madonna schon bei „Ray Of Light“ zusammengearbeitet hatte, setzt dieses Mal nicht auf raffinierte, somnambule, entferntere Effekte, sondern auf Penetranz. Wie beim Soundprocessing im privaten Rundfunk ist die Musik derart komprimiert, dass es keine leisen Stellen mehr gibt, alles ist gleichermaßen aufdringlich, Höhen, Tiefen, Mitten, und darüber gibt es hier sogar eine liedgewordene Anbiederung im schunkelnden Midtempo, wie es der US-amerikanische Markt so liebt, „Turn Up The Radio“.
„MDNA“ tobt zumeist los wie die versammelten Finalistinnen eines Modelwettbewerbs, die das Herannahen von Heidi Klum fürchten, mit vorgeschütztem Frohsinn, berechnenden Affekten und ein wenig Verzweiflung. In dieser Altersklasse bewegt sich denn auch das gesamte Album: Madonna, unterdessen 53, will den Kampf um die Spannkraft noch lange nicht aufgeben. Insofern ist ihre Rolle immer noch die derjenigen, die mittendrin ist im Pulk der Tänzer: keine Frau, die das schon einige Jahrzehnte macht und mit einer gewissen Güte oder auch nur Lebenserfahrung auf die nächste Generation blickt.
Keine Frau eines gewissen Alters, sondern alterslose Anführerin. Eigentlich überhaupt keine Frau, das ist der auf Feierlaune gepolten Madonna momentan scheinbar zu erwachsen und viel zu ältlich. Auf „MDNA“ wimmelt es nur so von „girls“, von Mädchen, die gut sein wollen oder böse oder anders als die anderen – und die vor allem nur ein bisschen Spaß haben wollen, so zum Beispiel in „Girl Gone Wild“, der zweiten ausgekoppelten Single, bei der im schwarz-weiß gestylten Video der New Yorker Clubszene der frühen Neunziger gehuldigt wird, inklusive hübscher, sich küssender Männer und der Künstlerin mit wild hin und her geworfenen Haaren im weißen Stroboskopgewitter, das jedem Gesicht juvenile Glätte beschert.
Zwischen dem ganzen Uh-hu-hu, Eh-he-he und Ooooh-la-la, zwischen den drollig angezickten „bitches“ und ihren „toy boys“ (also der prestigeträchtigeren Variante der Schlampe nebst ihres anspruchslosen Begleiters) liegt das Nichts, denn dass es dieses Mal dunkel, schmutzig und verwegen zuginge, bleibt bloße Behauptung. Der Vorläufer von „MDNA“, „Hard Candy“ (2008), war zwar etwas plump in seinen geschnarrten Anspielungen auf die gereifte Erotik der Künstlerin, aber immerhin wirkte die Botschaft noch glaubwürdig.
Für die erste Single aus „MDNA“, „Give Me All Your Luvin’“, hat Madonna ihre Kolleginnen M.I.A. und Nicki Minaj als Gastsängerinnen verpflichtet, eine militant widerborstige, tamilisch-britische Rapperin und eine bonbonbunte Lady-Gaga-Adeptin des HipHop also, jede auf ihre Art innovativ und verblüffend und damit eine potenzielle Konkurrentin. Umarme deine Feinde, so lautet hier das Prinzip: Bei Madonna werden beide zu Cheerleadern degradiert, im Video schwenken sie Pompons, während sie mit dem Chor „L-U-V Madonna/Y-O-U you wanna“ skandieren, das ganze Lied ist zuckerwattesüßes Begleitprogramm zu einer Sportveranstaltung und knattert zwischendurch wie eine Maschinengewehrsalve.
Das Dumme ist nur: Ob sie nun Trenchcoat trägt oder mit einem Footballer-Helm jongliert, Madonna sieht in diesem Video stets aus wie Gwen Stefani, die sich anfangs sehr viel von ihr abgeguckt hat – die sattroten Lippen, die sorgfältig coiffierten, wasserstoffblonden Haare, in denen die Sonnenbrille steckt, als Klischee einer Ostküstenschönheit, die sich am Pool langweilt und so auf Abwege gerät.
