Am Bücherregal neben meinem Schreibtisch in Peking hängt ein rotgoldenes Amulett. Auf seiner Vorderseite zeigt es den jungen Mao Zedong. Links neben Maos Kopf steht auf Chinesisch "Der Riese einer Generation".
Bedeuten soll das offenbar, Mao sei eine der größten Persönlichkeiten seiner Zeit gewesen, vielleicht sogar die größte überhaupt. Das Mao-Amulett hängt aus sentimentalen Gründen in meinem Zimmer, denn in meiner Jugend verehrte ich den Mann sehr. Ich schätzte ihn besonders, weil er während der Kulturrevolution die Jugend Chinas und der Welt mit Sätzen wie "Rebellion ist gerechtfertigt" und "Bombardiert das Hauptquartier" zum Aufbegehren ermuntert hatte.
Mao Zedong wurde 1893 als Sohn einer Bauernfamilie in der zentralchinesischen Provinz Hunan geboren. Er wuchs in einem abgeschiedenen Dorf auf, bekam aufgrund des bescheidenen Wohlstands seiner Familie Unterricht durch einen Privatlehrer. Mit 17 besuchte er eine Mittelschule, wurde dann Hilfsbibliothekar an der Universität in Peking, wo er Kontakt zu Marxisten bekam. Unter den chinesischen Kommunisten wurde er schnell zur Führungsfigur.
Zum Herbsternte-Aufstand rief Mao 1927 in Changsha auf - dieser wurde jedoch schnell niedergeschlagen. Mao flüchtete ins Jinggang-Gebirge, wo er neue Mitstreiter fand. Mao gründete mit den Guerillaverbänden seiner Roten Armee die Jiangxi-Sowjet-Republik, die 1934 auf Druck der regierenden Kuomintang aufgeben werden musste.
Der Lange Marsch führte die Kommunisten 1934/35 vom Südosten in den Nordwesten Chinas. 12 500 Kilometer sollen sie dabei zurückgelegt haben. Während dieser Zeit übernahm Mao die Führung der KP.
Die Volksrepublik China rief Mao 1949 nach dem Bürgerkrieg und dem Sieg über die Kuomintang aus. Er selbst fungierte als Vorsitzender der "Zentralen Volksregierung".
Den "großen Sprung nach vorne" befahl er 1958. Die Industrialisierung Chinas sollte vorangetrieben werden. Er ließ massenhaft Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft abziehen - es folgte die größte Hungersnot, die je von Menschen verursacht wurde; die Zahl der Toten wird auf 20 bis 40 Millionen geschätzt.
Die Kulturrevolution rief er 1966 aus. In der Folge ließ er innerparteiliche Konkurrenten und Intellektuelle umbringen. Sieben Millionen Menschen sollen bis 1976 dem Staatsterror zum Opfer gefallen sein.
Bis zu Maos Tod 1976 blieb China ein wirtschaftlich unterentwickeltes Land. Die Kommunistische Partei sieht die Kulturrevolution heute als Fehler. Eine Aufarbeitung von Maos Verbrechen hat allerdings nie stattgefunden. Er wird weiterhin ikonenhaft verehrt. Seine Gebeine liegen im Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Christian Y. Schmidt war Titanic-Redakteur und lebt seit mehreren Jahren in Peking. Von dort schrieb er eine China-Kolumne für die Titanic.
Soeben ist von ihm das Buch: "Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai nach Kathmandu" bei Rowohlt Berlin erschienen.
Damals war Mao für mich wie für viele andere tatsächlich der Riese einer Generation - meiner nämlich. Wir hielten ihn für einen großen antiautoritären Popstar.\' Mein Amulett ist allerdings nicht diesem kulturrevolutionären Mao zugedacht. Ich habe es auf meiner großen China-Reise vergangenen Jahr in einem Tempel ganz oben auf dem heiligen buddhistischen Jiu Hua-Berg von einem Mönch erstanden.
Die Rückseite des hölzernen und lackierten Anhängers zeigt überraschenderweise ein flottes Sportwagencabrio, über dem "Gute Fahrt!" steht. Das Amulett gehört also wohl eigentlich an den Rückspiegel eines Autos, wo Mao dann als eine Art heiliger Christophorus auf Fahrer und Fahrzeug aufpasst.
