Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Panorama
Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft

08. Januar 2013

Margarethe von Trotta: Die Widerstände haben mich stark gemacht

Regisseurin Margarethe von Trotta: „Die Männer sagten, wir sind für Frauenemanzipation. Aber in ihrem kleinen häuslichen Bereich waren sie dann gar nicht mehr so fortschrittlich“  Foto: BLZ/Markus Wächter

Sie war ein uneheliches Kind, als das noch unschicklich war, und wurde Regisseurin, als das noch Männersache war. Ein Gespräch mit Margarethe von Trotta über Unabhängigkeit, gute Beziehungen und Fragen, die man nur Frauen stellt.

Drucken per Mail

Sie war ein uneheliches Kind, als das noch unschicklich war, und wurde Regisseurin, als das noch Männersache war. Ein Gespräch mit Margarethe von Trotta über Unabhängigkeit, gute Beziehungen und Fragen, die man nur Frauen stellt.

Die Suite im Berliner Hotel Grand Hyatt ist unberührt – Margarethe von Trotta gibt hier nur Interviews, übernachtet hat sie lieber bei Freunden in Charlottenburg. Die Regisseurin, die seit vielen Jahren in Paris lebt, ist in Berlin, um „Hannah Arendt“ vorzustellen, ihren Film über die deutsche Philosophin. Das ganz in cremeweiß und dunkelbraun gehaltene Hotelzimmer ist von unterkühlter Eleganz, für einen Hauch von Leben sorgt nur der geradezu aufreizend bunte Obstkorb auf dem Tisch. Bis Margarete von Trotta hereinkommt. Klare Stimme, fester Händedruck, direkter, zunächst noch belustigter Blick.

Frau von Trotta, wir würden mit Ihnen gern über Frauen sprechen.

Nee, dazu hab ich aber überhaupt keine Lust. Können wir nicht über Hannah Arendt reden?

Natürlich, aber Hannah Arendt ist ja auch eine Frau und …

Ich kann es gar nicht mehr hören. Jeder will von mir wissen, warum ich starke Frauen zeige. Warum fragen mich das alle? Und die sind ja auch nicht nur stark, die haben auch ihre Schwachstellen. Das klingt immer so: die Heroinen! Haben Sie schon mal einen Mann gefragt, warum er starke Männer zeigt? Bestimmt nicht.

Vielleicht sind Ihre Frauen ja vielschichtiger als viele männliche Helden.

Aha! Jetzt versuchen Sie’s auf die Tour! Aber ich hab Sie durchschaut! Außerdem sind solche Männer nicht immer eindimensional dargestellt, schauen Sie sich den letzten James-Bond-Film an.

Wir wollten Sie doch gar nicht fragen, warum Sie Filme über Frauen machen. Aber man kommt ja nicht umhin, festzustellen, dass Sie es tun – die Frauen aus der Rosenstraße, die um ihre deportierten Männer kämpfen, Rosa Luxemburg, Hildegard von Bingen und jetzt Hannah Arendt.

Ja, weil Hannah Arendt eine wichtige Denkerin des letzten Jahrhunderts war. Das ist nun mal eine Tatsache, dass es da wenige Philosophinnen und politische Denkerinnen gegeben hat. Wenn man sich dann so eine Frau aussucht, wirkt es immer gleich so frauenrechtlerisch. Was ich natürlich auch bin. Aber ich will mich nicht immer darauf reduzieren lassen. Das werde ich aber, seit ich Filme mache. Und da antworte ich natürlich als Emanze: Nee, ihr habt nur das Recht, mich das zu fragen, wenn ihr das umgekehrt auch die Männer fragt. Und das betrifft nicht nur die Themen meiner Filme. Ich bin 70, das weiß man, bin ich letztes Jahr geworden. Jeder wird, wenn er Glück hat, so alt. Aber mir dann zu sagen, Sie sind ja jetzt 70 geworden, denken Sie nicht manchmal dran aufzuhören – glauben Sie, einer hätte das Peter Zadek oder den Ken Loach gefragt. Woody Allen wird in zwei Jahren 80. Den wird man doch niemals fragen, wollen Sie nicht endlich aufhören. Warum fragt man mich das?