Madonnas Chiffren – und das ist eines ihrer Verdienste – sind Allgemeingut der Populärkultur geworden, auch wenn sie viele selbst entlehnt hat bei Marlene Dietrich und Marilyn Monroe. Doch sie gehören ihr nach drei Jahrzehnten im Geschäft eben auch nicht mehr allein.
Eine andere Rolle als die der ruhmreichen Herrscherin aber hat sie nicht gefunden. Deswegen soll nun eben das Geschäfts-Imperium errichtet werden, es begann im letzten Jahr mit „Material Girl“, einer Modekollektion für Teenager. Die Marke „Truth Or Dare“ – benannt nach einem erotiklastigen Dokumentarfilm von 1991, auf Deutsch „Im Bett mit Madonna“ – visiert nun die kauffreudigen 27- bis 50-Jährigen an. Neben Schuhen wird man Dessous, Champagnerverpackungen und Handtaschen anbieten und ab April bereits das Parfüm „Truth Or Dare“, übersetzt: Tat oder Wahrheit. Und mit viel Vanille, Jasmin, Moschus nichts, was sich olfaktorisch ignorieren ließe. Wie die Werbestrecke dafür aussehen wird, ist auch schon längst im Internet zu sehen: Völlig verzückt schmiegt sich Madonna an eine andere Frau – es ist ihr Spiegelbild.
Anlass zu Misstrauen ist grundsätzlich gegeben, wenn jemand aus dem Showbusiness neue Gefilde für sich entdeckt, es riecht doch immer nach schneller Geldmitnahme. Gwyneth Paltrow, eine nähere Freundin Madonnas, entdeckte ihre Leidenschaft für das Kochen, Braten und Beraten ihrer Mitmenschen, als es mit der Schauspielerei nicht unbedingt glänzend lief und schuf sich das Lifestyle-Portal Goop.
Madonna muss sich gewiss nicht schlaflos wälzen, doch nach ihren Maßstäben war der Vorgänger von „MDNA“ kein Erfolg. „Hard Candy“ (2008) verkaufte sich bislang vier Millionen Mal, es ist damit das erste von Madonnas Studioalben, das im einstelligen Millionenbereich geblieben ist. Da ist es gut, Alternativen zu haben, wenn es auf dem Dancefloor zu rutschig wird. Man muss ja nicht gleich gärtnern.
Nun will natürlich nicht jede Künstlerin, die eine bewegte Jugend hinter sich hat, so wie etwa Marianne Faithfull innerhalb des möglichen musikalischen Spektrums ins beredte Diseusenfach wechseln. Dagegen, dass man diesseits der 50 noch Teil der Ausgehgesellschaft sein will, ist auch nicht das Geringste einzuwenden. Nur verspannt sich keine wie Madonna so sehr bei dem Versuch, Schritt zu halten mit jeder neuen Generation, die das Clubleben als Teil des Erwachsenwerdens für sich beansprucht. Insofern steht sie jetzt in Konkurrenz mit ihrer 15-jährigen Tochter Lourdes, die bei dem Stück „Superstar“ im Background mitsingt und, als begeisterte Tänzerin, mit der Mutter in diesem Jahr auch auf Welttournee gehen wird.
Man kann einer Frau im Alter von Madonna nicht gut ein Kompliment machen. Dass sie immer noch toll aussieht, entspricht den Tatsachen, klingt aber herablassend. Allerdings gibt es einige Frauen im Alter von Madonna, bei denen man über die verflogenen Jahre und ihre Spuren kaum einmal nachdenkt. Die Schauspielerinnen Julianne Moore, Tilda Swinton, Kristin Scott Thomas und Michelle Pfeiffer sind ebenfalls alle Anfang 50, scheinen das aber nicht als die größte Belastung ihres Daseins wahrzunehmen.