Tatsächlich gilt Mao im heutigen China als Schutzpatron der Auto- und der Taxifahrer. Warum, habe ich bisher nicht in Erfahrung bringen können. Aber immerhin apostrophierte man ihn hierzulande ja einst auch als "Großen Steuermann".
Heilig ist Mao aber nicht nur den chinesischen Autofahrern. In Maos Geburtsort Shaoshan falten Fußgänger ihre Hände vor der dortigen Mao-Statue und verneigen sich drei Mal - ganz so wie vor einem Buddha. Auch bei einem Teil der chinesischen Daoisten hat der große Vorsitzende inzwischen einen guten Ruf. Auf dem Land soll es Schreine geben, die nur dem Kult Maos dienen, und wie zu lesen ist, werden selbst auf Taiwan Mao und seine erste Frau Yang Kaihui als Dao-Gottheiten verehrt.
Mao als Gott - da staunt der nicht mit China vertraute Westler. Erstens war der Mann doch Atheist, und zweitens: Wurden denn nicht während der Kulturrevolution mit ausdrücklicher Billigung des großen Vorsitzenden Anhänger der Religionen verfolgt und religiöse Kunstwerke sowie Tempel zu Klump geschlagen?
Das ist natürlich richtig. Aber auch schon lange vor Mao sind politische Führer und militärische Helden, die nach christlich-abendländischen Begriffen nicht die Frömmsten waren, in den chinesischen Götterhimmel aufgestiegen.
General Guan Yu zum Beispiel startete seine Karriere um etwa 200 nach Christus, indem er sich an der Niederschlagung des Bauernaufstands der Gelben Turbane beteiligte. Später wurde aus ihm eine heroische Romanfigur, noch später ein Bodhisattva und ein daoistischer Gott. Ein Held und ein großer militärischer Stratege ist Mao für die Chinesen allemal. Er hat China von fremder Knechtschaft befreit und das Reich geeint.
Angesichts dieser Verdienste fällt es kaum ins Gewicht, dass er auch ein paar Fehler gemacht hat. Für die Bauern und die kleinen Leute sind die sowieso vernachlässigbar. Für sie ist und bleibt Mao der Mann, der die Großgrundbesitzer beseitigt und die Reichen bekämpft hat.
Tatsächlich sieht man im ganzen Land Mao-Poster fast nur an den Wänden kleiner Läden, Werkstätten oder bescheidener Restaurants hängen. Sie scheinen auch eine Mahnung an die heutige KP-Führung zu sein, ihre Wurzeln nicht zu vergessen.
Die meisten Intellektuellen und Künstler sind weniger gut auf den großen Vorsitzenden zu sprechen. Kein Wunder, wurde doch gerade diese Gruppe während der Kulturrevolution besonders stark verfolgt. Und doch kommt ein Großteil dieser Leute auch heute nicht ohne Mao aus.
Das gilt vor allem für Maler und Bildhauer: Man kann in China auf keine moderne Kunstausstellung gehen, auf der sich nicht mindestens ein Drittel der Künstler irgendwie an Mao abarbeitet, und sei es nur, weil sich solche Kunst gut verkauft. Überall und immer wieder wird Mao mit Ikonen der westlichen Moderne kombiniert, tritt er mit Marilyn Monroe und der Freiheitsstatue auf oder trinkt Coca Cola.
Genau so muss die chinesische Souvenir-Industrie Mao für seine Existenz ewig dankbar sein, denn was wäre sie ohne Mao-Feuerzeuge, auf alt getrimmte Mao-Bibeln oder Mao-Büsten aus Porzellan?
Und so gelingt dem toten Mao das, was dem Lebenden nicht immer gelang oder was er aus Gründen des permanenten Klassenkampfes gar nicht angestrebt hatte: Er vereinigt hinter sich Chinesen aller Schichten und Bekenntnisse. Selbst die neuen Kapitalisten Chinas schätzen den egalitären Revolutionär, der einst alles drangesetzt hatte, um sie auszumerzen. Zumindest umgeben sie sich gerne in großer Zahl mit seinen Porträts.
Seit Ende der Neunziger ist Mao nämlich auch auf allen größeren chinesischen Geldscheinen abgebildet, angeblich, weil sich die Scheine mit dem allseits bekannten Kopf schlechter fälschen lassen. Auch ich muss zugeben, dass mir dieser Schein-Aspekt des Maoismus zusehends mehr zusagt als der Maoismus meiner Jugend. Es muss am Alter liegen.
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