Warum denn?

Weil man keinen Respekt vor einer Frau hat, darum.

Gegen alle Widerstände

Aber auch das wollten wir Sie gar nicht fragen. Sondern zum Beispiel darüber reden, was sich geändert hat für Frauen. Sie mussten noch Widerstände überwinden, um als Regisseurin arbeiten zu können. Bei dem Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, den Sie mit Volker Schlöndorff zusammen gemacht haben, tauchte Ihr Name im Abspann gar nicht auf.

Das ist ja ok, darüber rede ich ja auch.

Wären Sie denn lieber heute eine junge Regisseurin?

Schwer zu sagen. Dass es nicht einfach war, hat mich sicher auch stark gemacht. Je größer die Widerstände sind, desto stärker wird man. Wenn das alles so leicht gegangen wäre, ich weiß nicht, ob ich dann heute noch Filme machen würde.

Was ist heute anders?

Heute wird etwa die Hälfte der Filme von Frauen gemacht. Das heißt nicht, dass wir schon so weit gekommen sind, dass es selbstverständlich wird. Das hat man ja beim letzten Filmfest in Cannes gesehen, da war wieder keine Frau dabei. 22 Filme von 22 Männern. Da haben französische Regisseurinnen einen Protestbrief geschrieben. Männern fällt das nicht auf, wenn keine Frau dabei ist. Frauen haben sich so weit durchgesetzt, dass sie da sind, dass sie Filme machen können, auch wenn sie immer noch weniger Geld dafür bekommen als Männer. Ich weiß nicht, ob man die 100 Millionen, die Tom Tykwer jetzt für „Cloud Atlas“ hatte, einer Frau gegeben hätte. Meine Produzentin sagt, wenn sie das Drehbuch einer Frau einreicht, wird es grundsätzlich eher abgelehnt als das eines Mannes. Und sie ist überhaupt nicht frauenemanzipatorisch, sie ist 40 Jahre alt und erfolgreich, sie muss sich nicht darum bemühen, dass man sie wahrnimmt und ernst nimmt. Aber das ist ihr aufgefallen.

Die Männer dominieren immer noch viele Bereiche.

Ja. Ich habe gerade von einer jungen Frau gelesen, die sich sehr bemüht, dass Frauen in höhere Positionen kommen, in diese Machtbereiche, in denen sonst nur Männer sind, und sie sagte, dass Frauen diese Posten, in denen man über andere die Macht hat, oft gar nicht wollen. Männern ist das gegeben. Macht auszuüben ist für sie eine natürliche Haltung. Frauen stecken zurück, nicht, weil sie es sich nicht zutrauen, sondern weil sie diese Art von Verhalten nicht schätzen und sich da auch nicht verbiegen wollen. Diese Art von Konkurrenzkampf, das können Männer einfach besser durchstehen. Ich hätte auch Angst, dass man da einen schlechten Charakter bekommt.

Liegt das nur an der von Männern geprägten Unternehmenskultur, oder haben Frauen weniger Lust auf Macht?

Da würden jetzt ganz viele Frauen widersprechen, und man kann es natürlich nicht verallgemeinern – aber ich glaube schon, dass vielen Frauen diese Art von Lust an der Macht und am Machtkampf nicht so gegeben ist. Das ist ja fast ein sexueller Akt bei Männern.

Gleichzeitig hat sich einiges geändert zwischen den Geschlechtern. Viele junge Väter kümmern sich zum Beispiel ganz selbstverständlich um ihre Kinder.

Das freut mich immer wieder, dass an den Spielplätzen Männer sitzen. Auch in Paris, wo ich lebe, sehe ich das. Das gab’s zu meiner Zeit nicht. Als mein Sohn klein war, saßen da immer nur die Frauen, die haben dann gehäkelt, und das war schon oft sehr lästig. Dass sich das jetzt so angeglichen hat, finde ich schön. Dass es Männer nicht mehr als Schmach empfinden, sich um Kinder zu kümmern.

In Paris haben Sie zum ersten Mal mit 18 Jahren gelebt, als Au-pair-Mädchen. Warum gerade da?