Die Halbzeit des Super Bowl gehörte ihr: Popdiva Madonna beeindruckt mit einem zwölfminütigen Auftritt. Madonna selbst erschien zunächst als römische Kaiserin mit diamantenbesetzter Krone und gab ihren Hit „Vogue“ von 1990 zum Besten. Nach weiteren Songs wie „Music“ und „Give Me All Your Luvin“ präsentierte der Superstar zum Schluss „Like A Prayer“ von 1989, bevor die erleuchteten Worte „World Peace“ (Weltfrieden) vor dem dunklen Spielfeld erschienen und Madonna selbst in einer Rauchwolke verschwand.
Foto: AFPJa, auch Swinton ist, wie Madonna, mit einem erheblich – im Fall von Sandro Kopp 18 Jahre – jüngeren Mann zusammen, als drolliges Spielzeug stellt sie ihn, anders als diese mit ihren wechselnden Tänzern, allerdings nicht aus. Ja, auch Julianne Moore hat schon mal den Blick auf ihren in ein Leopardenhöschen verpackten Schritt freigegeben und zwar 2008 auf dem Cover der französischen Vogue. Doch in beiden Fällen ist das Experiment freundlich begutachtet und nicht darüber gestritten worden, ob das fortgeschrittener Jugendwahn sei.
Madonna allerdings sehnt sich insgeheim immer noch sehr nach dem knappen Spandex-Höschen und sonst gar nichts. Zwar hat sie sich als Regisseurin von „W.E.“ (in den deutschen Kinos ab dem 19. April) im letzten Jahr einen erstaunlich eleganten Vierzigerjahre-Look zugelegt, denn in dem Film geht es um König Edward, der wegen seiner großen Liebe Wallis Simpson abdankt. Aber als sie, in einer wundervoll sternenübersäten, blausilbernen Robe von Stella McCartney, das erste Mal belobigt wurde für ihren Stil auf dem roten Teppich, da verdarb sie den Moment, als sie anmerkte, sich in diesem Kleid doch „ein kleines bisschen fett“ zu fühlen.
Dabei beschert ihr solch historischer Hollywood-Glamour mittlerweile ihre besten Momente, wie man neulich bei der Halbzeit-Show des Superbowl, des Finales im American Football, sehen konnte. Madonna, die vier Lieder zum Besten gab, darunter „Vogue“ und „Like A Prayer“, triumphierte, vollendet zelebriert in jeder Geste, mit der sie ihre goldenen Schwingen ausbreitete. Das französische Luxushaus Givenchy hatte sie als Mischung der ägyptischen Gottheiten Isis und Hathor angezogen, beide in der Mythologie mit dem denkwürdigen Titel der Königin des westlichen Himmels bedacht. Darunter steckten ein römisches Gladiatoren-Faltenröckchen und oberschenkelhohe Stiefel aus dem gehobenen Fetisch-Bedarf. Eine Kombination, die durch eifrige Analysen ihrer Anhänger noch denkwürdiger wurde; diese entdeckten auf der stark bevölkerten Bühne auch noch Pentagramm-Formationen, sahen Freimaurer-Schürzen und die ziegenköpfige Götzenfigur des Baphomet, was sie Madonna auf satanischer Fährte vermuten ließ.
Nichts liegt ihr ferner. Erstens, weil sie die Welt der Populärkultur wie die des Underground ohnehin immer als großen Selbstbedienungsladen aufgefasst hat. Damit geht jede tiefere Symbolik wohlfeil in der bestmöglichen Bühnenshow auf. Zweitens, weil unter dem quietschenden, hochtönenden Hedonismus von „MDNA“ bisweilen unversehens dunklere Stellen liegen. Solche, die richtig schön katholisch von Schuld und Sühne handeln, solche, die den Dancefloor gewissermaßen zum Beichtstuhl werden lassen. „I’m A Sinner“ heißt eins dieser Stücke von der Sünderin. Und ein anderes, „Girl Gone Wild“, setzt mit einer Bitte um Vergebung ein – mit der Sorge, die Qualen der Hölle erleiden zu müssen und dem inbrünstig an Gott gerichteten Gebet, dies Madonna Louise Veronica Ciccone doch zu ersparen: „I want so badly to be good“, nichts will ich mehr als gut sein.
Für sie ist es die Hölle, wenn die anderen besser sind.
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