Das haben viele junge Frauen gemacht, die sich im Adenauer-Deutschland nicht mehr wohlgefühlt haben, die in die Welt wollten. Zu meiner Zeit waren zum Beispiel auch die späteren Filmemacherinnen Jutta Brückner und Ula Stöckl da und auch Hanna Schygulla. Wir wussten aber nichts voneinander. Amerika war zu weit, nach Paris konnte man per Autostopp.

Per Anhalter unterwegs

Sie sind per Anhalter gefahren? Da ist Ihre Mutter doch gestorben vor Angst.

Das hab ich ihr natürlich nicht gesagt. Ich hab’s ja auch nicht immer gemacht, aber manchmal ging es nicht anders. Ich erinnere mich vor allem an eine Reise, da wollte ich von Paris zurück nach Düsseldorf. Ich war ja bis zu meiner ersten Ehe staatenlos, wie Hannah Arendt, und brauchte für jedes Land ein Visum. Ich saß im Zug ohne Durchreisevisum für Belgien, man musste das ja immer auch bezahlen, das war teuer. Ich dachte, da mogele ich mich durch, aber dann hat der Beamte mich am Grenzbahnhof mitten in der Nacht rausgesetzt aus dem Zug. Mit Autostopp bin ich dann zurück nach Paris. Natürlich war so was nicht ungefährlich. Die Männer haben auch gesagt, haben Sie keine Angst, so alleine, sind Sie nicht schon mal belästigt worden? Meine Antwort war immer: nein, niemals. Da konnte der natürlich nicht der Erste sein.

Haben Sie in Paris entdeckt, was Sie anfangen wollen mit Ihrem Leben?

Ja, da hab ich erfahren, was Film sein kann. Ich habe Filme von Ingmar Bergman gesehen, von Hitchcock, von der ganzen Nouvelle Vague. Das war Anfang der Sechzigerjahre, da hat man in Deutschland Heimatfilme gesehen. Film war für meine Mutter und mich keine Kunstkategorie. Kunst, das war Theater, Oper, Ausstellungen, Konzerte. In Paris hab ich dann mit französischen Studenten Filme gemacht, auch einen richtigen Spielfilm. Mit Geld, das die zusammengekratzt hatten. Ein Thriller, aber ein philosophischer, extremer. Ins Kino ist der nie gekommen, aber schlecht gemacht war er nicht. Ich besitze noch eine Kopie. Regisseur war mein damaliger Freund, der Orson Welles sehr verehrte. Es war dann ein zweiter Spielfilm geplant, in dem ich die Hauptrolle spielen sollte. Ich dachte, wenn das so ist, brauche ich doch ein bisschen Unterricht. Ich bin also nach Deutschland zurück, habe studiert und nebenbei Schauspielunterricht genommen. Am Ende ist der Film nicht zustande gekommen. Ich bin in Deutschland geblieben und Schauspielerin geworden. Das war aber letztlich auch wieder ein Umweg.

Sie sind also als braves Au-pair-Mädchen gegangen und als Schauspielerin wiedergekommen?

Ich war ja nicht nur Au-pair-Mädchen, ich habe auch studiert. Als Au-pair-Mädchen habe ich meinen Lebensunterhalt verdient.

Das mit der Schauspielerei war aber sicher nicht die Hoffnung ihrer Mutter?

Ich habe immer alles machen dürfen, was ich wollte. Meine Mutter war sehr tolerant. Sie hat mir vertraut, und ich habe sie auch nie hintergangen. Gut, das mit dem Autostopp sollte sie nicht wissen, sie hätte sich zu sehr geängstigt. Im Wesentlichen habe ich aber immer alles erzählt. Ich durfte auch viel mehr als meine Freundinnen. Die mussten pünktlich um zehn zu Hause sein, ich durfte so lange bleiben, wie ich wollte. Meine Freundinnen, mein Gott, was haben die sich teilweise torturiert!

Wie sehr hat es Sie geprägt, uneheliches Kind einer alleinerziehenden Mutter zu sein, in einer Zeit, in der das nicht sehr schicklich war?

Das wurde mir natürlich oft vorgehalten: unehelich, staatenlos. Da kamen ein paar Sachen zusammen, die im bürgerlichen Sinne nicht gerade erfreulich waren. Aber je mehr man angegriffen wird, umso stärker wird man. Und dadurch, dass ich immer die Beste in der Klasse war, konnte mir niemand so richtig an den Wagen fahren. Ich habe immer allen geholfen, mit denen Schulaufgaben gemacht, ich habe die abschreiben lassen. Das war meine Gegenwehr.

Wären Sie gern wie die anderen Kinder gewesen?

Staatenlos war schon sehr lästig. Ich war heimatlos, hatte nur einen sogenannten Fremdenpass. Allein dieses Wort sagt es schon: Ich war fremd. Meine erste Ehe bin ich, glaube ich, nur eingegangen, um die deutsche Staatsangehörigkeit zu bekommen. Ich hatte kein Bedürfnis, verheiratet zu sein. Überhaupt nicht. Aber das war dann wirklich ein Grund. Und da mein Mann unbedingt heiraten wollte – nun gut. Ich habe ihn nicht dazu gezwungen. Ich habe überhaupt niemanden gezwungen, mich zu heiraten. Man sagt ja, es seien immer die Frauen, die geheiratet werden wollen. Das kann ich nicht bestätigen.

Auch Volker Schlöndorff, Ihr zweiter Mann, wollte Sie dringender heiraten als Sie ihn?

Er hat ein Jahr lang auf mich eingeredet, bis ich zugestimmt habe. Aber das ist eben so, wenn man jemanden halten will und denkt: Wenn ich sie heirate, wird es ihr etwas schwerer fallen zu gehen. Er sagte auch: Du warst ja schon mal verheiratet, für Dich ist das nicht mehr so wichtig. Aber für mich ist es das erste Mal, und ich will das eben.

Sie leben jetzt schon lange nicht mehr zusammen. War es für Sie als Frau, die sich selbst verwirklicht, schwer, einen Mann auf Augenhöhe zu finden?

Klar. Ich leb ja allein. Es ist für Männer oft schwierig, neben starken Frauen zu bestehen. Als ich jünger war, hab ich das oft gespürt. Die Männer sagten, wir sind für Frauenemanzipation und Gleichberechtigung, aber dann guckte man, wie sie selber leben in ihrem kleinen häuslichen Bereich, und da waren sie gar nicht mehr so fortschrittlich. Da wollten sie, dass die Frau da bleibt, wo sie immer war. Sehr oft hab ich das erlebt. Gerade bei den Linken. Jetzt finde ich es angenehm, allein zu sein. Ich stehe ja nicht alleine da auf der Welt. Ich habe einen Sohn. Ich habe lange genug mit Männern zusammengelebt. Alles, was man mit Männern erfahren kann, habe ich erfahren.

Wie wäre denn die ideale Partnerschaft?

Dass man sich gegenseitig dabei unterstützt, seine Talente einzusetzen und auszuleben. Dass man sich gegenseitig Mut macht und dabei hilft, aus dem, was man nun mal hat als Möglichkeit, etwas zu machen. Hannah Arendt und Heinrich Blücher, die hatten so eine Beziehung.

In Ihrem Film schildern Sie diese Beziehung, die da schon 25 Jahre andauert, als sehr innig. Immer, wenn sie ihren Mann sieht, leuchtet Hannah Arendts Gesicht wie das eines verliebten Mädchens.

Die beiden haben sich auch unglaublich gefetzt, die konnten richtig schön streiten. Und er war ein Womanizer, er hatte seine Freundinnen. Aber da war eben so eine Grundtoleranz: den anderen anzuerkennen, wie er ist, und da war ein großer geistiger Austausch. Dazu kam natürlich, dass der jeweils andere ein Stück Zuhause darstellte, das, was noch geblieben war von Deutschland, außer der Sprache. Mit dem Exil in Paris, wo sie sich 1936 kennengelernt haben, begann das zusammen Denken und die Welt betrachten. Und sich verstecken. Die hatten nun wirklich keinen Pass. Ich hatte ja einen. Aber meiner Mutter ging das zu Beginn, als sie aus Moskau, dem Zarenreich, fliehen musste, auch so, dass sie nichts hatte, um sich auszuweisen. Da hat ein norwegischer Diplomat einen Pass für diese Menschen erfunden, den Fremdenpass. Dass sie wenigstens ein Papier hatten und sagen konnten: Ich habe zwar keinen Staat, zu dem ich gehöre, aber das bin ich. Doch diese Emigranten hatten noch nicht einmal das. Es gibt ein paar Bücher von Erich Maria Remarque, die diese Zeit der Emigranten in Paris beschreiben. Sehr lesenswert.

Bei Remarque zerbrechen die Menschen häufig an dieser Situation. Was trägt einen denn dann?

Haltung, Intellekt, Bildung. Das kann einem helfen. Aber Walter Benjamin hat sich zum Schluss umgebracht, als es nicht geklappt hat mit der Flucht nach Portugal. Da konnte er nicht mehr, da wollte er nicht mehr. Es gab natürlich Menschen, die das nicht durchgestanden haben.

Geprägt von Hannah Arendt

Hannah Arendts Stärke ist auch das Thema Ihres Films, der beschreibt, wie sie 1961 in Israel den Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann beobachtet und erträgt, aufs Schärfste angefeindet zu werden, weil sie in Eichmann kein Monster, sondern einen schlichten Bürokraten sieht. Woher kam diese Kraft?

Von der Mutter, mit der sie aufgewachsen ist. Der Vater ist gestorben, als sie acht war. Die Mutter war auch sehr freiheitsdenkend, sehr gebildet und hing Rosa Luxemburg als Vorbild an. Hannah Arendt ist schon sehr früh so behandelt worden, als sei sie eine Erwachsene. Ihr wurde viel zugetraut, und sie bekam viel Unterstützung der Mutter.

Anfang der Sechzigerjahre, zu der Zeit, die der Film beschreibt, lebt Hannah Arendt als anerkannte Philosophin in New York. Aber sie ist auch eine Frau in einer Männerwelt. Wie sehr hat das ihr Denken geprägt?

Hauptsächlich hat natürlich Martin Heidegger sie geprägt. Da sind sie ja alle hingestürzt. Der war der heimliche König des Denkens. Alle jungen Menschen, die damals Philosophie studierten, einen neuen Weg des Denkens gehen wollten, die sind zu Heidegger gegangen. Das waren natürlich meist Männer. Aber sie war von Anfang an so brillant, dass sie dieses Männer-Frauen-Problem nie hatte. Sie sah auch noch schön aus. Wenn Sie Bilder der 18-jährigen Hannah Arendt sehen – sie war wunderschön. Und wurde dementsprechend verehrt von ihren männlichen Kollegen.

Im Film sagen die männlichen Kollegen aber auch: „Hannah Arendt, so viel Arroganz und so wenig Gefühl …“

Das ist das, was man einer Frau vorwirft, wenn sie sehr intelligent ist, und das auch zeigt. Ich meine, sie hat ja nie verborgen, dass sie intelligenter war als andere. Dann wird sie eben auf diese Weise abgekanzelt. Da kann man eben nicht mehr sagen, die ist doof, oder die weiß nichts, sondern: Die ist gefühllos und arrogant.

Im Film kann man Hannah Arendt beim Denken buchstäblich zusehen: Sie beobachtet Adolf Eichmann beim Gerichtsprozess, und man spürt, wie sie eine ganz eigene Haltung zu ihm entwickelt. Auf sich selbst zu vertrauen, auch wenn man mit seiner Meinung allein steht – das schaffen nicht viele Menschen.

Ich denke, dass sie ihre Unabhängigkeit ganz stark entwickelt hat, als sie 1933 weg musste aus Deutschland. Sie hat ja zunächst hauptsächlich in der Philosophie gelebt. Als Emigrantin hat sie zum ersten Mal in die Welt geblickt und gemerkt, was da los ist. Und dazu musste sie sich verhalten. Ihr Mann, Heinrich Blücher, hatte ein ganz eigenständiges Denken. Er war ein Proletarier, der sich selbst gebildet hatte. Die beiden haben sich gegenseitig viel beigebracht. Das große Argument von Hannah Arendt ist ja auch: Will ich mit diesem Menschen, der ich wäre, wenn ich mich so oder so verhalte, noch zusammen auf der Welt sein? Will ich mit mir zusammen leben in der Welt, wenn ich unmoralisch handele? Das finde ich einen tollen Gedanken. Dass es nicht ein Gesetz gibt oder jemanden, der einem sagt, da geht es lang. Das kann natürlich auch unbewusst geschehen. Während des Nationalsozialismus haben oft ganz einfache Menschen anderen geholfen. Es waren sogar überwiegend einfache Menschen, die Juden versteckt haben. Da brauchst du keinen großen Überbau. Das war das Gefühl: Da kannst du jetzt gar nicht anders handeln. Das ist vielleicht nicht allen gegeben. Und viele, viele haben eben sehr gut mit sich leben können.


Warum zeigen Sie im Film Originalaufnahmen aus dem Eichmann-Prozess?

Das war für mich von Anfang an klar. Um Hannah Arendts Analyse Eichmanns nachvollziehen zu können, muss man den echten Menschen sehen. Wenn man da einen Schauspieler genommen hätte, hätten alle nur gesagt: Mensch, das macht der aber gut. Man hätte immer nur die Brillanz des Schauspielers gesehen, aber nicht die Mittelmäßigkeit dieses Mannes.

Wie ist der Film in Israel aufgenommen worden? Dort ist Hannah Arendt immer noch umstritten.

Ihr Buch über den Prozess ist dort erst 2002 erschienen, in Amerika und in Deutschland 1963. Daran kann man ablesen, wie sehr sie sich gewehrt haben. Der Film wurde erstaunlich gut aufgenommen. Ich hatte mehr Abwehr erwartet. Aber das war auch ein Frauenfilmfestival, die richtige Premiere ist erst im April.

Ein Frauenfilmfestival?

Ja, die haben da eine ganze Retrospektive von mir gezeigt. Ich hatte eigentlich zugesagt, weil die landesweite Premiere zur gleichen Zeit sein sollte. Ich fahre ja nicht mehr zu jedem Frauenfilmfestival, das ist vorbei. Aber dann haben sie die Premiere kurzfristig auf April verschoben, und da konnte ich dem Festival nicht mehr absagen. Es hat mir auch sehr gefallen. Die Frauen waren alle sehr intelligent und aufgeschlossen.

Jetzt haben wir doch viel über Frauen gesprochen.

Ja, ja, es war schon in Ordnung. Ich nehme das alles auch nicht mehr so ernst. Das ist ja das Gute, wenn man älter ist: Man ist nicht mehr so radikal.

Das Interview führten Petra Ahne und Rudolf Novotny. "Hannah Arendt" kommt kommt am 10. Januar in die Kinos.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Ressort

Aktuelle Nachrichten aus der Gesellschaft.

Kalenderblatt 2014: 22. November

Das aktuelle Kalenderblatt für den 22. November 2014: Mehr...

Fotostrecken
Bambi 2014: Die Hin- und Weggucker

Ist sie frisch aus dem Dschungel entkommen? Nein, das soll wohl so. Das österreichische Model Larissa Marolt präsentiert - Mode. Mehr in unserer Fotostrecke: Die Hin- und Weggucker der Bambi-Verleihung.

Außerdem:
Fotostrecke: Die Bambi-Preisträger in Bildern
Fotostrecke: Prominente auf dem roten Teppich
Fotostrecke: Diese Preisträger standen schon fest

Videonachrichten Panorama
Anzeige
Fotostrecke
Costa Concordia

Das Wrack der Costa Concordia fasziniert - möglicherweise wegen des starken Kontrasts, der ihm innewohnt. Hier der verbogene und angerostete Teil, der eineinhalb Jahre unter Wasser lag. Dort jene farbenfrohen Flächen, die den Eindruck vermitteln, es sei nichts passiert. Wir haben einige Motive im Großformat zusammengestellt: Zur Premium-Galerie.

Videonachrichten Leute
Fotostrecke
Hunde-Dusche: Ein Labrador-Golden-Retriever-Mischling bekommt in Deutschlands erstem Hundewaschsalon in Duisburg eine Dusche.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.